Dachdecker decken Dächer, Krankenpfleger pflegen Kranke. Aber die meisten Klavierbauer bauen keine Klaviere. Woran das liegt? »Es gibt immer weniger Unternehmen in Deutschland, die Klaviere selbst herstellen. Auch wir könnten das in unserer kleinen Werkstatt nicht stemmen. Wir reparieren und stimmen nur«, sagt Christopher Czech. Instrumente, die aufwendig repariert werden müssen, bringt der Klavierbauer in seine Werkstatt.
Der Familienbetrieb befindet sich in einem Hamburger Gewerbehof. »Klavierwerkstatt Hamburg« steht auf dem Türschild. Seit fast 20 Jahren betreibt Christopher den Betrieb gemeinsam mit seiner Freundin Sonja. Die Werkstatt ist so klein, dass man sie mit wenigen Schritten durchqueren kann, und ähnelt der von Meister Eder in der »Pumuckl«-Serie. Auf den Regalbrettern liegt jede Menge Werkzeug, an einer Seite steht eine wuchtige Werkbank. Es riecht nach Holz und ein bisschen nach Kaffee. Von der Decke hängen sogenannte Akustikpaneele aus Schaumstoff. »Die dämpfen den Schall im Raum, sodass es weniger hallt. Wie in einem Tonstudio«, sagt Christopher.
»Wir müssen unsere Demokratie schützen«, diesen Satz hört man in letzter Zeit immer häufiger. Aber was ist eigentlich eine Demokratie? Und wovor sollte man sie wie schützen? Eine Demokratieforscherin, ein Bürgermeister, eine Demoschild-Influencerin, ein ehemaliger Bundestagsabgeordneter und eine Klassensprecherin liefern Antworten – in der neuen Ausgabe von DEIN SPIEGEL, dem Nachrichten-Magazin für Kinder. Außerdem im Heft: wie ein Klavierbauer arbeitet. DEIN SPIEGEL gibt es am Kiosk, ausgewählte Artikel online. Erwachsene können das Heft auch hier kaufen:
Der Flügel, der mitten im Raum steht, gehört eigentlich einer Hamburger Schule. »Ein alter Steinway, vermutlich Anfang der 1960er-Jahre gebaut, toller Klang«, sagt der Klavierbauer und streicht fast liebevoll über das dunkle Holz. In den nächsten Monaten wird er ihn gemeinsam mit seiner Freundin von Grund auf restaurieren.
Jede Klavierreparatur beginnt mit einer Bestandsaufnahme. »Wir gucken uns das Instrument genau an und prüfen, in welchem Zustand es ist. Wie klingen die einzelnen Töne? Braucht der Flügel neue Saiten oder neue Hammerköpfe? So wissen wir, was alles gemacht werden muss, und können Ersatzteile bestellen«, erklärt Christopher. Auch wenn inzwischen immer mehr solcher Einzelteile in Asien gefertigt werden, gilt Deutschland weiterhin als eines der wichtigsten Länder für den Klavierbau. Rund 5000 Klaviere werden jährlich in Europa hergestellt, die meisten davon in Deutschland.
Diesen Flügel wird Christopher von Grund auf restaurieren. Dafür entfernt er zuerst die Klaviatur, also die Reihe aller Tasten.
Foto: Bettina Theuerkauf / DEIN SPIEGELKlaviere werden seit dem 17. Jahrhundert gebaut. Seitdem hat sich die komplexe Mechanik in ihrem Inneren kaum verändert. Wird eine Taste gedrückt, passiert im Klavier einiges: Der Klavierhammer, der hinten an der Taste befestigt ist, schlägt gegen Saiten, die dadurch zu schwingen beginnen und so den Klang erzeugen. Die einzelnen Saiten bestehen aus Stahl und sind mit Kupfer umwickelt. »Jede Saite ist unterschiedlich dick. Die Kombination aus Saitendicke und Saitenlänge ergibt den Ton«, erklärt Sonja, die ebenfalls gelernte Klavierbauerin ist.
