SpOn 27.05.2026
17:53 Uhr

News des Tages: Mehr Superreiche, Friedrich Merz, Lange Haft für Daniela Klette


Die Wirtschaft schwächelt, aber die Zahl der superreichen Deutschen steigt massiv. Berlin tuschelt über einen »Einwechslungskanzler« Wüst. Und Daniela Klette muss 13 Jahre in Haft. Das ist die Lage am Mittwochabend.

News des Tages: Mehr Superreiche, Friedrich Merz, Lange Haft für Daniela Klette
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1. 28 Prozent Wachstum

In Deutschland gebaute Luxusjacht »My Enzo« (2021): Die Unwucht wird größer

In Deutschland gebaute Luxusjacht »My Enzo« (2021): Die Unwucht wird größer

Foto: Petra Nowack / penofoto / IMAGO

In Deutschland wächst die Zahl der Superreichen deutlich: Laut aktuellem Global Wealth Report der Boston Consulting Group (BCG) verfügten 2025 rund 5000 Menschen über ein Finanzvermögen von umgerechnet mindestens 100 Millionen US-Dollar – etwa 1100 Personen (28 Prozent) mehr als im Jahr zuvor. Diese kleine Gruppe hält 27,3 Prozent des gesamten Finanzvermögens, während rund 66 Millionen Deutsche umgerechnet weniger als 250.000 Dollar besitzen. Die Vermögenskonzentration nimmt weiter zu, berichtet mein Kollege David Böcking aus dem Wirtschaftsressort. Der Grund: Aus Geld wird noch mehr Geld. Wohlhabende können stärker in renditestarke Anlagen investieren.

Weltweit führen die USA beim Finanzvermögen, Deutschland liegt mit 12,4 Billionen Dollar auf Platz vier. Hierzulande dominieren Sachvermögen wie Immobilien, Aktien spielen weiterhin eine unterdurchschnittliche Rolle. Diese zurückhaltende Anlagestrategie sowie strukturelle Probleme wie schwaches Wachstum und demografischer Wandel dürften das Vermögenswachstum künftig bremsen.

Die aktuelle Entwicklung aber fällt in eine Zeit, in der die Berliner Politik heftig diskutiert, wie staatliche Reformen künftig finanziert werden können. Die einen wollen Vermögende stärker belasten. Andere fordern, staatliche Ausgaben deutlich zurückzufahren und auf Eigenverantwortung zu setzen. So rät der Sachverständigenrat, auch »Wirtschaftsweise« genannt, im neuen Frühjahrsgutachten, die bisherigen »Leistungszuschläge« für Menschen in stationärer Pflege (im Volksmund auch »Pflegeheimzuschüsse« genannt) sowie den sogenannten Entlastungsbetrag in Höhe von bis zu 131 Euro ersatzlos zu streichen. (Lesen Sie hier mehr. )

Politisch gesehen zahlt der neue Global Wealth Report auf beide Sichtweisen ein: Sowohl Befürworter höherer Steuern als auch Anhänger stärkerer Aktienförderung sehen sich durch ihn bestätigt.


2. 80 Millionen Bundeskanzler

Bei der Meldung über die Superreichen musste ich an das »Spitzengespräch« denken, das mein Kollege Markus Feldenkirchen jüngst mit dem langjährigen Manager des FC Bayern München, Uli Hoeneß, geführt hat (hier das ganze Gespräch). Hoeneß führte darin – sagen wir mal – sehr engagiert aus, warum er auf keinen Fall mehr Steuern zahlen möchte und warum die Gewerkschaften dem Land einen Gefallen täten, wenn sie sich für längere Arbeitszeiten einsetzen würden. Hoeneß kritisierte auch uns Medien, die der Regierung keine Zeit ließen, auch mal was anzustoßen, ohne es sofort schlechtzureden.

Aber was soll man machen: Es gibt aktuell halt viel zu kritisieren. Der Reformstau löst sich nicht auf. Deutschland spielt international kaum noch eine Rolle. Die AfD eilt von Umfragerekord zu Umfragerekord. Der Kanzler bei seinen Persönlichkeitswerten ebenso, nur in die umgekehrte Richtung. In Berlin tuschelt man bereits, Friedrich Merz könnte womöglich durch einen anderen Unionsmann als »Einwechselkanzler« ersetzt werden, am lautesten wird der Name Hendrik Wüst vernommen, gefolgt von Markus Söder und Jens Spahn. Mein Kollege Konstantin von Hammerstein sagt: »Stimmt, es wird getuschelt.« Das liege aber vor allem daran, dass Wüst vergangene Woche in Polen war und einen Tross Hauptstadtjournalistinnen und -journalisten um sich hatte, die jede Regung interpretiert hätten. Doch der NRW-Ministerpräsident gab sich nicht die Blöße, Ambitionen zu signalisieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass es kurzfristig tatsächlich zu einem Wechsel kommt, sortiert Konstantin auf der nach oben offenen Berliner Bullshit-Skala bei »eins«. Und mittelfristig: »Bei höchstens 2,5.«

In der Politik ist es bisweilen wie beim Fußball: Deutschland hat spätestens ab dem Beginn der Weltmeisterschaft am 11. Juni 80 Millionen Bundestrainer, die alles besser können. Wie schwer mitunter politische Prozesse sind, wie schwer die Abstimmungen darüber, wird an den Stammtischen der Biergärten gern mal unterschätzt. Wenn Sie mal Politik »in echt« simulieren wollen, können Sie das heute machen. Seien Sie für einen Tag Bundestagsabgeordneter und probieren unser Tool aus, bei dem reale politische Fragen zur Abstimmung stehen. Dann werden Sie merken: »Durchregieren« ist unmöglich.


