An der Oberfläche wirkt alles nach wie vor glatt und geschmeidig. Die Ölversorgung der Welt ist zwar durch die Sperrung der Straße von Hormus seit über zwei Monaten drastisch eingeschränkt, aber die Wirtschaft scheint weiter zu laufen. Die Börsen eilen sogar von Rekord zu Rekord. Krisenstimmung sieht anders aus. Doch unter der Oberfläche brodelt es, und das zeigen derzeit diverse aktuelle Daten. Vor allem in Deutschland geraten die Unternehmen immer stärker in Bedrängnis. Denn hier drücken nicht nur die aktuellen geopolitischen Turbulenzen auf Umsätze und Gewinne, hier kommen noch die ungelösten strukturellen Probleme hinzu. Das ist ein gefährlicher Cocktail, der schon bald drastische Konsequenzen haben wird, wenn der Regierung nicht endlich eine Trendwende gelingt. Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugen (verlinkt auf https://eur01.safelinks.protection.outlook.com/?url=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2Fpreferences%2Fsource%3Fq%3Dwelt.de&data=05%7C02%7Cfrank.stocker%40welt.de%7Ceddc4e23038a41bcc77008deb702b786%7Ca1e7a36c6a4847689d653f679c0f3b12%7C0%7C0%7C639149419611547898%7CUnknown%7CTWFpbGZsb3d8eyJFbXB0eU1hcGkiOnRydWUsIlYiOiIwLjAuMDAwMCIsIlAiOiJXaW4zMiIsIkFOIjoiTWFpbCIsIldUIjoyfQ%3D%3D%7C0%7C%7C%7C&sdata=GlORWYEbkMm3FXhdGyNpyF0hP8p4PC9GsjmMmiWDwdY%3D&reserved=0) Wie schlecht die Stimmung hierzulande mittlerweile ist, zeigen vor allem die aktuellen Ergebnisse einer Umfrage unter Firmenlenkern, die die Unternehmensberatung EY-Parthenon regelmäßig weltweit durchführt. Dazu wurden im April 1200 CEOs befragt – die Ergebnisse liegen WELT exklusiv vor. Demnach blicken global inzwischen nur noch 18 Prozent „sehr optimistisch“ auf die konjunkturelle Entwicklung (verlinkt auf https://www.welt.de/wirtschaft/plus69f9e783cd4a28c47001c4a7/exportnation-in-der-krise-jetzt-raecht-sich-die-deutsche-abhaengigkeit-vom-ausland.html) , in Deutschland sind es mit 17 Prozent noch etwas weniger. Im September vergangenen Jahres lag der Anteil weltweit noch bei 35 und in Deutschland bei 36 Prozent. Besonders heraus sticht jedoch, dass in Deutschland der Anteil der Schwarzseher so groß ist wie sonst nur noch in China (verlinkt auf https://www.welt.de/finanzen/plus69ef1411e2f6ed7a5d88888a/china-die-unsichtbare-wende-was-china-gefaehrlicher-wird-als-jede-krise-von-aussen.html) : 14 Prozent sind eher oder sehr pessimistisch, global sagen das nur neun Prozent, in Frankreich sind es nur sechs Prozent, in den USA fünf und in Großbritannien sogar nur ein Prozent. Die deutschen Firmen blicken also besonders angsterfüllt in die Zukunft. Vor allem geopolitische Risiken treiben die Sorgen der Unternehmen. Mehr als jeder zweite CEO weltweit nennt politische Instabilität und Kriege als größte Bedrohung für das eigene Geschäft. Hinzu kommen Lieferkettenprobleme, Handelsbarrieren und hohe Energiepreise. (verlinkt auf https://www.businessinsider.de/wirtschaft/inflation-energiepreise-und-nahost-krise-erhoehen-den-druck/) „Der Druck auf die Unternehmen nimmt weiter zu“, sagt Sandra Krusch, Managing Partner bei EY-Parthenon Deutschland. „Geopolitische Konflikte, Handelsbarrieren, fragile Lieferketten, hohe Energiepreise und tiefgreifende technologische Umbrüche treffen gleichzeitig aufeinander.“ Wie ernst die Lage inzwischen ist, zeigt auch der am Donnerstag veröffentlichte deutsche Einkaufsmanagerindex, der regelmäßig von S&P Global erhoben wird. Die Einkaufsabteilungen der Unternehmen erleben meist als erste, wenn sich Veränderungen ergeben, daher geben die Einschätzungen dieses Bereichs besonders gute Hinweise auf die aktuelle Lage. Für die Gesamtwirtschaft liegt der Index nun im Mai nur noch bei 48,6 Punkten und damit erneut unter der Schwelle von 50 Punkten, die als Grenze zwischen Wachstum und Rezession gilt. Damit sei die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal 2026 auf Schrumpfkurs, sagt Phil Smith, Ökonom bei S&P Global Market Intelligence. Vor allem der Dienstleistungssektor schrumpfe deutlich, während die Industrieproduktion nahezu stagniere. Gleichzeitig verschärfe sich der Kostendruck massiv. Denn höhere Energiepreise und Lieferengpässe ließen die Einkaufspreise zuletzt so stark steigen wie seit dreieinhalb Jahren nicht mehr. Besonders problematisch sei, dass die Unternehmen steigende Kosten nicht mehr vollständig an ihre Kunden weitergeben könnten, so Smith. Dadurch gerieten die Gewinnmargen unter Druck, was wiederum den Stellenabbau beschleunige. Zu diesen Herausforderungen, die vor allem auf die geopolitische Lage zurückgehen, gesellen sich die spezifisch deutschen Probleme, wie eine weitere aktuelle Umfrage exemplarisch zeigt, erhoben vom Ifo-Institut. Dabei gab jedes vierte Industrieunternehmen an, dass es im Vergleich zu Konkurrenten außerhalb der EU an Wettbewerbsfähigkeit verliert. In der Automobilindustrie berichten sogar rund 38 Prozent der