Welt 04.06.2026
12:29 Uhr

„Denn eins ist sicher: die Rente“ – eine Lüge, die sich seit 40 Jahren hält


Die Altersvorsorge gehört zu den schwierigsten Politikfeldern überhaupt. Konrad Adenauers Rentenreform funktionierte nur von 1957 bis Anfang der 1990er-Jahre einigermaßen. Seitdem steht das System ständig vor dem Zusammenbruch.

„Denn eins ist sicher: die Rente“ – eine Lüge, die sich seit 40 Jahren hält

Gelaufen war Norbert Blüm sicher nicht, und das hatte nichts mit seinen bei 1,64 Meter Körperlänge naturgemäß kurzen Beinen zu tun, über die er manchmal selbst launige Witze riss. Mitten in der Woche viereinhalb Kilometer spazieren gehen: Das konnte sich selbst in der beschaulichen Bundeshauptstadt Bonn im Frühjahr 1986 kein Minister leisten. Blüm, seit Oktober 1982 (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article691d92871e5b9ce006814ae1/vertrauensfrage-diese-kanzler-machten-von-ihrer-staerksten-waffe-gebrauch.html) im Kabinett Kohl zuständig für Arbeit und Soziales, ließ sich an diesem 22. April 1986, einem Dienstag, also sicher von seinem Dienstsitz in der Rochusstraße zum Bonner Marktplatz fahren. Dort wollte er bei einem Fototermin eine große, immerhin acht Millionen Mark teure Kampagne starten, zu der 15.000 Werbeplakate, Hunderttausende Informationsbroschüren und Anzeigen in zahlreichen Zeitungen gehörten. In durchaus eigenwilliger, dem Duden entgegengesetzter Groß- und Kleinschreibung hieß der Slogan dieser Kampagne: „denn eins ist sicher: Die Rente“. Doch die Orthografie war nicht das eigentliche Problem dieser Aussage – sondern ihre „kurzen Beine“. Denn schon am 22. April 1986 war jedem Sachkenner klar, dass es sich bei Blüms Behauptung um nichts anderes als eine handfeste Lüge handelte. Seit der Rentenreform 1957 beruhte die Altersvorsorge auf einem Umlagesystem: Gegenwärtig berufstätige Beitragszahler gaben einen Teil ihres Lohns an ehemalige Arbeitnehmer im Ruhestand ab. Dafür bekamen sie zugesichert, dass in einigen Jahrzehnten, wenn sie selbst nicht mehr aktiv waren, die dann jüngeren Erwerbstätigen das Gleiche für sie tun würden – und zwar dynamisch, also nicht mit festen Geldbeträgen, sondern entsprechend der Lohnentwicklung erhöht. Dieses Umlagesystem, gesteuert vom Staat und gesetzlich garantiert, hing von zwei Bedingungen ab: Erstens musste es genügend Beitragszahler pro Rentenempfänger geben, und zweitens durfte die Dauer des Rentenbezugs nicht zu groß werden. Als Bundeskanzler Konrad Adenauer in seiner zweiten Amtszeit – übrigens gegen den Widerstand seines Wirtschaftsministers Ludwig Erhard (verlinkt auf https://www.ludwig-erhard.de/gerechtigkeit-und-verantwortung-in-der-rentenpolitik/) – diese dynamische Umlagerente politisch durchsetzte, betrug die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern in der Bundesrepublik knapp 66 Jahre, von Frauen 69 Jahre. Trotz der schlimmen Kriegsverluste (rund 5,4 Millionen Männer und 900.000 Frauen für ganz Deutschland) führte das zu einem Verhältnis von sechs Rentenbeitragszahlern pro Rentenempfänger. Doch bei diesen Werten blieb es nicht: 1973 waren es nur noch vier Beitragszahler pro Rentenempfänger, 1986 etwa 3,1 und 1989 wurde die Schwelle von drei Einzahlern pro Rentner unterschritten. Der Hauptgrund war die ständig steigende Lebenserwartung, denn Einzahler gab es dank der geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge 1955 bis 1964 einstweilen genug. Weil Männer Mitte der 1980er-Jahre bereits durchschnittlich 71 Jahre alt wurden, Frauen sogar 78 Jahre, hatte sich die Rentenbezugsdauer gegenüber 1957 verdreifacht. Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugen (verlinkt auf https://eur01.safelinks.protection.outlook.com/?url=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2Fpreferences%2Fsource%3Fq%3Dwelt.de&data=05%7C02%7Cmartin.klemrath%40welt.de%7Ceddc4e23038a41bcc77008deb702b786%7Ca1e7a36c6a4847689d653f679c0f3b12%7C0%7C0%7C639149419721017734%7CUnknown%7CTWFpbGZsb3d8eyJFbXB0eU1hcGkiOnRydWUsIlYiOiIwLjAuMDAwMCIsIlAiOiJXaW4zMiIsIkFOIjoiTWFpbCIsIldUIjoyfQ%3D%3D%7C0%7C%7C%7C&sdata=U%2FP6GJ%2BDkT7ogD9ZkhhtNrJ2B501jJGioxt5GcjrDqo%3D&reserved=0) Der „Pillenknick“ bei den Geburtsjahrgängen ab 1966 führte schon zur Zeit von Blüms Kampagne zu deutlich kleineren Zahlen von Berufseinsteigern, also künftigen Beitragszahlern. Gegen