3. 13 Jahre Haft für Klette

Das Landgericht Verden hat die mutmaßliche frühere RAF-Terroristin Daniela Klette zu 13 Jahren Haft verurteilt. Die 67-Jährige wurde wegen besonders schweren Raubs in sechs Fällen sowie weiterer Delikte schuldig gesprochen, darunter erpresserischer Menschenraub, versuchte räuberische Erpressung und Verstöße gegen das Waffengesetz.

Laut Anklage soll Klette gemeinsam mit Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub zwischen 1999 und 2016 Überfälle auf Geldtransporter und Supermärkte in Norddeutschland verübt haben. Ursprünglich ging es um 13 Taten, fünf wurden nicht weiter verfolgt. So standen am Ende acht Überfälle im Fokus, bei denen mehr als zwei Millionen Euro erbeutet worden sein sollen.

Klette war im Februar 2024 in Berlin festgenommen worden. In ihrer Wohnung fanden Ermittler unter anderem Waffen, Munition, falsche Papiere und 240.000 Euro Bargeld. Ihre mutmaßlichen Komplizen sind weiterhin auf der Flucht.

Im Gerichtssaal kam es bei der Urteilsverkündung zu Zwischenrufen. Die Wachtmeister hatten sich schon positioniert, nachdem bei Klettes Plädoyer, das sie selbst hielt, Unterstützer Transparente auf Mullbinden eingeschmuggelt hatten. »Es war klar, dass sie die Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe nicht hinnehmen würden«, sagt meine Kollegin Julia Jüttner, die im Gericht saß. Auch andere, die nicht rausgetragen wurden, hätten vor Ende der Urteilsbegründung den Saal verlassen – »allerdings nur, um auf dem Gelände vor der umgebauten Reithalle alles für Klettes Abfahrt vorzubereiten: Sie hielten Banner hoch und applaudierten ihr ein letztes Mal.«


Was heute sonst noch wichtig ist

  • Fünf Vermisste lebend aus Höhle in Laos geborgen: Tagelang saßen sieben Goldsucher in Laos in einer Höhle fest. Nachdem fünf von ihnen gerettet werden konnten, kämpfen internationale Experten gegen Regen und enge Zugänge, um die anderen beiden zu finden.

  • Linksextremistin Lina E. kommt vorzeitig frei: Eigentlich sollte die verurteilte Linksextremistin Lina E. noch einige Zeit in Haft bleiben. Doch ein Gutachten bescheinigt ihr nun eine positive Prognose, sich in Freiheit zu bewähren.

  • Investitionsquote für Streamingdienste soll deutsche Filmbranche stärken: In deutschen Filmstudios fehlen Aufträge, Blockbuster werden in anderen Ländern produziert. Nun hat das Kabinett einen Gesetzentwurf beschlossen, der Streamer zu Investitionen hierzulande verpflichtet.


Mein Lieblingstool heute: Die Nazi-Kartei

»Wir verstehen die Arbeit an der Nazi-Kartei als Experiment, als fortlaufenden Prozess«, das haben meine Kolleginnen und Kollegen vor einigen Wochen geschrieben, als sie das interaktive Recherche-Tool zur NS-Vergangenheit präsentierten. Ein Team aus Redaktion, Dokumentation und IT hatte Millionen Mitgliedskarten der NSDAP aufbereitet, sodass jede und jeder in der Datenbank suchen und recherchieren kann. Millionen Nutzerinnen und Nutzer haben das ausprobiert. Schon damals war klar: Mancher Datensatz ist unvollständig, wir werden an vielen Stellen nacharbeiten.

Jetzt ist es gelungen, weitere 864.000 Mitgliedskarten der NSDAP hinzuzufügen, die bislang fehlten. Außerdem haben die Kolleginnen und Kollegen Millionen Ortsdaten mit der Nazi-Kartei verknüpft, sodass Sie sich anzeigen lassen können, in welcher Gegend Ihr Opa der NSDAP beigetreten ist.


Was heute weniger wichtig ist

Foto: dts-Agentur / picture alliance

Ins Uckermark getroffen: Die Brüder Bill und Tom Kaulitz, beide 36, haben einen Korb von Angela Merkel bekommen. Seit Jahren versuchen sie, die Ex-Kanzlerin in ihren Podcast »Kaulitz Hills. Senf aus Hollywood« einzuladen. Auf der re:publica sollte Merkel Sätze vervollständigen. Den Satz »In zehn Jahren habe ich die Kaulitz-Brüder...« ergänzte sie mit »immer noch nicht im Podcast besucht«. In der jüngsten Folge ihres Formats fragte Tom seinen Zwillingsbruder Bill, ob man immer noch Merkel-Fan sein könne, »nachdem man so eine Backpfeife kriegt«. Bill antwortete: »Ich war heartbroken.«


Mini-Hohlspiegel

Bebilderung einer Meldung des »Trierischen Volksfreunds« mit Glückwünschen zu einer diamantenen Hochzeit

Bebilderung einer Meldung des »Trierischen Volksfreunds« mit Glückwünschen zu einer diamantenen Hochzeit

Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

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Klaus Stuttmann


Und heute Abend?

Foto:

Sonny McCartney / MPL Communications / Avalon / action press

Könnten Sie sich auf das neue Album von Paul McCartney einstimmen, das übermorgen erscheint. Einen ersten Song gibt es schon als Vorgeschmack . Wie kraftvoll McCartney aus der Palette musikalischer Farben erneut Neues schafft, »etwas Frisches und unbedingt Heutiges, ist das eigentliche Wunder – und wunderbare Paradox – dieses erstaunlichen Spätwerks«, schreibt mein Kollege Arno Frank .

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Ich wünsche Ihnen einen heiteren Abend. Herzlich

Ihr Janko Tietz, Leiter des SPIEGEL-Nachrichtenressorts