Die faktische Schließung der Straße von Hormus hat nach Einschätzung von Ökonomen weitreichende wirtschaftliche Folgen, die über den Energiesektor hinausreichen und globale Lieferketten sowie die Ernährungssicherheit belasten. Hintergrund ist die militärische Eskalation zwischen den Vereinigten Staaten, Israel und Iran, in deren Verlauf der Schiffsverkehr durch die Meerenge stark eingeschränkt wurde. Die Straße von Hormus gilt als einer der wichtigsten Seewege der Welt: Rund ein Fünftel des global gehandelten Erdöls und etwa ein Viertel des Flüssigerdgases passieren das nur wenige Seemeilen breite Nadelöhr zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman. Eine aktuelle Analyse des Kiel Instituts für Weltwirtschaft kommt zu dem Ergebnis, dass die Auswirkungen der Störung deutlich über steigende Öl- und Gaspreise hinausgehen. Demnach löst die Unterbrechung der Energieflüsse eine Kettenreaktion aus, die insbesondere die chemische Industrie, die Düngemittelproduktion und in der Folge die weltweite Nahrungsmittelversorgung betrifft. „Ein Energieschock wird schnell zu einem Düngemittelschock und schließlich zu einer Ernährungskrise“, sagte Julian Hinz, Leiter der Forschungsgruppe Handelspolitik am Kiel Institut. Die Eskalation im Nahen Osten hat dazu geführt, dass der Tankerverkehr durch die Meerenge innerhalb weniger Tage nahezu zum Erliegen kam. Während sich die politische und mediale Aufmerksamkeit bislang vor allem auf die Versorgung mit Öl und Gas konzentriert, verweist die Studie auf eine breitere Abhängigkeit vom Persischen Golf. Eine begrenzte Zahl von Anrainerstaaten dominiert demnach die Exporte zahlreicher strategisch wichtiger Güter – darunter Petrochemikalien, Düngemittel, energieintensive Metalle sowie bestimmte Agrarprodukte. Viele dieser Waren lassen sich kurzfristig kaum aus anderen Regionen ersetzen. Besonders stark betroffen sind Vorprodukte wie Methanol und Harnstoff, die auf Erdgas basieren und eine zentrale Rolle in Landwirtschaft und Industrie spielen. Auch Aluminium, Stahl und weitere energieintensive Erzeugnisse werden in der Golfregion in großem Umfang produziert. Nach Angaben des Kiel Instituts ist die globale Abhängigkeit von diesen Lieferungen in den vergangenen Jahrzehnten nicht gesunken, sondern in mehreren Sektoren sogar gestiegen. Die wirtschaftlichen Folgen treffen die Regionen unterschiedlich. Nach den Berechnungen der Ökonomen könnten die Nahrungsmittelpreise in Teilen Südasiens – etwa in Sri Lanka, Pakistan und Indien – im Fall einer kurzfristigen vollständigen Schließung der Straße von Hormus um zehn bis 15 Prozent steigen. Die geschätzten Wohlfahrtsverluste liegen dort zwischen minus 1,8 und minus 3,5 Prozent. In Subsahara‑Afrika und Teilen des Nahen Ostens fallen die relativen Belastungen ebenfalls deutlich höher aus als in den Industrienationen, da viele Länder entlang der Wertschöpfungskette stark von Importen abhängig sind. Zum Vergleich: In der Europäischen Union veranschlagt die Studie Wohlfahrtsverluste von unter einem Prozent, in den Vereinigten Staaten sogar nur im Zehntelprozentbereich. Eine Ausnahme bilden erdölexportierende Staaten, die teilweise von höheren Energiepreisen profitieren. Zusätzliche Brisanz erhält die Lage durch den Zeitpunkt der Störung. März und April gelten auf der Nordhalbkugel als zentrale Monate für die Ausbringung von Düngemitteln. Engpässe in dieser Phase könnten Ernteerträge nachhaltig beeinträchtigen. Zwar seien mittelfristig Anpassungen der Lieferketten möglich, strukturelle Schäden in Landwirtschaft und Industrie ließen sich jedoch nicht kurzfristig beheben, heißt es in der Analyse. Die wirtschaftlichen Risiken unterstreichen die internationale Dimension des Iran‑Konflikts. Während Teheran die Kontrolle über die Meerenge als strategisches Druckmittel nutzt und die USA sowie Israel auf militärische Abschreckung setzen, geraten Drittstaaten zunehmend in Mitleidenschaft. Ökonomen sehen deshalb einen wachsenden Bedarf an politischer Koordination, etwa durch strategische Düngemittelreserven, Notfallmechanismen für Nahrungsmittelhilfe und langfristig durch eine stärkere Diversifizierung von Energie- und Rohstoffquellen. Nach Einschätzung des Kiel Instituts geht es dabei weniger um globale Durchschnittswerte als um die Verteilung der Lasten. Für einkommensschwache Länder könne ein Schock, der auf weltwirtschaftlicher Ebene beherrschbar erscheine, rasch zu einer akuten Versorgungskrise werden.