Koch und Kellner
Wladimir Putin ist in Peking eingetroffen, heute steht die Autokratenaudienz bei Xi Jinping auf dem Plan. Oder, wie der Kreml das nennt: Gespräche zum Ausbau der privilegierten strategischen Partnerschaft beider Länder (lesen Sie hier Hintergründe zum Besuch). Ein Austausch unter Gleichen? Haha. Bei Xi und Putin ist klar, wer Koch ist und wer Kellner. Längst gibt Russland den Juniorpartner Chinas, oder wie Ex-Sicherheitskonferenz-Chef Christoph Heusgen das mal mit Blick auf Putins Öllieferungen ausgedrückt hat: »Russland ist jetzt eine Discounttankstelle für China.«
Chinesische Jubeljugend am Dienstagabend vor Putin-Maschine: »Discounttankstelle«
Foto: Vladimir Smirnov / Sputnik Kremlin / APDie Abhängigkeit bedeutet auch: Ohne das Einverständnis von Xi könnte Putin seinen Krieg in der Ukraine nicht fortsetzen. China könnte Russland den Stecker ziehen. Das will Xi aber offensichtlich nicht; seit vier Jahren steht er unverbrüchlich an der Seite des Aggressors.
Der Kanzler derweil hat von der »Hoffnung« gesprochen, »dass Präsident Xi auch auf Präsident Putin einwirkt, diesen Krieg in der Ukraine zu beenden«. Aber Friedrich Merz ist Realpolitiker. Deshalb hat er seiner Hoffnungsbekundung folgenden Satz vorgeschaltet: »Wir erwarten jetzt nicht einen grundlegenden Wechsel in den strategischen Beziehungen zwischen Russland und China.«
Leider nicht.
Mehr Hintergründe hier: Ukrainischer Überlebenskampf gegen Russland – Wyriwnjuwatsch heißt die neue Waffe
Es merkelt
Seit Tagen ist die Altkanzlerin auf Sendung. Heute geht die Angela-Merkel-Show weiter: Die 71-Jährige tritt im Berliner Ensemble auf, wo sie am Abend vor ausverkauftem Saal das Buch »Auf den Straßen Teherans« vorstellen wird. Die Verfasserin, eine iranische Schriftstellerin, die aus Sicherheitsgründen anonym bleiben muss, schildert darin den Alltag unter dem islamistischen Regime und berichtet vom Widerstand der Frauen.
Ex-Kanzlerin Merkel bei Ordensverleihung: D wie Döner
Foto: Sebastien Bozon / AFPAm Montag bereits ließ sich Merkel vor jungem Publikum auf der Digitalkonferenz »re:publica« interviewen, »von D wie Döner über S wie Sperrmüll bis hin zu T wie Timmy«, wie mein Kollege Konstantin von Hammerstein hier berichtet. Außerdem äußerte sie sich zu Putin und der Ukraine, ihren Nicht-Ambitionen auf das Amt der Bundespräsidentin sowie zur Fußballnationalmannschaft. Und, fast hätte ich es vergessen: zu Tokio Hotel. Sehr launig, sehr kurzweilig. Am Dienstag dann wurde Merkel vom EU-Parlament der neu geschaffene Europäische Verdienstorden verliehen (hier mehr dazu). Im Gegenzug rief sie die EU zu mehr Regulierung von sozialen Medien und künstlicher Intelligenz auf.
Damit hat Merkel innerhalb von 72 Stunden innenpolitisch und außenpolitisch bis zur bunten Lage alles abgedeckt. Und sie hat noch etwas getan, ganz nebenbei: sich in Erinnerung gerufen. Diese Erinnerung an ihre Kanzlerschaft schärft den Kontrast zur Arbeit ihrer Nachfolger Olaf Scholz und Friedrich Merz. Die beiden so selbstgewissen Männer sehen da nicht gut aus. Es ist eben nicht so leicht. Dabei rückt das in den Hintergrund, was doch auch zum Erbe Merkels gehört: ausgebliebene Reformen, mangelnde Abschreckung Russlands, Zunahme der Ungleichheit, verpasste Chancen beim Klimaschutz.
Nur: Solange es keiner besser macht, ist die Kritik an ihr allzu billig.
Mehr Hintergründe hier: Nur an einer Stelle widerspricht der Kanzler vor der SPD-Fraktion
Vom Älterwerden
Wenn es um Fußball geht, dann bin ich Generation Bodo Illgner. Im Sommer 1990 war ich elf Jahre alt und Illgner 23 Jahre jung. In der Finalnacht von Rom stand er im Tor der Nationalmannschaft, als die (West-)Deutschen Weltmeister wurden. Er war der wohl jüngste Weltmeistertorwart aller Zeiten und ich auch deshalb großer Fan des damaligen Kölners.