Im Inneren des Schulflügels sind die Saiten bereits entfernt worden. In den kommenden Wochen sollen sie ersetzt werden. Heute sind die Stimmwirbel an der Reihe. So heißen die kleinen Metallstifte, um die die Saiten gewickelt sind. Christopher greift in die Werkzeugkiste, nimmt eine Art Kurbel aus Holz und beginnt, einen Metallstift nach dem anderen herauszudrehen. »Diese Brustleier ist vermutlich unser altmodischstes Werkzeug. Aber für diesen Zweck funktioniert sie besser als jedes Hightech-Equipment«, sagt Christopher.
Die Stimmwirbel sind für die Höhe der einzelnen Töne verantwortlich. Hier werden sie mit einer Brustleier herausgedreht.
Foto: Bettina Theuerkauf / DEIN SPIEGELOben im Werkzeugkoffer liegt eine Art länglicher Schraubenschlüssel aus Holz: der Stimmhammer. Gitarren und Geigen kann man selbst stimmen, Klaviere nicht. Das liegt daran, dass ein Klavier nicht nur vier Saiten hat wie die meisten Streichinstrumente, sondern um die 230, zwei bis drei pro Ton. Außerdem stehen die einzelnen Saiten unter enormer Spannung. »Umgerechnet sind da 20 Tonnen Zugkraft drauf«, sagt Christopher. Selbst mit Equipment und Fachwissen können Pannen passieren. Der Klavierbauer erinnert sich noch gut an den Moment, als ihm bei einem Kunden eine Saite riss – und mit so viel Schwung nach vorn schnellte, dass sie die Fensterscheibe zertrümmerte.
Was ist das Schönste an dem Beruf?
»Wenn ich ein verstimmtes Instrument innerhalb von einer Stunde auf Vordermann bringe und die Besitzer danach wieder Freude am Klavierspielen haben.«
Und was ist das Schlimmste?
»Manche Schrottklaviere lassen sich nicht so einfach reparieren. Teilweise kann eine Reparatur mehr kosten als das ganze Instrument. Den Familien das beizubringen, ist kein gutes Gefühl.«
Wie viele Klavierbauerinnen und -bauer gibt es in Deutschland?
Nur noch 13 Unternehmen stellen Klaviere selbst her. Klavierbauer, die Instrumente reparieren und stimmen, gibt es Tausende. Ungefähr 30 Azubis lassen sich jährlich im Klavierbau ausbilden, doch es werden weniger.
Wie lange dauert die Ausbildung?
Dreieinhalb Jahre. Die einzige Berufsschule für Klavierbauerinnen und -bauer befindet sich in der Stadt Ludwigsburg in Baden-Württemberg. Dort lernt man die Theorie: Werkstoffkunde, die Geschichte des Klavierbaus, aber auch technisches Zeichnen. Der Praxisteil wird in einer Werkstatt vermittelt, in kleineren Klavierbaubetrieben oder großen Klavierhäusern.
Wie viel verdient man?
Bei einer Firma angestellt, verdient man meist zwischen 2500 und 5000 Euro im Monat. Bei Selbstständigen hängt das Gehalt davon ab, wie viele Klaviere sie stimmen und reparieren.
Was muss man können?
Handwerklich geschickt sein
Ein gutes Gehör besitzen
Fingerspitzengefühl und eine ruhige Hand mitbringen: Manchmal entscheiden Millimeter über den Klang.
Für wen ist das eher nichts?
Für Unmusikalische, die kein Gespür dafür haben, wie ein Ton klingen muss
Für Ungeduldige, weil alle Arbeitsschritte 88- oder 230-mal wiederholt werden müssen
Für Tollpatschige mit zwei linken Händen
Um ein Klavier zu stimmen, setzt Christopher den Stimmhammer an den Stimmwirbeln an und dreht, bis die Tonhöhe stimmt. Das wiederholt er, bis alle Töne im richtigen Verhältnis zueinander klingen. Pro Klavierstimmung braucht Christopher durchschnittlich etwa anderthalb Stunden, je nachdem, in welchem Zustand sich das Instrument befindet. Pro Tag stehen oft drei bis vier verschiedene Stimmtermine an.
Zu den verschiedenen Haushalten fährt er mit dem Fahrrad. »Das ist eine super Routine für mich. Bewegung, frische Luft und Abwechslung – sonst würde ich mich fühlen wie ein Handwerker am Fließband«, sagt Christopher. Der Stimmhammer und das Werkzeug, das er für kleinere Reparaturen braucht, passen in einen kleinen Koffer. Wenn er fertig gestimmt hat, spielt Christopher probeweise einige Akkorde und hört genau hin, wie die Töne klingen. Zum Stimmen braucht er kein Hilfsgerät. »Mein Gehör ist mein wichtigstes Werkzeug.«
Man muss Klavier spielen können.
