SpOn 26.03.2026
13:40 Uhr

ZDF-Sportchef zur WM: »Das Abschneiden der deutschen Mannschaft ist letztlich das Entscheidende«


ZDF-Sportchef Yorck Polus hält nichts von einem Boykott der Fußball-WM, er würde sich über ein erfolgreiches Abschneiden der DFB-Elf freuen. Wie reagiert er auf den Kuscheljournalismus-Vorwurf?

ZDF-Sportchef zur WM: »Das Abschneiden der deutschen Mannschaft ist letztlich das Entscheidende«

SPIEGEL: Die Olympischen Winterspiele und die Paralympics sind Vergangenheit, aber nach dem Großereignis ist vor dem Großereignis. Es sind keine 100 Tage mehr zur Fußball-WM, ab heute werden in den Playoffs die letzten Plätze vergeben: Wird diese Weltmeisterschaft mit ihrer aufgeblähten Teilnehmerzahl, mit den politischen Vorzeichen unter Trump und dem Hintergrund des Irankrieges für Sie das Turnier mit der bisher größten Herausforderung?

Polus: So ziemlich jede Veranstaltung bringt neue Herausforderungen mit sich, und Ähnliches hat man schon vor vielen Sport-Events gesagt. Wenn mir allerdings jemand vor vier, fünf Jahren gesagt hätte, dass vor einer Fußball-WM in den USA manche über einen WM-Boykott sprechen, dann hätte ich das damals nicht für möglich gehalten. Das zeigt schon, welche Tragweite dieses Turnier hat.

Zur Person
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Jens Kalaene / dpa

Yorck Polus, 55 Jahre alt, ist Leiter der ZDF-Sportredaktion. Er war lange selbst Reporter und berichtete unter anderem von acht Olympischen Spielen. Er ist verheiratet und hat fünf Kinder.

SPIEGEL: Ist das Boykott-Thema für Sie noch relevant?

Polus: Das hat für mich mit Blick auf unsere Vorbereitungen keine Relevanz. Bei uns gibt es auch keinen Plan B oder C für einen solchen Fall. Sollte die Politik allerdings Rahmenbedingungen in diese Richtung vorgeben, werden wir uns darauf einstellen. Wenn ich dazu meine persönliche Meinung sagen darf,...

SPIEGEL: Wir bitten darum.

Polus: Ich halte es für nicht sonderlich Erfolg versprechend, wenn der Sport etwas korrigieren soll, was die Politik nicht schafft. Es gab Großereignisse, die aus politischen Beweggründen boykottiert wurden. Heute sind sich so ziemlich alle Fachleute darüber einig, dass der Boykott der Olympischen Spiele 1980 und 1984 ohne die gewünschten Effekte geblieben ist.

SPIEGEL: Das klingt nach einem Plädoyer für den unpolitischen Sport.

»Dass dieses Turnier nun diese starke Politisierung erfährt, damit hätten im Vorfeld wohl die wenigsten gerechnet.«

Polus: Nein, das wollte ich damit nicht sagen und halte es auch für weltfremd: Ein internationales Sportgroßereignis wie die Olympischen Spiele oder eine Fußball-WM sind immer auch politisch. Es liegt in der Natur der Sache, dass Länder und deren politische Führungsebene solche Veranstaltungen für die eigenen Botschaften zu nutzen versuchen. Trotzdem sollten wir die Rolle des Sports in diesem Kontext nicht überhöhen. Die politische Dimension, die diesem Turnier zugewiesen wird, werden wir in unserer Berichterstattung abbilden. Doch wir arbeiten vorrangig daran, unseren Zuschauerinnen und Zuschauern nach den Olympischen Winterspielen mit der Fußball-WM ein weiteres sportliches Highlight zu bieten. Die Menschen wollen bei einer WM mit der eigenen Mannschaft mitfiebern. Das gemeinsame Erleben dieser besonderen emotionalen Momente – das ist es, was den Sport ausmacht. Dass dieses Turnier nun diese starke Politisierung erfährt, damit hätten im Vorfeld wohl die wenigsten gerechnet.

SPIEGEL: Aber mit der Person Trump war das doch vorhersehbar.

