Welt 05.06.2026
03:52 Uhr

Auf die Provokation aus der eigenen Partei angesprochen, spricht Wadephul ein kleines Machtwort


Nach der Schmach der gescheiterten Wahl in den UN-Sicherheitsrat betreibt Außenminister Wadephul in Mexiko Krisenmanagement. Die Frage, ob Deutschland „weiterhin so viel Geld in die UN investieren“ solle, beantwortet er eindeutig.

Auf die Provokation aus der eigenen Partei angesprochen, spricht Wadephul ein kleines Machtwort

Der Schock der schweren UN-Niederlage steckt Johann Wadephul noch in den Knochen, aber er will es sich nicht anmerken lassen: Am Morgen nach der Schmach von New York ist der Außenminister nach Mexiko weitergeflogen, wo er mit einem breiten Lächeln die Flugzeugtreppe herunterschreitet. Unten angekommen, begrüßt er den deutschen Botschafter Clemens von Götze herzlich: „Schön“ sei es, diesen „noch mal hier“ zu treffen. In Kürze übernimmt von Götze in Moskau einen der herausforderndsten Posten. Gerade jetzt, wo auch die Europäer mit Russland zum Ukraine-Frieden verhandeln wollen, könnte er dort eine sehr wichtige Rolle spielen. Tatsächlich soll auch Russland noch eine wichtige Rolle an diesem Donnerstag spielen, bei dem es viel um Krisenmanagement nach der gescheiterten Sicherheitsrats-Wahl geht. Doch zunächst steht das Gastgeberland auf dem Programm: Seit 2019 war kein deutscher Außenminister mehr in Mexiko, dabei ist es Deutschlands wichtigster Wirtschaftspartner in Lateinamerika und „Fokusland“ für die Anwerbung qualifizierter Fachkräfte, wie Wadephul betont. Und es ist einer der Austragungsorte der Fußball-WM, die in wenigen Tagen beginnt. Eine Chance für Wadephul, jetzt nach vorne zu blicken. Dazu passt ein Stopp auf dem Weg ins riesengroße Mexiko-Stadt (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/mexiko-stadt/) , bei der Basilika von Guadalupe, eine der größten katholischen Pilgerstätten weltweit. Dem gläubigen Wadephul, der auch vor der UN-Wahl sein „Gottvertrauen“ betont hatte, ist dieser Termin wichtig. Auf Spanisch erteilt der Priester Víctor Torres ihm und der deutschen Delegation den Segen: „Dass Gott Euch von allem Schlechten befreie.“ Los wird Wadephul die Sicherheitsrat (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/un-sicherheitsrat/) s-Pleite, die daheim in Deutschland große Wellen schlägt, dennoch nicht. Gerade hat Hessens Minister für Internationales Manfred Pentz, ein CDU-Parteikollege, die Frage aufgeworfen, ob Deutschland „weiterhin so viel Geld in die UN investieren“ (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article6a2104de1f46a650bff5eb00/blamage-in-new-york-jetzt-stellt-das-erste-bundesland-deutschlands-un-zahlungen-infrage.html) solle, wenn es nicht einmal einen Sitz im Sicherheitsrat bekomme. Dass ausgerechnet aus der CDU (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/cdu/) diese Debatte losgetreten wird, die man sonst Rechts- oder Linksaußen erwarten könnte, ist eine Provokation für den Außenminister, der sich für ein unverändert hohes UN (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/uno/) -Engagement einsetzt. „Wir bleiben im UN-System voll engagiert“ Darauf bei der Pressekonferenz mit seinem mexikanischen Amtskollegen Roberto Velasco Álvarez angesprochen, spricht Wadephul ein kleines Außenminister-Machtwort: „Die Vereinten Nationen bleiben für uns die entscheidende Institution auf internationaler Ebene, die sich für Frieden, für Menschenrechte und internationale Sicherheit einsetzt. Und auch wenn wir gestern nicht die erforderliche Stimmenzahl bekommen haben, bleiben wir im UN-System voll engagiert.“ Auch wenn über den Haushalt der Bundestag entscheide, sei seine Empfehlung, „dass wir bei den UN genauso engagiert bleiben wie bisher.“ Dann kommt Russland bei der Pressekonferenz zur Sprache. Das Land, das der Außenminister gerade beschuldigt hatte, eine der Ursachen des deutschen Scheiterns zu sein — weil Moskau keine starken Ukraine-Unterstützer im Sicherheitsrat wolle. Am Abend hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/wolodymyr-selenskyj/) einen offenen Brief an sein russisches Gegenüber Wladimir Putin geschrieben, um direkte Verhandlungen zwischen beiden Präsidenten in einem Drittland vorzuschlagen. Auch die Europäer sollen daran beteiligt werden. „Wir unterstützen die Aufforderung“, sagt Wadephul. „Ich glaube, alle sehen, dass der Konflikt in einer Phase ist, die dringend danach schreit, beendet zu werden.“ Leider mache Putin keine Anstalten, einen Frieden zu suchen. Deshalb beharrt der Außenminister auch auf der Entsendung von amerikanischen Tomahawk-Langstreckenwaffen nach Deutschland als „glaubwürdige Abschreckung“ Russlands. Jene Raketen, die US-Präsident Donald Trump nun aber wahrscheinlich nicht mehr stationieren will. Am Abend berichtete „Politico“, dass das Pentagon die ursprüngliche Tomahawk-Zusage an Deutschland voraussichtlich auch deshalb einkassieren wolle, weil Russland die Raketen als Eskalation sehe. Wadephul will das nicht gelten lassen. Die Abschreckung Russlands müsse „sichergestellt“ sein, fordert er, und ergänzt: „Wir befinden uns in intensiven Gesprächen mit unseren Bündnispartnern, auch mit den Vereinigten Staaten von Amerika, um diese Stationierung umzusetzen.“ Wenn dies nicht durch die Amerikaner selbst erfolge, müsse Deutschland alternativ „entsprechende Systeme erwerben und dann selbst stationieren.“