Völker der Welt, hört nicht auf diesen Mann
Wir haben ja nicht ewig Zeit für jeden Unsinn, deshalb hoffe ich auf Ihr Verständnis, wenn ich hier nur kursorisch auf die Rede eingehe, die Donald Trump gestern vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen gehalten hat. Sie bestand sowieso zum größten Teil aus Eigenlob und der Wiederholung von bereits bekannten Positionen.
Donald Trump vor der Uno-Generalversammlung
Foto: Sarah Yenesel / EPAWirklich neu war eigentlich nur eine, nun ja, nennen wir es mal eine Idee: Geht es nach Trump, sollen wir alle die KI, also die »künstliche Intelligenz«, ab jetzt »Superintelligenz« nennen, also SI (mehr hier). Aha. Sonst ändert sich nichts. SI also. Sehr interessant. Eine kindische Umbenennung war der größte Knaller in der diesjährigen Rede des US-Präsidenten vor den Vereinten Nationen. Und weil wir ja wissen, wozu Trump fähig ist, kann man darüber eigentlich nur froh sein.
Eher am Rande forderte Trump wieder einmal die Abschaffung des Internationalen Strafgerichtshofs. Ich erwähne das nur deshalb, weil von dort heute Nachrichten zu erwarten sind: Um elf Uhr will das Gericht in Den Haag sein Urteil über einen ehemaligen Rebellenführer verkünden, der unter dem Namen »Mister Said« bekannt war. Im Jahr 2013 soll er in der Zentralafrikanischen Republik Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen begangen haben.
Dass es eine Institution gibt, die dafür sorgt, dass Folterer und Kriegsverbrecher auch Jahrzehnte nach ihren Taten noch zur Rechenschaft gezogen werden, ist eine große Errungenschaft der Weltgemeinschaft. Und dass Trump diese Institution zerstören will, ist nur ein weiterer Beleg dafür, wie klein dieser Mann ist.
Mehr Hintergründe hier: Erst nach knapp 30 Minuten Redezeit fängt Trump an, die Uno zu beschimpfen
Lieber mal auf diesen
Richten wir unseren Blick stattdessen kurz auf einen anderen, wesentlich harmloseren Mann: unseren Bundespräsidenten. Frank-Walter Steinmeier ist im Rahmen seiner Tour mit dem Titel »Ortszeit Deutschland« (mehr dazu hier ) für drei Tage in Hattingen in Nordrhein-Westfalen zu Gast. Heute ist schon Tag zwei seines Aufenthalts in der 53.000-Einwohner-Stadt an der Ruhr.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schält Kartoffeln in Hattingen
Foto: Christoph Reichwein / dpaIn Hattingen kann man Minigolf spielen, es gibt ein Kartcenter und auch eine Schmetterlingswiese. Steinmeier besucht heute ein Mehrgenerationen-Wohnprojekt, er informiert sich über eine Produktionsanlage für elektronische Regler, und am Nachmittag diskutiert er mit Bürgerinnen und Bürgern bei einer sogenannten »Kaffeetafel kontrovers«. Abends geht’s dann in einem Vierer mit Steuermann mit dem Hattinger Ruderverein hinaus auf den Fluss.
Das ist alles herzerweichend alltäglich, und genau deshalb berichte ich hier davon: Überall hören wir immer nur vom zumindest drohenden, womöglich aber schon unvermeidlichen Untergang der Bundesrepublik Deutschland. Da ist es zur Abwechslung doch auch mal ganz beruhigend, einen Mann an der Staatsspitze zu haben, der mit normalen Menschen ruhige Gespräche führt und dann zum Rudern geht. Ich hoffe wirklich, wer auch immer im höchsten Amt auf Frank-Walter Steinmeier folgt, ist genauso langweilig wie er.
Mehr Hintergründe hier: Schwarz-rote Koalition hat bei Bundespräsidentenwahl klare Mehrheit
Und auf diesen hören sie immer weniger
Keine Lage diese Tage ohne die große Frage: Ist Friedrich Merz noch Bundeskanzler? Und wenn ja: wie lange noch? Der aktuelle Wasserstand im Drama um den CDU-Chef lautet: knapp unterm Kinn, aber den Kopf immer noch trotzig über Wasser. Gestern hat er sich von der Unionsfraktion Unterstützung bescheinigen lassen, beziehungsweise namentlich von deren Vorsitzendem Thorsten Frei.