Polus: Die Unberechenbarkeit scheint das einzig Vorhersehbare beim aktuellen Präsidenten der Vereinigten Staaten zu sein. Doch die USA sind weiterhin einer der größten Handelspartner der Bundesrepublik und das Land, das in der Vergangenheit als der wichtigste Partner überhaupt gesehen wurde. Es ruckelt ordentlich im Verhältnis, aber eine solche Partnerschaft zur WM noch weiter zu eskalieren, das dürften nur wenige für sinnvoll halten.

Donald Trump und Gianni Infantino: Ziemlich beste Freunde

Donald Trump und Gianni Infantino: Ziemlich beste Freunde

Foto: Evan Vucci / AP

SPIEGEL: Die politische Komponente dieses Turniers werden Sie kaum ignorieren können.

Polus: Das haben wir auch gar nicht vor. Wenn ein Großereignis dieser Art stattfindet, dann hat es immer eine politische Dimension – und dieser werden wir auch in unserer Berichterstattung Rechnung tragen. Der Sport steht im Mittelpunkt, aber wir werden sportpolitische Themen genauso beleuchten wie gesellschaftspolitische. Und wir werden auch die aktuelle politische Situation rund um das Turnier im Blick behalten. In diesem Kontext spielen die Kolleginnen und Kollegen in unseren Auslandsstudios eine wichtige Rolle. Wir beleuchten im TV und auf unseren digitalen Ausspielwegen alle Facetten rund um das Turnier.

SPIEGEL: Die USA sind nicht nur politisch heikel, sie sind auch teuer. Inwiefern spielt das bei Ihrer Planung eine Rolle?

Polus: Redaktionell und technisch werden wir vor Ort so smart und effektiv aufgestellt sein wie nie zuvor. Das technische »Rückgrat« unserer Übertragungen bildet das ZDF-Sendezentrum in Mainz. Hier haben wir alle technischen Voraussetzungen, die wir brauchen. Auch unser WM-Studio wird in Deutschland sein. Rund um die deutsche Mannschaft in den USA werden wir uns vor Ort etwas größer aufstellen, um den Bedarf für die Berichterstattung im TV und auf den digitalen Ausspielwegen abdecken zu können. Für die Erstellung der Beiträge und Berichte nutzen wir allerdings die Kapazitäten des ZDF in Mainz. Es wird so synergetisch wie nie zuvor. Und aufgrund der extrem aufwendigen Reiselogistik wäre das auch kaum anders zu realisieren.

SPIEGEL: Ergebnis des Spardrucks, der auf die Öffentlich-Rechtlichen ausgeübt wird?

Polus: Die Kosteneffizienz ist immer ein Faktor, aber diese Planung ist durch die technische Entwicklung und die Digitalisierung überhaupt erst möglich geworden. Vor 20 Jahren wäre so eine Konzeption aufgrund der technischen Voraussetzungen noch gar nicht realisierbar gewesen. Damals waren noch viel mehr Menschen vor Ort nötig, um so ein Großereignis zu übertragen. Wichtig ist und bleibt allerdings auch, dass wir Reporterinnen und Reporter vor Ort haben, die uns ihre ungefilterten Eindrücke vermitteln und Situationen einordnen. Das halte ich sportjournalistisch für absolut unabdingbar.

»Aus Sicht der Medienschaffenden ist das mittlerweile zu groß geworden.«

SPIEGEL: Dazu kommt die enorme Anzahl von Spielen, bedingt durch die Aufstockung auf 48 Mannschaften. Ist so etwas selbst für eine so große Anstalt wie das ZDF überhaupt noch zu bewältigen?

Polus: Aus Sicht der Medienschaffenden ist das mittlerweile zu groß geworden. Das kann man nur noch partnerschaftlich bewältigen. Für einen Sender alleine wäre das eine Herausforderung, die nur noch sehr schwer zu bewältigen wäre.

SPIEGEL: Die Telekom hat sich mit ihrem Streamingangebot MagentaTV die Fernsehrechte gesichert, ARD und ZDF haben nur eine Sublizenz, musste mit der Telekom verhandeln, welche Spiele man aus dem Gesamtpaket übertragen darf. Sind ARD und ZDF die Bittsteller bei der Telekom?

