Welt 02.06.2026
11:24 Uhr

„Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen – man weiß nie, was man bekommt“


Eine große Kino-Reise durch die US-Geschichte und ‑Kultur von den 50ern bis in die 80er-Jahre, ebenso oft augenzwinkernd wie (melo-)dramatisch. Nicht von ungefähr war „Forrest Gump“ im Jahr 1994 ein großer Hit und hat bis heute viele Fans.

„Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen – man weiß nie, was man bekommt“

Zwischen allen Stühlen zu sitzen, kann manchmal goldrichtig sein. So wie im Falle des Filmklassikers „Forrest Gump“ von 1994. Dieser enthält einige Kriegsszenen, denn die Titelfigur, gespielt von Tom Hanks, muss als G.I. im Vietnamkrieg kämpfen. Doch es ist kein Kriegsfilm. Die Liebe spielt eine große Rolle, denn Gump wird immer wieder auf Jenny (Robin Wright) treffen, die Liebe seines Lebens, und schließlich der Vater ihres Sohnes werden. Doch „Forrest Gump“ ist kein typischer Liebesfilm. Die mehrere Jahrzehnte umfassende Handlung lässt Forrest einige zentrale Episoden der US-Geschichte miterleben. Doch es ist kein „echter“ Historienfilm oder Politthriller. Stattdessen ist „Forrest Gump“ all dies auf einmal – und mehr: die berührende Lebensgeschichte eines Jungen, der im US-Südstaat Alabama der 1950er-Jahre ob seines geringen IQs und seiner Beinschienen, die er wegen einer Wirbelsäulenverkrümmung tragen muss, von seinen Mitschülern gehänselt wird. Doch was Gump an Intelligenz fehlen mag, macht er mehr als wett durch sein großes Herz und seine Anständigkeit. Er ist ein einfacher, aber eben guter Mensch, der anderen hilft, wo er kann; der ungeahnte Möglichkeiten beim Schopf ergreift, teils zum Spielball der Ereignisse wird, diese aber ungewollt, quasi „aus Versehen“ entscheidend beeinflusst. Er nimmt es, wie es kommt, und macht das Beste daraus, getreu seinem Motto: „Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen – man weiß nie, was man bekommt.“ Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugen (verlinkt auf https://eur01.safelinks.protection.outlook.com/?url=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2Fpreferences%2Fsource%3Fq%3Dwelt.de&data=05%7C02%7Cmartin.klemrath%40welt.de%7Ceddc4e23038a41bcc77008deb702b786%7Ca1e7a36c6a4847689d653f679c0f3b12%7C0%7C0%7C639149419721017734%7CUnknown%7CTWFpbGZsb3d8eyJFbXB0eU1hcGkiOnRydWUsIlYiOiIwLjAuMDAwMCIsIlAiOiJXaW4zMiIsIkFOIjoiTWFpbCIsIldUIjoyfQ%3D%3D%7C0%7C%7C%7C&sdata=U%2FP6GJ%2BDkT7ogD9ZkhhtNrJ2B501jJGioxt5GcjrDqo%3D&reserved=0) Bald schüttelt er die Beinschienen ab, wird zum Sportstar und Erfolgsunternehmer, lebt den „amerikanischen Traum“ von Freiheit und Erfolg, und fast nebenbei absolviert er eine große Reise durch die amerikanische Zeitgeschichte. Er trifft dabei auf etliche herausragende Persönlichkeiten wie Elvis Presley, den er zu seinem typischen Hüftschwung inspiriert, oder die US-Präsidenten John F. Kennedy und Richard Nixon (wobei Gump im Film die Watergate-Affäre (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article247287186/Richard-Nixon-Diese-Bastarde-Die-haben-mir-alles-weggenommen.html) auslöst, die Nixon zu Fall bringen wird). Das ist oft amüsant, manchmal tragikomisch, bisweilen auch todtraurig. Ein Film wie eine Pralinenschachtel – das ist ein Konzept, das durchaus hätte schiefgehen können, in Form etwa eines zu sehr mäandernden Werks, das zu beliebig ist und dessen ganz unterschiedliche Teile nicht zusammenpassen. Doch unter der Regie von Robert Zemeckis, auf dessen Konto damals bereits Klassiker wie „Zurück in die Zukunft“ von 1985 (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article256345188/Zurueck-in-die-Zukunft-Warum-der-Dreh-fast-gescheitert-waere.html) gingen, und einem lose auf der Romanvorlage von Winston Groom basierenden Drehbuch von Eric Roth wurde „Forrest Gump“ zu einem stimmigen Meisterwerk. Es wurde ein großer Publikumshit und erhielt sechs Oscars. Diese große Kino-Reise durch die US-Geschichte