die dadurch aufkommende Verunsicherung richtete sich der millionenteure Werbefeldzug. Doch der Slogan war immer eine Lüge. „Sicher“ im eigentlichen Sinne kann eine umlagefinanzierte Altersvorsorge bei einer veränderlichen Demografie niemals sein – ebenso wenig wie eine rein kapitalgedeckte Rente, die naturgemäß von den Fährnissen des Finanzmarktes abhängig ist. Doch statt Vorsorge für diese Mitte der 1980er-Jahre längst absehbaren Risiken zu treffen, tat Blüm im Einvernehmen mit Bundeskanzler Helmut Kohl und Familienministerin Rita Süssmuth (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/nrw/article697f76cafa531953d5218319/unbequem-und-ihrer-zeit-voraus-rita-suessmuth-ist-tot.html) das Gegenteil: Rentenleistungen wurden ausgebaut. Am 6. Juni 1986 debattierte das Parlament in Bonn die Rentenpolitik. „Die Bundesregierung hat vor dem Bundestag ihre Absicht bekräftigt, auch den sogenannten Trümmerfrauen eine höhere Rente zu gewähren“, berichtete WELT: „Bei der Aussprache über das Gutachten des Sozialbeirats zur Strukturreform der Rentenversicherung konzentrierte sich der Streit zwischen Regierung und Opposition auf die Frage, ob die Renten sicher sein und wie die in den 1990er-Jahren notwendige Reform aussehen müsse.“ Redner der SPD hielten der Regierung vor, die Renten seien je nach Konjunkturverlauf lediglich bis 1989 oder 1993 sicher. Die kurz zuvor gestartete Werbeaktion der Bundesregierung zum Thema Renten sei daher eine „schamlose Vergeudung von Steuergeldern“. Blüm wies diesen Vorwurf scharf zurück. Die Regierung Kohl habe die Rentenversicherung erst „aus dem Dreck gezogen“. Jetzt, wiederholte er, sei die „Altersversorgung gesichert“. Die Beiträge zur Rentenversicherung könnten sogar wie vorgesehen zum 1. Januar 1987 um ein halbes Prozent gesenkt werden. „Bereits 1986 war klar, dass ,die Rente‘ der gesetzlichen Rentenversicherung Finanzierungsprobleme hatte“, erklärt Aloys Prinz, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Münster (verlinkt auf https://www.wiwi.uni-muenster.de/fakultaet/de/news/1526) : „Diese wurden durch die Frührentenpolitik der 1970er-Jahre und Vorruhestandsregelungen von 1984 und 1988 als Teil der Arbeitsmarktpolitik noch verstärkt.“ Das deutsche Rentensystem steht seit den 1970er-Jahren doppelt unter Druck. Einerseits erodiert die Zahl der Beitragszahler – statt 1,36 Millionen lebendgeborenen Kindern in Deutschland 1964 kamen 2025 nur noch 654.300 Säuglinge zur Welt, also weniger als die Hälfte, 2023 waren es nur noch rund 693.000. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung dank medizinischer Fortschritte und weniger körperlicher Schwerarbeit – auf inzwischen 79 Jahre bei Männern und 83 Jahre bei Frauen. Gab es 1986 etwa 1900 Hundertjährige in Deutschland, sind es 2026 etwa zehnmal so viele – bei einer Zunahme der Gesamtbevölkerung von nicht einmal zehn Prozent. Andererseits sind die versicherungsfremden Leistungen immer weiter ausgedehnt worden. Dazu gehörten sozialpolitische Geschenke wie der Rentenzuschlag für Trümmerfrauen, aber auch alle anderen Auszahlungen, denen keine entsprechenden Beiträge gegenüberstehen. Also etwa die „Mütterrente“ und die Anrechnung von Phasen der Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Ausbildung, in denen keine Beiträge gezahlt wurden. Nach der Wiedervereinigung 1990 wurde das DDR-Rentenwesen in das gesamtdeutsche Altersversorgungssystem überführt, was natürlich hohe Defizite verursachte. All diese Ausgaben wurden und werden aus Steuermitteln gedeckt; im Bundeshaushalt 2026 sind über 127,8 Milliarden Euro dafür eingeplant. So zahlen heutige Arbeitnehmer gleich doppelt für Rentner: über die eigentlichen Rentenbeiträge sowie über einen großen Teil ihrer Steuern. (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article6925b6cdf60b758bebd571d6/auftritt-in-berlin-arbeitsministerin-baerbel-bas-wird-fuer-satz-ueber-rentenpaket-ausgelacht.html) Und, schlimmer noch: Durch die zur Deckung der aufgenommenen immensen Schulden zahlen auch die gegenwärtig noch gar nicht arbeitenden, ja sogar die noch gar nicht geborenen künftigen Deutschen für aktuelle Renten. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur und Terrorismus. Er rechnet nicht damit, ab 2038 noch eine nennenswerte Rente aus dem staatlichen Rentensystem zu bekommen.