Polus: Bittsteller waren und sind wir ganz sicher nicht, aber natürlich mussten wir uns in Verhandlungen einigen. In jedem Fall hat die Erfahrung geholfen, denn alle Beteiligten haben dieses Modell ja bereits für die EM 2024 mit Leben gefüllt. Eine Erfahrung, die für alle Beteiligten erfolgreich war. Ich würde es als normale Verhandlungsgespräche beschreiben: freundlich, fair und dennoch hart in der Sache – schließlich versucht jeder das Stück vom Kuchen zu bekommen, das für ihn von besonderem Interesse ist.

ZDF-Konkurrent MagentaTV

ZDF-Konkurrent MagentaTV

Foto: Christoph Soeder / dpa

SPIEGEL: 44 Spiele dieser WM wird man nicht bei ARD und ZDF, sondern ausschließlich bei MagentaTV sehen können. Das ist eine Menge.

Polus: Ganz grundsätzlich sind wir mit 60 Spielen, die immer noch bei uns verbleiben, genau richtig aufgestellt. Ich glaube schon, dass wir die richtigen Spiele bei uns haben, aber natürlich gehören Kompromisse dazu. Man hat im Unterschied zu früher eben nicht mehr die ganz freie Auswahl.

SPIEGEL: Und bei den TV-Experten zur WM hat die Telekom im Gegensatz zu ARD und ZDF die Nase vorn: Jürgen Klopp, Mats Hummels, Thomas Müller – die hätten Sie doch vermutlich auch gern.

ZDF-Experten Christoph Kramer und Per Mertesacker

ZDF-Experten Christoph Kramer und Per Mertesacker

Foto:

Christian Charisius / dpa

Polus: Das mag Ihnen so erscheinen. Aber klar, Müller, Klopp und Hummels, das lässt sich schon sehen. Das kann ich kollegial und ohne Missgunst sagen: Magenta hat da eine tolle Riege zusammengestellt. Für uns war aber frühzeitig klar, dass wir mit Chris Kramer, Per Mertesacker und Fritzi Kromp weitermachen wollen. Wir waren sehr zufrieden mit dem Trio bei der EM 2024 und haben sehr viel positives Feedback von Zuschauern bekommen. Wir haben eine eigene Marke kreiert und werden das auch weiterentwickeln. Eine hohe fachliche Kompetenz mit großem Unterhaltungswert – das werden wir auch bei dieser WM bieten. Und wer weiß, vielleicht können wir ja auch noch den einen oder anderen Überraschungsmoment hervorrufen.

SPIEGEL: Wie wichtig ist es für die Quote, dass die DFB-Elf nicht wieder frühzeitig scheitert? Und wie sehr ist Berichterstattung über das DFB-Team auch Fan-TV geworden?

Polus: Persönlich wünsche ich mir schon, dass Julian Nagelsmann und sein Team das richtige ›Händchen‹ haben und die passende Mannschaft zusammenstellen. Wenn die ersten Spiele gut laufen, wird Fußball-Deutschland mitjubeln, und dann ist auch die Akzeptanz unserer Übertragungen deutlich höher. Das Abschneiden der deutschen Mannschaft ist letztlich das Entscheidende. Und dennoch bietet unsere Berichterstattung beides: Sie vermittelt die Begeisterung für den Sport ebenso, wie sie auch den journalistischen Blick auf das Geschehen möglich macht.

»Spiele, die zu nachtschlafender Zeit stattfinden, sind für den deutschen Markt sicherlich von geringerer Bedeutung.«

SPIEGEL: Durch die Zeitverschiebung finden zahlreiche WM-Spiele zu Zeiten statt, in denen Europa im Bett liegt. Schottland gegen Haiti um drei Uhr, Iran gegen Neuseeland um drei Uhr, Saudi-Arabien gegen Uruguay um Mitternacht – damit lässt sich kaum Quote machen.

Polus: Aus unserer Sicht sind Spiele, die zu nachtschlafender Zeit stattfinden, für den deutschen Markt sicherlich von geringerer Bedeutung.

SPIEGEL: Für die Öffentlich-Rechtlichen ergibt sich noch das Problem, dass sie nur bis 20 Uhr Werbung zeigen dürfen – zahlreiche Spiele aber später stattfinden.

Polus: Das ist eine Tatsache, die wir auch von früheren Turnieren in den entsprechenden Zeitzonen kennen.

