SpOn 09.05.2026
15:49 Uhr

Wolfi, 14, aus Kärnten: »Als ich den Trabi zum ersten Mal sah, war ich schockverliebt«


Wolfi bringt jeden Motor zum Laufen. Unter dem Namen »Die Kuchlings« dreht er mit seinem Bruder Social-Media-Clips aus der Autowerkstatt und erzielt damit Hunderttausende Klicks.

Wolfi, 14, aus Kärnten: »Als ich den Trabi zum ersten Mal sah, war ich schockverliebt«

Meine Hände sind selten sauber, aber immer warm. Ich schraube bei jedem Wetter, auch bei Minusgraden. Wir wohnen im Süden Österreichs. Hier liegt oft bis ins Frühjahr hinein Schnee. Mein großer Bruder Bernd und mein Papa Wolfgang müssen manchmal Pause machen, weil ihre Finger zu kalt werden. Aber meinen Händen scheint die Kälte nichts auszumachen. Beim Schrauben vergesse ich alles um mich herum.

Rad ab und Schraube locker? Wolfi kriegt das wieder hin.

Rad ab und Schraube locker? Wolfi kriegt das wieder hin.

Foto:

Matjaž Krivic / DEIN SPIEGEL

Ich fand Fahrzeuge und Motoren schon immer super. Als Kleinkind hatte ich meistens einen Schraubenschlüssel in der Hand. Mein Vater ist Lehrer, aber sein Hobby ist es, Motorräder zu reparieren. Seit ich denken kann, gucke ich ihm dabei zu. Wahrscheinlich weiß ich deshalb oft automatisch, was zu tun ist. Mein Bruder liest sich immer Anleitungen durch oder guckt sich Erklär-Videos an. Ich schraube lieber direkt drauflos. Meistens habe ich im Gefühl, wie ich ein Fahrzeug wieder zum Laufen bringe. Am besten funktioniert’s sowieso durch Herumprobieren.

DEIN SPIEGEL

»Wir müssen unsere Demokratie schützen«, diesen Satz hört man in letzter Zeit immer häufiger. Aber was ist eigentlich eine Demokratie? Und wovor sollte man sie wie schützen? Eine Demokratieforscherin, ein Bürgermeister, eine Demoschild-Influencerin, ein ehemaliger Bundestagsabgeordneter und eine Klassensprecherin liefern Antworten – in der neuen Ausgabe von DEIN SPIEGEL, dem Nachrichten-Magazin für Kinder. Außerdem im Heft: wie ein Klavierbauer arbeitet. DEIN SPIEGEL gibt es am Kiosk, ausgewählte Artikel online. Erwachsene können das Heft auch hier kaufen:

Als ich mit Bernd mein erstes Moped aufmotzte, waren wir noch unerfahren. Damals kam es uns auf­regend vor, einen neuen Vergaser einzubauen. Inzwischen gehört das zu unseren Standard-Aufgaben. Wir schrecken vor nichts zurück.

Unser Hof ist eine Mischung aus Werkstatt und Spielplatz. Hier können wir uns austoben. Früher mussten wir uns zum Schrauben auf den Rücken legen und unter die Fahrzeuge kriechen. Irgendwann kamen wir auf die Idee, eine Hebebühne zu kaufen, um Autos anheben zu können. Was wir nicht bedacht hatten: Hebebühnen können nur auf Beton befestigt werden. Unser Hof bestand aber aus Schotter. Also beschlossen wir spontan, ihn zu betonieren. Unsere Eltern waren einverstanden. Alle Nachbarn kamen und halfen mit, das war eine lustige Aktion.

Inzwischen haben wir 15 Fahrzeuge zu Hause. Die meisten haben wir billig ersteigert. Bei uns stehen mehrere alte Mopeds, Motorräder und unser Rasentraktor Huffy. Ich finde, Fahrzeuge brauchen witzige Spitznamen. Da ist zum Beispiel der »Toiletten-Scooter«, ein City-Roller mit or­dentlich PS – wenn's mal schnell gehen muss. Oder der »Entenschreck«: Wenn die Erpel unserer Nachbarn über den Hof laufen, muss ich nur den Motor anmachen und, zack, machen die sich aus dem Staub.