Friedrich Merz und voll hinter ihm stehend Thorsten Frei bei einer Sitzung der Unionsfraktion in Berlin
Foto: Kay Nietfeld / dpaAn Merz gab es freilich auch Kritik (mehr dazu hier ), zumal er mit seinem irritierenden Vorstoß in Sachen Krankenversicherung nicht nur die eigenen Leute vor den Kopf gestoßen hat. Was war denn da in ihn gefahren? Die Analyse, dass es zwischen gesetzlich und privat Versicherten ein Gerechtigkeitsproblem gibt, ist zwar offensichtlich zutreffend. Aber wer soll denn ausgerechnet Merz abnehmen, daran etwas ändern zu wollen?
Während die einen Merz ermahnen, dringend auf Unions- und Reformkurs zu bleiben, gibt es aber auch solche, die ihn zum Rückzug bewegen wollen. »Es ist an der Zeit, dass er den Platz frei macht«, sagt jetzt Mario Czaja, früher mal für anderthalb Jahre CDU-Generalsekretär. Bis Merz fand, dass es an der Zeit war, dass Czaja den Platz frei macht (mehr dazu hier).
Wer nach den Ursachen der tiefen Krise der CDU sucht, findet sie aber womöglich weniger in Fraktionssitzungen oder den Äußerungen ehemaliger Spitzenfunktionäre, sondern bei denen, die sie nicht mehr wählen. Meine Kollegin Deike Diening ist gleich nach der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern in den ehemaligen Wahlkreis von Angela Merkel gefahren und hat sich ausführlich umgesehen. Aus ihrer Reportage wird klar, dass das desaströse Ergebnis nur die Konsequenz aus einer schleichenden Entwicklung gewesen ist: Die CDU war hier schon lange vor der Wahl innerlich abgewählt.
Die ganze Geschichte hier: »Oma, Opa, alle CDU« – das gilt schon lang nicht mehr
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Gewinner des Tages…
NRW-Ministerpräsident Wüst (CDU) zu Besuch in einem Taubenzüchterverein (im August)
Foto: Anke Waelischmiller / IMAGO…ist Hendrik Wüst. Während Friedrich Merz seine liebe Mühe damit hat, sich menschlich zu zeigen, gelingt dem NRW-Ministerpräsidenten die Rolle des Typs von nebenan scheinbar mühelos. Zuletzt erzählte Wüst vom vergangenen Wahlsonntag: Da habe er eigentlich gar keine Zeit gehabt. Und dann habe er sich von seiner Fünfjährigen doch breit schlagen lassen – und noch 25 Minuten mit ihr mit Duplo-Steinen gespielt. Ist das nicht nett? Geradezu unglaublich nett.
Die jüngsten Meldungen aus der Nacht
Trump will Exportstopp für US-Diesel – trotz Warnungen seines Ministers: Die USA exportieren eine Menge Diesel, gleichzeitig ist der Treibstoff im Land teuer wie nie. Donald Trump erwägt daher, die Ausfuhr zu kappen. Doch das könnte nach hinten losgehen.
Verdacht auf giftiges Quecksilber – DHL-Zentrum evakuiert: Eine Paketzustellerin meldete körperliche Beschwerden – dann wurde das Paketzentrum geräumt. In Mecklenburg-Vorpommern ist es zu einer mutmaßlichen Quecksilbervergiftung gekommen.
Rauch an Bord – Eurowings-Maschine muss kurz nach Start umdrehen: Die 144 Passagiere wollten von Düsseldorf ins italienische Brindisi fliegen, doch so weit kamen sie nicht: Nach etwa zwölf Minuten in der Luft landeten sie schon wieder.
Heute bei SPIEGEL Extra: Der Traum von der Ferienwohnung – und warum er schnell zum Geldgrab wird
Julia Ishac / Connected Archives
Eine eigene Wohnung an Ihrem Lieblingsurlaubsort, die sich durch Vermietung selbst finanziert? Immobilienexperte Jonas Hahn erklärt, warum diese Rechnung oft nicht aufgeht – und welche Regionen in Deutschland noch Chancen bieten .
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.
Ihr Stefan Kuzmany, Autor der Chefredaktion