SPIEGEL: Die unterschiedlichen Anstoßzeiten haben bei den übertragenden Sendern für Irritationen gesorgt, weil man darüber zuvor nicht informiert wurde. Wie konnte es dazu überhaupt kommen?

Gescheiterte DFB-Spieler bei der WM 2022

Gescheiterte DFB-Spieler bei der WM 2022

Foto: ANNEGRET HILSE / REUTERS

Polus: Die Frage müssen wir alle gemeinsam der Fifa stellen, und wir haben das auch adressiert. Im Vorfeld waren Anstoßzeiten kommuniziert, die besser für den europäischen Markt gepasst hätten. Auch die 15 unterschiedlichen Anstoßzeiten waren nicht bekannt, was nicht nur im deutschen Markt zu deutlichen Irritationen geführt hat. Die Fifa hat diese Überlegungen im Vorfeld nicht kommuniziert, was in dieser Form durchaus als unüblich gewertet werden kann.

SPIEGEL: Die Aufregung über das selbstherrliche Gebaren des Fifa-Chefs Gianni Infantino und seine demonstrative Nähe zu Donald Trump ist gerade in Europa groß. Schütteln Sie auch den Kopf über ihn?

Polus: Aus meiner Sicht ergibt es grundsätzlich mehr Sinn, Probleme persönlich und im direkten Kontakt zu besprechen und die eigene Haltung zu vertreten. Ich halte wenig davon, gegenseitige Beschwerden über andere Medien zu spielen.

Auslosungsshow der Fifa in Washington

Auslosungsshow der Fifa in Washington

Foto: Shawn Thew / EPA

SPIEGEL: Das klingt schon sehr zahm, wenn man sich anschaut, wie der Fifa-Boss sich beim US-Präsidenten anbiedert. Kritik nur hinter den Kulissen zu üben: Ist das journalistisch?

Polus: Nein, da haben Sie mich missverstanden. Wir berichten selbstverständlich kritisch und sprechen Probleme in unseren Übertragungen oder auf unseren digitalen Ausspielwegen klar und deutlich an. Ob ich in diesem Kontext den Kopf schüttle, ist da nicht von Belang. Insgesamt aber sehen wir die Entwicklung kritisch. Diese Auslosung in Washington war nicht das, was wir erhofft oder erwartet haben. Eine Show, zugespitzt auf zwei Personen. Ich würde mir ganz allgemein wünschen, dass der Sport wieder stärker in den Mittelpunkt rückt.

SPIEGEL: Mit dem Bezahlen der TV-Rechte machen die Fernsehanstalten den Gigantismus der Großereignisse ja nicht nur mit, sie finanzieren ihn. Hat da der andere Sport überhaupt noch eine Chance auf die Fernsehbühne?

Polus: Ein kleines Handballspiel des Heimatvereins oder eine Ruderregatta für Kinder kann für jeden persönlich eine große Bedeutung haben. Der Sport allgemein ist mehr als Kommerz – und er ist mehr als nur Fußball. Der große Sport ist aber auch ein »Big Business«, ein wichtiger Wirtschaftszweig. Es geht um Gewinne und Gewinnmaximierung. Und ja, auch die Medien sind ein Teil dessen. Insofern bin ich schon froh, dass wir immer noch die Möglichkeit haben, auch die andere Seite des Sports den Menschen näherzubringen. Der Sport hat immer noch eine Riesenbedeutung für die Gesellschaft.

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SPIEGEL: Aber wollen die Leute wirklich was sehen zum Breitensport oder zum Radball? Ist das nicht eine Illusion? Der große Fußball drückt doch längst alles andere an die Wand.

Polus: Der Fußball ist dominant auf der Welt, aber es bestimmen eben auch die Menschen, was sie sehen wollen. Beim Fußball muss man das differenziert betrachten: Er ist ein großes Geschäft, es geht immer auch um sehr viel Geld. Aber wenn der Ball rollt, dann zählt trotzdem nach wie vor der Sport. Und dann ist er in manchen Momenten noch so ursprünglich wie vor 100 Jahren. Die Spieler, die dort spielen, sind längst selbst kleine Unternehmen. Aber wenn sie gewinnen oder verlieren, sich freuen oder leiden, dann lassen diese Emotionen das Business auch mal in den Hintergrund rücken.