Unternehmen von sinkender internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Besonders betroffen sind außerdem Maschinenbauer sowie Metallindustrie und Zulieferer. „Die deutschen Unternehmen stehen auf den Weltmärkten zunehmend unter Druck“, sagt Ifo-Experte Klaus Wohlrabe. Vor allem aber sei von einer Trendwende bislang nichts zu erkennen. Sandra Krusch zufolge geht daher gerade in Deutschland immer mehr die Zuversicht verloren, dass auf die Zeiten extremer Volatilität auch wieder Phasen mit einer ruhigeren Entwicklung folgen. „Das permanente Krisenmanagement, das Bekämpfen immer neuer Brandherde ist die neue Normalität“, sagt sie. Viele Unternehmen agierten im Dauerkrisenmodus und müssten dennoch langfristige, richtungsweisende Entscheidungen treffen. Einer der Rettungsanker ist für viele offenbar die Künstliche Intelligenz (verlinkt auf https://www.businessinsider.de/wirtschaft/nvidias-5-billionen-dollar-problem-rekordzahlen-reichen-der-boerse-ploetzlich-nicht-mehr/) . Laut EY-Parthenon planen 87 Prozent der deutschen Unternehmen, ihre KI-Investitionen im laufenden Jahr zu erhöhen, weltweit sind es 80 Prozent. Die größten Potenziale sehen die Firmen in der Produktion sowie bei Produkt- und Serviceinnovationen. Zudem hoffen viele auf einen Produktivitätsschub im Kundenservice sowie im Finanz- und Risikomanagement. Doch gerade in Deutschland stößt der KI-Ausbau offenbar auf erhebliche kulturelle Widerstände. Während weltweit 16 Prozent der CEOs von Vorbehalten innerhalb ihrer Belegschaften berichten, liegt der Wert in Deutschland mit 21 Prozent deutlich höher. Nur in Frankreich und China fällt der Widerstand noch stärker aus. Für die Unternehmen wird das zunehmend zum strategischen Problem. Denn viele Geschäftsmodelle verändern sich derzeit rasant. Gleichzeitig müssen Beschäftigte umgeschult und neue Kompetenzen aufgebaut werden. Fast die Hälfte der deutschen CEOs rechnet laut EY-Parthenon mit einer grundlegenden Neugestaltung von Rollenprofilen, mehr als ein Drittel plant zusätzliche Neueinstellungen für KI-Kompetenzen. Sandra Krusch spricht von einer „Symbiose von Mensch und KI“, die sich künftig im Berufsalltag durchsetzen werde. Rollen und Aufgabenprofile würden sich massiv verändern. Während KI also langfristig als Hoffnungsträger gilt, setzen viele Unternehmen kurzfristig vor allem auf strukturelle Veränderungen – und dabei insbesondere auf Fusionen und Übernahmen. Die M&A-Aktivität erreicht laut EY-Parthenon derzeit historische Höchststände. 68 Prozent der deutschen CEOs planen in den kommenden zwölf Monaten mindestens eine Übernahme oder Fusion. Das ist der höchste Wert seit Beginn der Erhebung im Jahr 2011. Weltweit liegt der Anteil bei 62 Prozent – ebenfalls ein Rekordwert. Parallel dazu steigt auch die Bereitschaft, Unternehmensteile zu verkaufen oder abzuspalten. Der Anteil deutscher Unternehmen mit geplanten Verkäufen von Geschäftsbereichen hat sich seit Januar nahezu verdoppelt. Viele Konzerne versuchen dadurch, schneller und flexibler zu werden. „Angesichts hoher Volatilität, geopolitischer Risiken und langsamer Entscheidungswege in komplexen Strukturen möchten sich immer mehr Unternehmen von Geschäftsbereichen trennen, um ihre Agilität zu steigern“, sagt Krusch. So ruhig das Bild also an der Oberfläche auch erscheinen mag, so dramatisch ist die Lage darunter. „Deutschland droht im internationalen Wettbewerb weiter zurückzufallen“, sagt Ifo-Experte Wohlrabe. „Um gegenzusteuern, sind Reformen unabdingbar.“ Doch da dies bislang nicht geschieht, sind die Unternehmen offenbar inzwischen auch zu drastischen Konsequenzen bereit. „Unterm Strich ist die Bereitschaft, auch radikale Einschnitte vorzunehmen, derzeit so hoch wie schon sehr lange nicht“, sagt Sandra Krusch. Wenn die Regierung in Berlin also nicht endlich das Ruder herumreißt, dürfte die deutsche Unternehmenslandschaft schon bald ganz anders aussehen. Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „ Business Insider Deutschland (verlinkt auf http://www.businessinsider.de) “ erstellt. Frank Stocker (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/frank-stocker/) ist Wirtschafts- und Finanzkorrespondent in Frankfurt. Er berichtet über Geldanlage (verlinkt auf https://www.welt.de/finanzen/geldanlage/) , Finanzmärkte (verlinkt auf https://www.welt.de/finanzen/) , Konjunktur (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/konjunkturentwicklung/) und Zinspolitik (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/zinsen/) . Zudem hat er Bücher zur Inflation von 1923 (verlinkt auf https://www.welt.de/wirtschaft/article240459539/Frank-Stocker-zur-Inflation-von-1923-Als-die-Regierung-Gold-und-Devisen-beschlagnahmte.html) und zur Geschichte der D-Mark (verlinkt auf https://www.welt.de/wirtschaft/plus244937510/Deutsche-Mark-Panikkaeufe-laeuteten-das-Wirtschaftswunder-ein.html) veröffentlicht.