Am kalten Buffet ist alles möglich. Sogar, dass erklärte Todfeinde einander lächelnd die Hand reichen. 50 Meter lang war der schmale Tisch in der Packerei der Druckerei, auf dem am 6. Oktober 1966 allerlei Leckereien bereitstanden, um die Gäste der Eröffnungsfeier des Axel-Springer-Hauses zu verpflegen. Und plötzlich standen sich hier Rudolf Augstein, Haupteigentümer des linken Hamburger Magazins „Der Spiegel“, und Franz Josef Strauß, im Zuge der „Spiegel“-Affäre 1962 gefeuerter Verteidigungsminister Adenauers, gegenüber. Schon wiederholt hatten die beiden, stets vertreten von Anwälten, vor Gericht gegeneinander gekämpft. Persönlichen Begegnungen aber gingen sie aus dem Weg, seit Augstein nach einem feuchtfröhlichen „ Herrenabend (verlinkt auf https://www.welt.de/print-welt/article421040/Strauss-Besuch-Ein-Abend-aus-dem-Feindschaft-wurde.html) “ in seiner Hamburger Villa 1957, zu dem er Strauß eingeladen hatte, eine tiefe Aversion gegen den CSU-Politiker entwickelt hatte. Und nun das: Augstein, der eher unfreiwillig der Einladung Axel Springers nach Berlin nachgekommen war und das durch die unhöfliche Geste demonstrierte, eine Konkurrenzzeitung (nämlich den „Tagesspiegel“) krampfhaft in Händen zu halten, stand plötzlich Strauß gegenüber. Der „Spiegel“-Chef, trotz eines Miteigentümers und zweier Chefredakteure die absolut dominierende Figur seines Verlages, hielt in der Linken ein Sektglas. Als ihm Strauß fröhlich grinsend die Hand entgegenstreckte, ließ das Augstein keine Wahl: Er legte das „Tagesspiegel“-Exemplar weg und ergriff über den Tisch hinweg die Pranke des massigen Bayern. Es war nicht die einzige überraschend freundliche Begebenheit am Rande der Einweihung, zu der neben der nahezu kompletten West-Berliner Prominenz zahlreiche westdeutsche Gratulanten erschienen waren. So fand Willy Brandt, noch Regierender Bürgermeister der vom Todesstreifen gespaltenen Stadt, aber schon SPD-Bundesvorsitzender und zweimal gescheiterter Kanzlerkandidat, bewegende Worte. „Der Stolz auf ein neues Haus findet erst seine volle Berechtigung, wenn wir uns vorstellen, dass auch dieses Haus einmal alt sein wird“, sagte der begnadete Rhetoriker. „Kühn, zweckmäßig und schön an seinen Platz gestellt in der Mitte dieser Stadt“, sei das goldene Hochhaus, näher am Französischen Dom auf dem Gendarmenmarkt als am Halleschen Tor: „Die Perspektive lässt – unmittelbar neben der Mauer – die Mauer versinken und zeigt uns über dem grauen Klotz des ehemaligen Reichsluftfahrtministeriums die Silhouette des Europa-Centers.“ Keine Spur davon, dass sich die einst politisch Verbündeten Springer und Brandt schon seit einiger Zeit auseinanderentwickelten (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article122933805/Brandt-und-Springer-waren-Herzblut-Patrioten.html) , weil sie gegensätzliche Konzepte für die Überwindung der Teilung Deutschlands vertraten: Der Verleger setzte auf die Überwindung der SED-Diktatur, der Politiker auf „Wandel durch Handel“. Für Springers Konzept stand sein neues Verlagshaus. Gewählt hatte er den Standort schon 1958 – einerseits wegen der Tradition des Berliner Zeitungsviertels, andererseits weil die Lage in einer künftigen deutschen Hauptstadt Berlin ziemlich optimal für Redaktionen sein würde: backstage des Regierungsviertels. Als am 25. Mai 1959 der Grundstein gelegt wurde, hatte der sowjetische Staatschef Nikita Chruschtschow bereits den Westmächten sein berüchtigtes Berlin-Ultimatum gestellt, in dem er den Rückzug der Schutzmächte aus West-Berlin verlangte. Doch die USA, Großbritannien und Frankreich ignorierten die Forderung. Im Juni 1961 ging als erster Teil des nach Plänen der Architekten Melchiorre Bega/Gino Franzi (Mailand) und Franz Heinrich Sobotka/Gustav Müller (Berlin) errichteten Baues die Druckerei in Betrieb: sechs Wochen vor dem Mauerbau. Nach dem 13. August höhnte die SED-Propaganda, der Verleger werde sich nun sicher nach Hamburg zurückziehen. „Axel Springer springt ab“, behauptete beispielsweise eine Ost-Berliner Zeitung im Oktober 1962 und diagnostizierte eine „Kapitalflucht des Pressekonzerns“ weg aus West-Berlin. In Wirklichkeit tat Springer genau das Gegenteil: Nicht nur ließ er das geplante Hochhaus errichten wie geplant – er verlegte