Besonders toll finden wir alte Kult-Fahrzeuge, die inzwischen nicht mehr produziert werden, etwa unseren Trabi. Solche Trabanten wurden früher im Osten Deutschlands hergestellt. Der Wagen gehörte eigentlich einem Freund meines Vaters. Als ich den Trabi zum ersten Mal sah, war ich schockverliebt. Die Form, das Getriebe – ein echtes Original, Baujahr 1966!

Erst wollte der Besitzer nicht verkaufen. Aber ich blieb hartnäckig und bettelte immer weiter. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, bin ich stur. Schließlich hatten wir Erfolg. Meine Eltern durften den Trabi kaufen und schenkten ihn mir zu meiner Kommunion. Seit wir den Wagen hellblau lackiert haben, ähnelt er dem Ford Anglia im »Harry Potter«-Film. In der echten Welt kann er leider nicht fliegen. Aber alles andere kann man ganz wunderbar daran üben, zum Beispiel Motoren ausbauen oder neue Räder montieren.

Auf diesem Hof schrauben Wolfi, sein Bruder Bernd und sein Vater Wolfgang an den Fahrzeugen. Mit der Hebebühne klappt das noch besser.

Auf diesem Hof schrauben Wolfi, sein Bruder Bernd und sein Vater Wolfgang an den Fahrzeugen. Mit der Hebebühne klappt das noch besser.

Foto: Matjaž Krivic / DEIN SPIEGEL

Neulich hat der Trabant komische Geräusche gemacht. Ich wusste sofort: Da muss eine neue Antriebswelle rein. Seit wir ein Ersatzteil ausgetauscht haben, sind die Geräusche weg. Als Nächstes wollen wir eine Anhängerkupplung an den Trabi basteln.

Beim Schrauben fällt mir immer etwas Neues ein. Meistens entstehen aus einem Projekt fünf weitere Ideen. Ich verstehe nicht, warum viele in meinem Alter lieber am Smartphone oder vor dem Fernseher hängen. Ich finde es viel spannender, draußen zu sein und mit meinen Händen zu arbeiten.

Vor dreieinhalb Jahren kam Bernd auf die Idee, uns zu filmen und die Videos auf YouTube hochzuladen, später auch auf Instagram und TikTok. Meinem Papa und mir war das egal. Wir dachten, es interessiert bestimmt eh niemanden. Tja, dann bekamen wir immer mehr Follower. Unser erfolgreichstes Video hat über fünf Millionen Aufrufe. Inzwischen folgen uns mehr als 80.000 Leute auf Instagram.

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Immer öfter sprechen mich fremde Menschen an, die unsere Videos kennen. Im Baumarkt, in der Pizzeria, auf der Straße – letztes Jahr sogar an einer Raststätte in Deutschland. Die meisten unserer Zuschauer sind deutsch. Sie schauen unsere Videos, obwohl sie unser Österreichisch nicht verstehen. Oder vielleicht genau deshalb. Unser Dialekt macht ihnen gute Laune. Zu »Brotzeit« sagen wir »Jaus’n«, statt »geh weg« sagen wir »schleich di«. Einmal kommentierte jemand: »Ich verstehe zwar nicht, was ihr sagt, aber ich finde euch trotzdem lustig.« Seitdem schreibt mein Bruder Untertitel für die Videos.

Warum wir so erfolgreich sind? Bei uns ist nichts geskriptet, es gibt kein Drehbuch. Bernd hält einfach die Kamera auf all das, was in der Werkstatt geschieht. Wenn etwas Peinliches vorkommt, würden andere das vermutlich rausschneiden. Für uns ist klar, dass solche Szenen drinbleiben. Die machen das Video schließlich lustig. Bernd ist der Videomeister. Er filmt und schneidet alles. Bevor er ein Video hochlädt, gucke ich mir das Ergebnis noch mal an. Meistens muss ich lachen, wenn ich sehe, wie dumm wir uns zu Beginn eines Projekts angestellt haben.

