Der Alte haut in der Freizeit gegen den Boxsack, weil er sich das Rauchen abgewöhnen will. Der Junge streift am Revierschreibtisch durch schwule Datingportale, da ihm seine Beziehung gerade zu anstrengend wird. Wie soll man bei dermaßen unterschiedlichen Leidenschaften als starkes Doppel zusammenkommen?
In keinem anderen TV-Revier ist das Teambuilding so schwierig wie im deutsch-polnischen »Polizeiruf«. Einst waren rund um Brandenburg markante Typen im Einsatz (etwa der kürzlich gestorbene Horst Krause, Maria Simon und Lucas Gregorowicz), doch seit zwei Jahren müssen nun drei unterschiedliche Figuren in variierenden Duo-Konstellationen Profil gewinnen. Es treten immer nur zwei der drei gemeinsam auf. Schwierig, sich Namen und Gesichter zu merken.
Juwelierszene im »Polizeiruf«: War es wirklich die Clowns-Bande, die den Überfall beging?
Foto: Christoph Assmann / rbbIm aktuellen Fall werden die Kommissare Vincent Ross (André Kaczmarczyk) und Karl Rogov (Frank Leo Schröder) zusammengebunden. Ross ist die queere Nachwuchshoffnung in schwarzen Netz- und Nylon-Oberteilkreationen, Rogov das angeschlagene Schlachtross in ausgebeultem Rentner-Beige und -Braun, das das Rauchen einstellen muss.
Was ist die Rolle von Shy-boy?
In der neuen Folge kommt es zu recht kurzweiligen Plänkeleien, weil der vom Nikotinentzug angespannte Rogov von Ross’ Selbstgedrehten genervt ist. Gleichzeitig ergänzen sich die beiden auch ganz gut, zum Beispiel, als der Ältere nach dem Anti-Rauch-Boxen auf dem Revier erscheint, aber immer noch nach einer Zigarette giert. Da fällt sein nervöser Blick auf den Computer vom Kollegen, der das Datingprofil eines Users mit dem Namen Shy-boy studiert. Rogov räuspert sich leise. Doch Shy-boy ist kein zukünftiger Crush vom schwulen Kommissar – sondern ein Verdächtiger im aktuellen Fall. Es geht um einen Goldraub.
Leider haben die Verantwortlichen des Krimis (Drehbuch: Peter Dommaschk und Ralf Leuther, Regie: Felix Karolus) nicht so viel Liebe und Energie in den Goldraub-Plot gesteckt wie in das Geplänkel der Ermittler. Ein Juweliergeschäft wurde überfallen, der Ladenbesitzer liegt erschossen am Boden. Es wurde historischer Schmuck aus dem Potsdam Museum gestohlen, der in dem Laden zu Ausstellungszwecken restauriert werden sollte. Hinter der Tat scheint eine schon vorher aktiv gewordene Bande mit Clownsmasken zu stecken, die Spur führt unter anderem über die Grenze nach Polen.
Aber auch in der Familie des Juweliers gibt es mehr und mehr Verdächtige. Und die Verkettung zwischen diesen vielen Verdächtigen ist so uninspiriert wie unübersichtlich inszeniert. Sohn, Schwiegertochter, Schwager, Schwippschwager – immer, wenn die Handlung lahmt, kommt eine neue Figur ins Spiel. So viele Verdächtige, so wenig Suspense. Am Ende geht weder der Raubmord-Thriller noch das Familiendrama auf.
Stimmungstechnisch ist man dann irgendwann bei dem von der Tabakabstinenz genervten Rogov. Beinahe will man selbst wieder mit dem Rauchen anfangen, aus Langeweile. Dieser »Polizeiruf« ist ein Fall von Spannungsentzug. Oder, wie es Rogov enttäuscht nach einer Runde Boxen sagt: »Ich hätt’ immer noch gerne ’ne Kippe.«
Bewertung: 3 von 10 Punkten
»Polizeiruf 110: Goldraub«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste
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