Putins Parade, die Selenskyj gnädig erlaubt hat
Auf dem Roten Platz wird Wladimir Putin heute den Sieg über Hitlerdeutschland beschwören – und eigentlich meint er damit längst die Ukraine, gegen die er im fünften Jahr Krieg führt. Doch die große Parade ist in diesem Jahr geschrumpft, den Abschluss mit schweren Panzern und Interkontinentalraketen wird es diesmal nicht geben. Aus Angst vor ukrainischen Drohnenangriffen war sie schon im Vorfeld redimensioniert worden. Russland drohte gleichzeitig mit schweren Angriffen auf das Zentrum von Kyjiw, falls die Parade gestört werden sollte.
Russische Kunstflugstaffel bei Proben vor dem 9. Mai
Foto: Shamil Zhumatov / REUTERSSeit gestern Abend gilt nun überraschend eine dreitägige Waffenruhe, vom 9. bis zum 11. Mai, einschließlich eines Gefangenenaustauschs von je 1000 Inhaftierten. Die Vereinbarung hat Donald Trump verkündet. Selenskyj antwortete mit einem spöttischen Dekret, das die Parade auf dem Roten Platz »erlaubt« und das Areal mit präzisen GPS-Koordinaten »vom geplanten Einsatz ukrainischer Waffen« ausnimmt. Es ist die Geste eines Präsidenten, dessen Armee zuletzt tief im russischen Hinterland angriff. Putins Lage ist dagegen militärisch nicht so gut, wie er gern glauben machen würde. Russlands traditionelle Frühjahrsoffensive ist in diesem Jahr ausgeblieben, die Front hat sich kaum bewegt. An der Dnipropetrowsk-Front demonstrierten die Ukrainer sogar eine überraschende Fähigkeit zu Gegenstößen. Im wichtigen Bereich der Drohnentechnologie holen sie auf.
Wie mein Kollege Christian Esch schreibt, der lange aus Moskau berichtete und jetzt aus der Ukraine, steht die geschrumpfte Moskauer Parade für ein doppeltes Scheitern (mehr hier ). Putin hat es nicht geschafft, die eigene Gesellschaft vom Krieg zu isolieren: Wenn ukrainische Drohnen bis in den Ural fliegen, wenn in Moskau zum heiligsten russischen Feiertag das mobile Internet abgeschaltet werden muss, ist der Krieg auch in Moskau angekommen. Zweitens ist Putin, der sich am liebsten als historische Figur sieht, in der Gegenwart eines Kriegs gefangen, den er als Blitzkrieg angelegt hatte, aus dem er sich aber auch im Mai 2026 nicht befreien kann.
Mehr Hintergründe hier: Putin verabschiedet sich aus der Gegenwart
Magyar muss nun beweisen, dass sich Demokratie auszahlt
Kein Ereignis hat Europa in diesem Jahr so viel Hoffnung gegeben wie der Sieg von Péter Magyar, der die autoritäre Regentschaft von Viktor Orbán nach 16 Jahren beendet hat (mehr hier ). Nun tritt er offiziell sein Amt an: Um zehn Uhr tritt das am 12. April gewählte Parlament zusammen, gegen 15 Uhr soll Magyar zum Ministerpräsidenten gewählt werden – mit der Zweidrittelmehrheit von 141 von 199 Sitzen, die auch für Verfassungsänderungen reicht. Die bisherige Staatspartei Fidesz ist auf 52 Sitze abgestürzt.
Politiker Magyar am Donnerstag in Rom
Foto: Filippo Monteforte / AFPMagyar hat angekündigt, das System Orbán zu demontieren. Doch das demontiert sich bereits selbst, wie mein Kollege Jan Puhl schreibt. So ermittelt die Polizei plötzlich gegen das Medienimperium des Orbán-Vertrauten Gyula Balásy, der über Jahre wohl Staatsaufträge im Wert von fast einer Milliarde Euro eingesammelt hat. Der Orbán-treue Sender TV2 nimmt seine schärfsten Propagandasendungen aus dem Programm. Und einige Oligarchen schaffen ihren Besitz seit Wochen per Privatjet ins Ausland. Orbán selbst wirkt seit der Wahlnacht seltsam matt. Innerhalb von Fidesz werden inzwischen Stimmen laut, die den langjährigen Regenten kritisieren. Das war vor Kurzem undenkbar.
Nun muss Magyar zeigen, dass er seine Versprechen halten kann. Die Frage lautet, wie schnell der neue Premier die demokratischen Institutionen und die Gewaltenteilung im Land wiederherstellen kann. Aber auch, wie schnell er die in Brüssel eingefrorenen rund zehn Milliarden Euro ins Land holen kann – und seinen Wählern damit zu zeigen, dass sich Demokratie auszahlt.
Die ganze Geschichte hier: Das System Orbán demontiert sich selbst – noch vor Magyars Vereidigung
Der Sieger heißt Farage – und Labour-Abgeordnete fordern Starmers Abgang
Keir Starmer hat ein hartes Wochenende vor sich. Bei den Wahlen am Donnerstag hat die rechtspopulistische Partei Reform UK in England mehr als 1200 Sitze in Stadt- und Gemeinderäten dazugewonnen, in Schottland zieht Nigel Farages Partei erstmals ins Holyrood-Parlament ein. Und in Wales ist die nationalistische Partei Plaid Cymru auf dem Weg zur stärksten Kraft – Labour fällt dort hinter Reform auf Platz drei. Die BBC-Hochrechnung auf nationaler Ebene zeigt das Bild einer neuen britischen Zersplitterung: Reform 26 Prozent, Grüne 18, Labour 17, Tories 17, Lib Dems 16.