Stimmt teilweise: »Ich finde, es hilft. Schon allein, um auszuprobieren, wie die eigene Stimmung klingt. Jedes Mal, wenn ich ein Klavier gestimmt habe, spiele ich einige Akkorde. Aber theoretisch geht’s auch ohne. Hauptsache, du bist musikalisch.«
Klavierbauer sind gescheiterte Pianisten.
Stimmt teilweise: »Sonja und ich wollten von Anfang an ins Handwerk. Aber es gibt durchaus einige Klavierbauer, die früher davon geträumt haben, das Instrument zu spielen, statt es zu reparieren.«
Als Klavierbauer braucht man ein absolutes Gehör.
Stimmt nicht: »Wenn Leute mit absolutem Gehör einen Ton hören, können sie direkt feststellen, um welchen es sich handelt, also zum Beispiel um ein Fis oder ein D. Mit unserem Job hat das nichts zu tun. Beim Stimmen kümmern wir uns darum, dass die Töne im richtigen Verhältnis zueinander klingen. Ein absolutes Gehör würde dabei vermutlich eher ablenken und stören.«
Dass ein Klavier regelmäßig gestimmt werden muss, liegt daran, dass es vor allem aus Holz besteht. Durch Luftfeuchtigkeit und unterschiedliche Temperaturen bewegt sich das Holz. Deshalb wird empfohlen, ein Klavier einmal pro Jahr stimmen zu lassen. »Oder eben dann, wenn’s schief klingt. Wenn ein Konzertpianist ein schweres Stück spielt, zum Beispiel vom Komponisten Rachmaninow, und so richtig doll in die Tasten haut, verstimmt sich das Klavier schneller«, erklärt Christopher. Deshalb wird der Klavierbauer regelmäßig von Konzerthäusern oder Opern engagiert, um das Instrument kurz vor Konzertbeginn und in der Pause noch mal zu checken.
Die mit Kupfer umwickelten Saiten sind bereits aus dem Inneren des Flügels entfernt worden.
Foto: Bettina Theuerkauf / DEIN SPIEGELDer letzte Stimmwirbel ist draußen. Die neuen Metallstifte hämmert Christopher mit einem Setzeisen aus Stahl in den sogenannten Stimmstock. Als Nächstes sind die Tasten dran, es sind 88 Stück. Der Klavierbauer nimmt eine Leiste ab, dann zieht er die Klaviatur, also die Reihe aller schwarzen und weißen Tasten, aus dem Flügel. Manche der Tasten sehen vergilbt aus, bei einigen ist die Kante beschädigt, bei anderen blättert der Belag ab. Christopher streicht prüfend mit den Fingern darüber. »Die werden wir in den nächsten Wochen abschleifen und polieren, dann sehen die aus wie neu.«
An jedem der Klavierhämmer hinter den Tasten befindet sich ein etwa daumengroßes Stück Filz, das den Aufprall des Hammers auf den Saiten dämpft. Jedes einzelne dieser Filzstücke muss ausgetauscht werden. Darum wird sich Sonja in den nächsten Wochen kümmern. »Das erfordert Fingerspitzengefühl. Hunderte Male dieselbe Bewegung, Millimeterarbeit. Ein bisschen wie ein Puzzle mit 1000 Teilen. Währenddessen kann man prima Hörbücher hören. Mir macht das Spaß, aber Christopher ist viel zu ungeduldig dafür«, sagt sie.
Fingerspitzengefühl gefragt: Sonja tauscht die Filzgarnierungen hinter den Tasten aus.
Foto: Bettina Theuerkauf / DEIN SPIEGELBis der Flügel fertig repariert ist, wird es wohl noch einige Monate dauern. »Eigentlich ist es schade. Sobald das Instrument toll klingt und man Spaß hat, darauf zu spielen, verlässt es uns«, sagt Christopher. »Aber dafür ist dann Platz für etwas Neues. Ich bin jedes Mal gespannt auf das nächste Projekt.«
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