und ‑Kultur von den 50ern bis in die 80er-Jahre, ebenso oft augenzwinkernd wie (melo-)dramatisch, war auch deshalb so wirkungsvoll, weil sie (wie schon „Zurück in die Zukunft“) mit einer mitreißenden, mal leisen, mal bombastischen Filmmusik von Alan Silvestri unterlegt war. Und gespickt mit vielen Ohrwurm-Songs der damaligen Dekaden, entsprechender Nostalgie-Faktor inklusive. Dazu kamen Bilder, die von den neuen Möglichkeiten des damals noch jungen filmischen Mittels der Computereffekte Gebrauch machten. Nach „Terminator 2“ im Jahr 1990 und „Jurassic Park“ 1993 wurde „Forrest Gump“ 1994 zu einem weiteren frühen Meilenstein von CGI auf der Leinwand. Etwa wenn von Hanks vor einem neutralen Hintergrund gespielte Szenen per Computer in reale Archivaufnahmen hineinmontiert wurden und es tatsächlich so aussah, als wäre Gump auf den US-Präsidenten getroffen und hätte ihm die Hand geschüttelt. Was in heutigen Zeiten per KI massenhaft auf Social Media generiert wird, war Mitte der 1990er im Kino eben noch neu und spektakulär. Inhaltlich und in seiner Tonalität atmete „Forrest Gump“ viel von dem Geist des Zeitalters, in dem der Film entstand: Die 1990er waren in den USA und den westlichen Ländern geprägt von Optimismus und Lebensfreude. Denn der Kalte Krieg war just vorbei, Deutschland friedlich wiedervereint, und die US-Regierung glaubte an ein „russisches Wunder“ (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article243710973/Kalter-Krieg-Als-die-USA-noch-an-ein-russisches-Wunder-glaubten.html) , an Kooperation statt Konfrontation mit dem ehemaligen Gegner. Der US-Autor Francis Fukuyama spekulierte gar, ob nun das „Ende der Geschichte“ erreicht sei (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/plus181661954/Identitaet-Was-kommt-nach-dem-Ende-der-Geschichte-Herr-Fukuyama.html) , ein weltweiter Siegeszug westlicher liberaler Demokratie. Kriege (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article232060633/Zehn-Tage-Krieg-1991-So-stoppte-Slowenien-die-serbischen-Panzer.html) , Krisen und Wirtschaftsprobleme (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article210652171/Waehrungsunion-1990-BRD-DDR-Kommt-die-D-Mark-bleiben-wir-hier.html) gab es freilich trotzdem noch. Aber in der Wahrnehmung vieler war die Dekade mit einem breiten Lächeln versehen – einem „Smiley“ (der im Film natürlich ungewollt von Forrest erfunden wird). „Forrest Gump“ wurde dabei von Kritikern oft unterstellt, eine konservative Weltanschauung allzu plakativ zu propagieren und zu idealisieren. Etwa weil Gump eine Art Saubermann sei, der nicht rebelliert, sondern brav seine Pflicht tut, traditionelle amerikanische Werte vertritt, und dafür belohnt wird. Während Jenny, die sich der Hippie-Revoluzzer-Gegenkultur der späten 60er anschließt, unangepasst ist und Drogen nimmt, schließlich in ihr Verderben rennt. Regisseur Zemeckis und Hauptdarsteller Hanks betonten jedoch stets, ihr Werk sei „non-political and thus non-judgmental“, also unpolitisch und daher nicht wertend. Eben wie der Titelheld Forrest Gump, der ob seiner geistigen Einfachheit des „Overthinkings“, einer zu großen, gar ideologischen Verkopftheit, unverdächtig ist – aber das Herz am richtigen Fleck hat. Der einfach instinktiv und moralisch handelt, anstatt lange zu überlegen und zu hadern. Auch wenn man dann manchmal zwischen allen Stühlen sitzt. Für WELTGeschichte blickt Martin Klemrath (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/martin-klemrath/) neben klassischen historischen Themen auch regelmäßig auf popkulturelle Phänomene vergangener Jahrzehnte zurück. Etwa die großen Zeiten der amerikanischen „Late Night“-Shows, in denen Giganten wie Johnny Carson und David Letterman die Könige des Spätprogramms (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article697761f5dd950c55001c0561/late-night-show-die-koenige-des-spaetprogramms-und-ihre-erbitterten-schlachten-um-die-krone.html) waren.