Welt 03.06.2026
13:10 Uhr

„Automatisch mehr Waffen“ – Zverev sieht Generationen-Duell gelassen entgegen


Der Tscheche Jakub Mensik fordert im Halbfinale der French Open Alexander Zverev heraus. Der neun Jahre ältere Deutsche sieht sich gerüstet. Er verweist auf einen Schatz, über den Mensik seiner Ansicht nach nicht verfügt.

„Automatisch mehr Waffen“ – Zverev sieht Generationen-Duell gelassen entgegen

Olympiagold gegen Grand-Slam-Triumph? Auch die knifflige Frage, ob er den bislang größten Erfolg seiner Karriere gegen seinen Sehnsuchts-Titel tauschen würde, brachte Alexander Zverev nicht in die Bredouille. „Keine Chance“, sagte der deutsche Tennisstar ohne zu zögern. Aber, ergänzte Zverev lächelnd, „ich hätte nichts dagegen, auch noch ein paar Dinge meiner Liste hinzuzufügen“. Denn zwei großen Karrierezielen ist er bislang vergeblich hinterhergelaufen: die Nummer eins der Weltrangliste zu sein und einen Grand-Slam-Turniersieg zu gewinnen. Zumindest Letzteres ist nun bei den French Open (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/french-open/) zum Greifen nah: Nach einer titelreifen Leistung beim 7:6 (7:3), 6:1, 6:3 gegen den 19-jährigen Spanier Rafael Jódar (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/tennis/french-open/article6a1ec49af2919cfc74894248/french-open-2026-halbfinale-alexander-zverev-triumphiert-ueber-spaniens-jungstar-jodar.html) ist Zverev nur noch zwei Siege von der Karriere-Krönung entfernt. Und kein Jannik Sinner, kein Novak Djokovic und auch kein Carlos Alcaraz stehen ihm im Weg. Sinner und Djokovic mussten bei diesen French Open bereits früh die Heimreise antreten, der spanische Sandplatz-Titan Alcaraz fehlt verletzt. Der mögliche Stolperstein im Halbfinale heißt nun am Freitag (im Sport-Ticker der WELT) (verlinkt auf https://sportdaten.welt.de/tennis/atp/roland-garros/se109690/2026/ro296359/halbfinale/spiele-und-ergebnisse/) Jakub Mensik. Der 20-jährige Tscheche ist wie Jódar einer aus der neuen Generation, genau wie Mensiks unterlegener Viertelfinal-Gegner und Djokovic-Bezwinger João Fonseca (19). „Die spielen sehr, sehr gutes Tennis, die haben alle unfassbares Potenzial, klar“, sagte der rund zehn Jahre ältere Zverev. Aber mit dem Alter und der Erfahrung bekomme man „automatisch mehr Waffen“ in seinem Spiel. Und eine davon ist: Fokus. „Ich gebe jetzt das Interview, dann gehe ich was essen, danach eine Massage, spiele Mario Kart und gehe schlafen“, sagte Zverev nach dem Viertelfinalsieg unaufgeregt. „Für mich ändert sich mein Leben nicht sonderlich, ob ich jetzt im Halbfinale gegen Djokovic spiele oder gegen einen von den jungen Jungs.“ Und fast mantraartig wiederholt er dieser Tage in Paris: „Ich muss mir selbst und meinem Spiel vertrauen.“ (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/tennis/) Zverev-Gegner Mensik stand bei French Open groß im Rampenlicht Sein kommender Kontrahent steht ein wenig im Schatten der beiden Teenager Fonseca und Jódar, dabei ist er nur ein Jahr älter als die beiden und schon deutlich länger in der Weltrangliste vorn dabei. Das ist er aber gewohnt: Auch bei seinem bislang größten Erfolg, dem Triumph beim Masters in Miami, sprachen alle eigentlich nur über Verlierer Novak Djokovic, der damals seinen 100. Turniersieg verpasst hatte. In Paris stand Mensik einmal groß im Rampenlicht, als er von Krämpfen geplagt unmittelbar nach dem gewonnenen Matchball gegen Mariano Navone zusammensackte. Zwei Tage später kassierte er ein 0:6 im ersten Satz gegen Top-Ten-Spieler Alex de Minaur, fand dann aber doch noch ein paar Kraftreserven und gewann. Genau wie den Fünfsatzkrimi zwei Tage später gegen Andrej Rubljow. Wie er all das meistert? „Nun ja, es ist ein Grand Slam“, sagte Mensik lapidar, „so funktioniert das eben.“ Der Satz hätte dieser Tage auch von Zverev kommen können. (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/alexander-zverev/) Bislang zeigt der Hamburger mit seiner „Von-Match-zu-Match“-Mentalität jedenfalls keinerlei Nervenflattern. Boris Becker glaubt aber, dass sich das angesichts von zwei freien Tagen bis zum Halbfinale am Freitag etwas ändern könnte. „Das Kopfkino geht natürlich jetzt los“, sagte der dreimalige Wimbledon-Gewinner, „ich glaube, der Kopf fängt langsam an nachzudenken, was da passieren könnte.“ Bislang gab es dafür aber keine Anzeichen – dafür sorgt auch Zverevs Team. Als er nach dem Viertelfinalsieg auf dem Ergometer das Laktat aus den Beinen radelte, lachten um ihn herum seine Crewmitglieder herzhaft. Selbst Vater Alexander Zverev senior, der bei Matches kaum eine Miene verzieht. Unterstützung erhält Zverev in Paris auch von seiner Oma, die ihren Enkel nach dem Tod ihres Mannes öfter begleitet. Und auch Dackel Mishka erwärmt Zverevs Herz. Sein wichtigster Wohlfühlfaktor sind aber die Siege. In diesem Jahrzehnt haben nur zwei Spieler mehr Matches auf der Grand-Slam-Bühne gewonnen als Zverev (91): der Weltranglistenerste Sinner (93) und der Grand-Slam-Rekordchampion Djokovic (124). Das frühe Scheitern des Italieners und des Serben in Paris haben Zverevs Titeltraum deutlich realistischer gemacht. Allerdings auch den Druck auf den Deutschen erhöht. Doch selbst wenn Zverev in Paris mit seiner Titelmission scheitert und womöglich für immer der „Unvollendete“ bleibt, wie der Titel einer Doku über ihn lautet: Den Olympiasieg 2021 kann ihm keiner mehr nehmen. „Es ist deswegen so besonders, weil es so wenig Leute geschafft haben“, sagte Zverev. „Ich denke, du tust es für dein Land, du tust es für die Leute zu Hause. Deswegen würde ich niemals meine Goldmedaille für irgendwas eintauschen.“