SpOn 27.03.2026
06:50 Uhr

Timmendorfer Strand: Buckelwal befreit sich in der Nacht von Ostsee-Sandbank


Tagelang hing ein Buckelwal vor Timmendorfer Strand fest. Zuletzt wurde eine Rettungsrinne für das Tier gegraben. In der Nacht hat es sich freigeschwommen – und muss nun den Weg Richtung Nordsee finden.

Timmendorfer Strand: Buckelwal befreit sich in der Nacht von Ostsee-Sandbank

Der in der Ostsee vor Timmendorfer Strand auf einer Sandbank festsitzende Wal hat sich in der Nacht zum Freitag befreit. Dies bestätigte der an einer Rettungsaktion beteiligte Biologe Robert Marc Lehmann. Das Tier konnte demnach mithilfe einer Rinne, die ein Schwimmbagger ausgegraben hatte, ins tiefere Wasser schwimmen.

Fotografen und Journalisten suchten am Freitagmorgen das Wasser und den Horizont nach dem 12 bis 15 Meter langen Meeressäuger ab und konnten das Tier nicht mehr entdecken, wie ein Reporter der Nachrichtenagentur dpa vor Ort sagte. Der Wal schwimmt nun in der Lübecker Bucht. Er sei weiter draußen in der Bucht gesichtet worden, sagte Stephanie Groß vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW).

Den Angaben zufolge schwimmt das Tier auf Kurs hinaus aus der Lübecker Bucht. Eine Kollegin von ihr sei in einem Schlauchboot direkt neben dem Wal, so Groß. Zudem werde das Tier ungefähr 300 Meter vor der Küste von einem Schiff der Küstenwache und mehreren Booten begleitet. An dem Wal selbst sei kein Sender angebracht worden, da die Haut zu sehr geschädigt sei.

Noch nicht in Sicherheit

Jetzt komme es darauf an, dass der Wal im offenen Wasser bleibe und möglichst in die Nordsee schwimme, so Lehmann. Noch sei er nicht in Sicherheit. Seine Befreiung von der Sandbank sei bisher nicht seine Rettung, sondern nur ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Zu Hause sei er erst im Atlantik.

Der Wal sei zeitweise wieder auf dem Weg ins flachere Wasser gewesen, sagte ein Sprecher von Sea Shepherd. Mit den Schlauchbooten hätten die Organisation und Greenpeace eine Art Blockade hergestellt, damit er nicht wieder ins Flachwasser kommt. Man versuche ihn irgendwie weiter in tieferes Wasser der Ostsee zu geleiten.

Fotostrecke

Buckelwal vor Timmendorfer Strand

Foto: Marcus Brandt / dpa

Der Buckelwal war Montagmorgen auf einer Sandbank entdeckt worden. Tagelang liefen Versuche, das Tier zu befreien. So war etwa am Dienstag ein Rettungsversuch mit einem kleinen Saugbagger gescheitert. Am Donnerstag wurde mit einem Schwimmbagger eine Rinne ausgehoben. Meter um Meter hatte sich der Wal am Abend durch diese Rinne gekämpft. Auch ein größerer Bagger konnte schließlich von Land aus eingreifen, nachdem ein Damm aufgeschüttet worden war, um das schwere Gerät in Reichweite zu bringen.

Das Tier zeigte sich aktiver als in den Tagen zuvor. Die Helfer versuchten, den Wal am Abend auch mit Lärm zu animieren – durch Hupen, Trommeln oder Rufen. Auch das Tier selbst gab immer wieder ein lautes Brummen von sich. Am Ende hätten am Abend nur noch wenige Meter bis ins tiefere Wasser gefehlt, sagte der Bürgermeister von Timmendorfer Strand, Sven Partheil-Böhnke, als die Aktion wegen der Dunkelheit abgebrochen wurde.

»Er hat tatsächlich wirklich Bock, und die Motivation ist da«, hatte der Biologe Lehmann über den Wal gesagt. Im Neoprenanzug war er im flachen Wasser stehend auf Tuchfühlung mit dem Tier gegangen, auch um es zu beruhigen, wie er sagte.

Nicht heimisch in der Ostsee

Großwale wie Buckelwale sind in der Ostsee nicht heimisch. Sie könnten demnach auf der Suche nach Nahrung Fischschwärmen folgen und in der Ostsee landen. Auch Unterwasserlärm könnte laut Experten eine Rolle spielen. Da die Ostsee nicht sein natürlicher Lebensraum ist, muss der Buckelwal wieder zurück in die Nordsee und dann weiter in den Atlantik gelangen.

Laut Experten besteht die Gefahr, dass der Wal sich erneut festschwimmt oder aus der Ostsee nicht wieder herausfindet. Die Ostsee stelle ein Nadelöhr dar, sagte etwa Jan Herrmann, Tierarzt und Walexperte aus Wilhelmshaven. »Den Ausgang muss man wieder finden, und das ist nicht ganz sicher, dass das in der Navigation der Buckelwale so angelegt ist.«

DER SPIEGEL

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther kündigte bei einem Ortsbesuch am Donnerstag für den Fall der Fälle schon einmal Geleit durch Boote an. Der CDU-Politiker sagte die Hilfe des Landes zu.

Warum der Wal vor Niendorf aufgetaucht war, ist bislang unklar. Stephanie Groß vom ITAW sagte, vielleicht sei das Tier krank oder verletzt, vielleicht auch nur erschöpft gewesen. Es könne aber auch sein, dass der Wal einfach durch einen unglücklichen Zufall in diesem Flachwasserbereich gelandet sei.

Nach Angaben der Meeresschutzorganisation Sea Shepherd handelt es sich bei dem Tier wahrscheinlich um den Wal, der bereits zuvor wiederholt auch vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns gesichtet worden war. Anfang März hatte das Tier durch sein Auftauchen im Hafen von Wismar Aufsehen erregt.

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Der Meeresökologe Joseph Schnitzler hatte sich zuletzt zuversichtlich gezeigt, dass die Rettung des Tieres gelingen könnte. »Der Wal ist relativ fit, sein Ernährungszustand gar nicht so schlecht«, sagte er am Mittwoch im Interview mit dem SPIEGEL. Zudem liege der Buckelwal relativ günstig in einer Mulde. »Er könnte dort noch Tage, vielleicht sogar Wochen überleben, wenn er nicht schwer krank ist.«

Anmerkung der Redaktion: Kurz nach Veröffentlichung dieser Nachricht bestätigte ein Experte die Befreiung des Wals. Wir haben das nachträglich ergänzt und den Text entsprechend aktualisiert.

wit/dpa