auch sein hauptsächliches Büro aus dem Verlagssitz in der Hansestadt hierher in den 19. Stock. Wie ein goldener Splitter steckte das neue Hochhaus im Augapfel des Ulbricht-Regimes, der (vermeintlichen) „Hauptstadt der DDR“. Bis 1989/90 wirkte das Verlagsgebäude als stete Mahnung an alle Deutschen, den Willen zur Einheit nicht aufzugeben. Aber schon bald nach der feierlichen Einweihung 1966 wandten sich (kleine) Teile der West-Berliner Bevölkerung ab von diesem Ziel. Radikalisierten linken Studenten galt das Hochhaus auf einmal als Zentrum des Bösen. Am Abend des 11. April 1968 marschierten knapp 2000 Demonstranten, vor allem Studenten, von der Technischen Universität zum Springer-Gebäude – auf Plänen der Protestierer war der Standort mit einem Hakenkreuz markiert. Das war umso absurder, als den Zug der antisemitische Anwalt Horst Mahler anführte, später erst Mitbegründer der linksextremen RAF, dann Unterstützer der rechtsextremen NPD. Der Sechs-Tage-Krieg Israels gegen die aggressiven arabischen Nachbarstaaten im Juni 1967 hatte eine Welle linken Judenhasses in der Bundesrepublik und West-Berlin ausgelöst. Einige Monate zuvor war Axel Springers persönliche Unterstützung für Israel allgemein bekannt geworden – bei der Einweihung des Goldenen Hochhauses hatte der Verleger bekannt gegeben, dass die Axel-Springer-Stiftung das Israel-Museum in Jerusalem mit 3,6 Millionen Mark unterstützen werde. Formal entgegen genommen hatte diese Spende Israels erster Botschafter in der Bundesrepublik, Asher Ben Natan. Nur wenige Jahre später störten linke Demonstranten in Frankfurt (Main) und Hamburg (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article69c39058d9e61ae4ac08b13f/sozialistischer-judenhass-antisemitisch-ist-die-deutsche-linke-schon-seit-jahrzehnten.html) Auftritte des im März 1938 aus Wien ins damalige Palästina emigrierten Diplomaten. Die Feindschaft der deutschen Linken gegenüber dem Verleger wie gegenüber dem Staat Israel entwickelte sich annähernd parallel. Am Abend des Gründonnerstags 1968 erreichte diese Feindschaft einen ersten gewalttätigen Höhepunkt. Mahler führte einige Dutzend seiner Anhänger als eine Art Stoßkeil gegen den Eingang des Verlagshauses. Als die Stürmung des Gebäudes misslang, begann ein Hagel von Pflastersteinen und sogar Molotow-Cocktails gegen die Glasscheiben der Eingangshalle und des Erdgeschosses. Mit dabei war auch Ulrike Meinhof, eine Ikone des linksradikalen Journalismus in Deutschland (verlinkt auf https://www.hdg.de/lemo/biografie/ulrike-meinhof.html) . Wenig später verharmloste sie den Angriff: „Wirft man einen Stein, so ist das eine strafbare Handlung. Werden tausend Steine geworfen, ist das eine politische Aktion.“ Gut vier Jahre später, am 19. Mai 1972 (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/raf/article238743169/Terror-gegen-Springer-Anschlag-auf-die-Pressefreiheit.html) , legte dieselbe Meinhof, inzwischen als Terroristin in die Illegalität abgetaucht, im Hamburger Verlagshaus von Axel Springer fünf Bomben; zwei explodierten und verletzten knapp drei Dutzend Menschen teilweise schwer. Dem Berliner Haus blieben ähnliche Angriffe erspart. Ein für die interessierte Öffentlichkeit zugängliches Haus, wie es der Verleger eigentlich gewünscht hatte, konnte es aber nicht werden. Ein weiterer Besuch Rudolf Augsteins bei seinem Konkurrenten Axel Springer ist ebenfalls nicht dokumentiert. Franz Josef Strauß kam hingegen immer wieder vorbei, um Hintergrundgespräche zu führen. Der Handschlag der beiden über das kalte Buffet hinweg am 6. Oktober 1966 blieb singulär. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zusammen mit Unternehmensarchivar Lars-Broder Keil (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/lars-broder-keil/) hat er drei Bücher über die Verlagsgeschichte publiziert: über Axel Springer und Berlin (verlinkt auf https://kress.de/news/beitrag/127470-ueber-axel-springer-und-sein-berlin.html) , über seinen Vertrauten Ernst Cramer (verlinkt auf https://allitera-verlag.de/buch/ich-gehoere-hierhin/) und über den Anschlag auf das Hamburger Verlagshaus 1972 (verlinkt auf https://koehler-mittler-shop.de/shop/mittler/zeitgeschichte-programm-mittler/zielscheibe_axel_springer_keil_kellerhoff/) .