Torwart Neuer bei drölfter Meisterfeier des FC Bayern München: Schön für ihn
Foto: Alexandra Beier / AFPIn den Jahren danach wandelte sich das. In vielen Teams beeindruckten mich die Torhüter weiterhin am meisten, aber nicht mehr wegen ihrer Jugend – sondern jetzt, weil sie ja meist älter waren. Älter als die Feldspieler. Und: älter als ich. Irgendwann waren die ersten leider sogar jünger als ich. Seitdem der Italiener Gianluigi Buffon 2023 mit 45 Jahren in Rente gegangen ist, ruht meine Hoffnung auf Manuel Neuer. Der 40-Jährige soll laut Medienberichten in diesem Sommer noch mal zur WM fahren, als Nummer eins im deutschen Tor (lesen Sie hier mehr dazu). Schön für ihn, schön für uns, wenn es so kommt.
Mein Kollege Alexander Kühn ist vergangenes Jahr 50 Jahre alt geworden, er hat ein zugleich unterhaltsames und ernstes Buch darüber geschrieben: »Älterwerden für Anfänger«. Ja, sagt Alex, es mangele nicht an Ratschlägen für ein langes, gesundes Leben: wenig rotes Fleisch, nicht rauchen, moderates Joggen, so was. Aber wie geht es nach der 50 weiter? Wie bleibt man heiter und gelassen? Alex hat sich auf die Suche begeben, und ich drücke Manuel Neuer die Daumen.
Die ganze Geschichte hier: Warum es so schwer ist, 50 zu werden
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Gewinner des Tages…
Geplante Reform der Fahrschulausbildung: Junge Leute fremdeln
Foto: Bihlmayerfotografie / IMAGO…ist (vielleicht) der Führerschein. Denn die Bundesregierung will etwas tun für die Attraktivität des alten Lappens, der längst eine Karte und bald auch digital ist. Heute soll das Bundeskabinett die Pläne von Verkehrsminister Patrick Schnieder absegnen (nein, der neue Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz heißt Gordon Schnieder, das ist der Bruder): Die Fahrschulausbildung soll reformiert werden, damit man den Führerschein einfacher und günstiger machen kann. Heißt: weniger Sonderfahrten, Theorieunterricht auch online, weniger Prüfungsfragen, private Übungsfahrten mit Elternteil – mehr dazu hier .
Ob's hilft? Seit Jahren fremdeln ja die jungen Leute mit der sogenannten Fahrerlaubnis der Klasse B, also der klassischen Lizenz fürs Autofahren. Der Anteil der 17- bis 20-Jährigen, die über einen Führerschein verfügen, ist in Deutschland laut einer »Statista«-Berechnung auf 41 Prozent gefallen (Stand Januar 2025). Zehn Jahre zuvor waren es noch zehn Prozentpunkte mehr.
Die jüngsten Meldungen aus der Nacht
EU stimmt Zolldeal mit USA zu: Die Europäische Union hat die vollständige Umsetzung der umstrittenen Zollvereinbarung mit den USA beschlossen. Zölle auf US-Industriewaren werden damit abgeschafft – die USA erheben hingegen bis zu 15 Prozent auf EU-Produkte.
US-Steuerbehörde darf Trumps frühere Steuererklärungen nicht mehr prüfen: Donald Trump hat seine Milliardenklage gegen die Steuerbehörde IRS zurückgezogen. Nun wird ein weiterer Teil des umstrittenen Deals bekannt: Es geht um die Finanzen des Präsidenten – und um die seiner Familie und Firmen.
Senat votiert dafür, Trumps Befugnisse im Irankrieg einzuschränken: Erstmals hat der US-Senat für eine Resolution gestimmt, die Donald Trump zur Beendigung des Irankriegs zwingen soll. Es gibt zwar noch große Hürden. Aber schon jetzt ist es eine seltene Zurechtweisung des Präsidenten.
Heute bei SPIEGEL Extra: »Ich kenne Menschen, die ihren Ehepartnern nur noch KI-generierte Mails schicken«
Die Hochzeit hat Tausende Euro gekostet, das Ende der Beziehung kann noch viel teurer werden. Hier spricht Scheidungsanwältin Eva Becker über Ex-Partner, die sich nur noch wenig gönnen und Tricks, um den Unterhalt zu drücken .
Ich wünsche Ihnen trotz alledem einen guten Start in den Tag.
Ihr Sebastian Fischer, Autor im SPIEGEL-Hauptstadtbüro