Unsere Schwester Annmarie kümmert sich um die Kommentare. Sie liest jeden einzelnen, viele beantwortet sie auch. Auf Instagram, TikTok und YouTube schreiben die meisten Leute nette Dinge. Auf Facebook sind sie am unfreundlichsten. Aber bei Begegnungen im echten Leben hat noch nie jemand was Blödes zu uns gesagt. Es ist wohl leichter, eine Beleidigung im Internet zu schreiben, als jemandem etwas Gemeines ins Gesicht zu sagen.

Familienfoto: Wolfis Schwester Annmarie (auf dem Rücksitz) kümmert sich um die Kommentare auf Social Media.

Familienfoto: Wolfis Schwester Annmarie (auf dem Rücksitz) kümmert sich um die Kommentare auf Social Media.

Foto: Matjaž Krivic / DEIN SPIEGEL

Im vergangenen Sommer bekamen wir eine anonyme Anzeige. Ein Jugendinspekteur für Kinderarbeit kam vorbei und prüfte, ob ich ausgenutzt werde. Doch er merkte schnell, dass wir keine richtige Werkstatt haben, kein Gewerbe. Wir machen alles nur zum Spaß, Schrauben ist mein Hobby. Mein Lieblingswerkzeug ist ein Akkuschlagschrauber namens Michi. Michi kriegt jede Schraube gelöst, mit ihm kann man prima Reifen wechseln und bohren. Wir haben ihn zugeschickt bekommen. Das ist das Beste an Social Media. Manchmal kommen Firmen auf uns zu und schenken uns Werkzeuge. Wenn wir die in unseren Videos benutzen, machen wir kostenlos Werbung für das Unternehmen. Für mich ist das super. Noch mehr Spielzeug zum Austoben.

Nur eine Sache nervt. Ich kann unsere Fahrzeuge zwar reparieren, aber darf die meisten nicht fahren. Ich muss warten, bis ich 16 oder 18 Jahre alt bin. Zum Glück darf ich ab Sommer den Mopedführerschein machen. Ich kann es kaum erwarten.

»Die Kuchlings« sind auf Social Media so erfolgreich, dass sie regelmäßig Werkzeug von Firmen zugeschickt bekommen. Wenn diese Tools in den Videos vorkommen, ist das kostenlose Werbung für das Unternehmen.

»Die Kuchlings« sind auf Social Media so erfolgreich, dass sie regelmäßig Werkzeug von Firmen zugeschickt bekommen. Wenn diese Tools in den Videos vorkommen, ist das kostenlose Werbung für das Unternehmen.

Foto: Matjaž Krivic / DEIN SPIEGEL

Manchmal kommen Nachbarn vorbei und fragen mich um Rat. Etwa weil ihr Tank verrostet ist. »Erst Wasser, dann Salzsäure«, sage ich dann. Unser Traum ist es, eine richtige Werkstatt zu haben. Über Social Media kriegen wir täglich Anfragen von Leuten, die uns ihre kaputten Geräte liefern wollen. Bisher müssen wir alles ablehnen. Schließlich schrauben wir nur zum Spaß an unserem privaten Kram he­rum.

Aber im Sommer, wenn Bernd seine Kfz-Meister-Prüfung bestanden hat, darf er eine Werkstatt eröffnen. Ich möchte nächstes Jahr meine Lehre als Mechaniker starten und danach offiziell bei ihm arbeiten. Unser Papa wird auch mithelfen. Eine Halle haben wir schon gefunden, jetzt fehlt nur noch das Geld. Deshalb haben wir inzwischen einen Online-Shop eingerichtet. Darin verkaufen wir Werkzeuge und T-Shirts mit unserem Logo. Wenn ich daran denke, dass ich in einigen Jahren den ganzen Tag an Autos schrauben darf, statt Englischvokabeln zu lernen, kriege ich gute Laune. Das wird ein großer Spaß. Oder wie wir hier sagen: a Mordsgaudi!

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Foto: DEIN SPIEGEL

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