Wahlsieger Farage
Foto: Jordan Pettitt / APStarmer übernahm am Freitag öffentlich Verantwortung für die Niederlage, kündigte aber an, nicht zurückzutreten. Zehn Labour-Abgeordnete forderten dennoch einen Zeitplan für seinen Abgang. Die aussichtsreichsten Nachfolger halten sich vorerst zurück: Vize-Premierministerin Angela Rayner, der frühere Manchester-Bürgermeister Andy Burnham und Gesundheitsminister Wes Streeting warten wohl ab, wie sich das Wochenende entwickelt.
Der Sieger heißt Nigel Farage. Für ihn ist das der größte politische Erfolg seit dem Brexit-Referendum. Er profitiert davon, dass viele Briten weder mit Labour noch mit den Tories zufrieden sind und das Gefühl haben, dass sich wirtschaftlich und gesellschaftlich wenig bewegt. Reform UK hat das britische Zweiparteiensystem aufgebrochen und Labour-Wähler in den postindustriellen Regionen Nordenglands geholt. Farages einziges großes Versprechen ist ein Migrationsstopp. Die nächste reguläre Wahl findet erst 2029 statt. Aber wenn der Trend hält, ist Farage in vier Jahren britischer Premier.
Sollte Labour der Abwahl nicht müde entgegensehen wollen, müsste die Partei ihre große Mehrheit jetzt noch nutzen und politischen Mut entwickeln (mehr hier ). Paradoxerweise befürwortet mittlerweile eine deutliche Mehrheit der Briten in Umfragen eine Rückkehr in die EU; noch mehr wünschen sich zumindest engere Beziehungen. Dieser Frage ist Starmer bisher ausgewichen. Es mag kontraintuitiv wirken, sich Brüssel anzunähern, um Mr. Brexit zu schlagen – doch vielleicht ist ein visionäres politisches Projekt genau das, was Großbritannien jetzt benötigt. Es könnte die liberalen Kräfte mobilisieren und zugleich eine Wirtschaft ankurbeln, die Anfang der Dreißigerjahre bei den Pro-Kopf-Zahlen von der polnischen überholt werden dürfte.
Mehr Hintergründe hier: Labour-Partei von Premier Starmer erleidet schwere Niederlage
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Verlierer des Tages…
…sind die US-Demokraten. Der Oberste Gerichtshof von Virginia hat gestern mit einem 4:3-Urteil eines ihrer wichtigsten Vorhaben für die Midtermwahlen im November kassiert.
Oberster Gerichtshof von Virginia in Richmond
Foto: Steve Earley / Newscom / picture allianceDie Republikaner setzen auf Geheiß von Donald Trump längst auf »Gerrymandering« im großen Stil: Sie schneiden die Wahlkreise von ihnen regierter Bundesstaaten neu zu, um sich zusätzliche Sitze im Repräsentantenhaus zu sichern. Texas, Florida und Tennessee haben das bereits getan, gemeinsam mit weiteren republikanisch regierten Staaten dürften sich die Republikaner damit rund 14 zusätzliche Sitze gesichert haben. Alabama, Louisiana und South Carolina arbeiten an eigenen Karten. Die Demokraten haben in Kalifornien erfolgreich gekontert. Ihr zweitwichtigstes Projekt war Virginia – das ist nun gescheitert.
Das Gericht entschied, die Demokraten im Parlament des Bundesstaats hätten gegen die Verfassung Virginias verstoßen, weil sie im vergangenen Herbst zu nah am Wahltag abgestimmt hatten.
Damit gehen die Demokraten geschwächt in einen Herbst, den sie eigentlich gewinnen sollten. Trump ist so unpopulär wie nie, seine Zustimmung ist durch den Irankrieg unter 39 Prozent gefallen, und die Republikaner rechnen selbst mit einer Niederlage. Doch die Wahlkarten fallen so deutlich zu ihren Gunsten aus, dass eine klare demokratische Mehrheit jetzt deutlich schwieriger zu erreichen ist.
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Katars Regierungschef wirbt bei JD Vance für neue Friedensgespräche: Die Verhandlungen mit Iran stocken – nun drängt Katar auf eine Wiederbelebung der Diplomatie. Regierungschef Al-Thani sprach in Washington mit Vance über einen möglichen Weg zum Frieden.
Die »Hondius« soll Sonntagmorgen auf Teneriffa ankommen: Das von einem Hantavirus-Ausbruch betroffene Schiff hält Kurs auf Teneriffa. Dort bereiten sich die Behörden auf die Ankunft vor. Passagiere und Crew werden unter genauer Beobachtung stehen.
Rekordansturm auf den Mount Everest spült Millionen in Nepals Kassen: 492 Genehmigungen, 55 Länder, mehr als sieben Millionen Dollar Einnahmen: Nepal erlebt eine Rekord-Klettersaison am Everest – und fürchtet nun gefährliche Staus auf dem Weg zum Gipfel.
Heute bei SPIEGEL Extra: Worauf es ankommt, wenn der Urlaub mit der Familie toll werden soll
Malquerida Studio / Stocksy Unit
Berge, Meer, gar eine Safari? Nein, für traumhaften Familienurlaub braucht es weniger als gedacht. Welche Fragen Sie einander stellen müssen – und warum man einen gelungenen Trip lieber nicht wiederholt .
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.
Ihr Mathieu von Rohr, Leiter des SPIEGEL-Auslandsressorts
