Unser Zuhause heißt »Pachamama« – das bedeutet in der Sprache der Inka »Mutter Erde« und ist der Name des Schiffs, auf dem wir leben. Meine Eltern haben vor 25 Jahren die Schweiz verlassen, und unterwegs sind wir zu einer großen Familie geworden. Ich selbst wurde in der Schweiz geboren, meine Geschwister in Chile, Island, Australien und Singapur. Im Moment sind wir nur noch zu viert auf dem Schiff, weil meine älteren Geschwister jetzt an Land leben.
Ich weiß gar nicht mehr, in wie vielen Ländern ich schon war. Spanien mochte ich besonders, wegen der vielen frischen Früchte und weil überall Eichhörnchen in den Bäumen herumhüpften. Aber am allerliebsten bin ich auf dem Meer.
Auf der »Pachamama« fühle ich mich wohl, selbst wenn die Wellen hoch sind. Dann spiele ich mit meinem kleinen Bruder Vital unser Lieblingsspiel: Wenn eine große Welle kommt, springen wir im richtigen Moment hoch und lassen uns in die Luft katapultieren. Angst habe ich auf dem Meer eigentlich nie. Mama sagt, die Natur will uns nichts Böses, und das glaube ich auch.
Familienleben auf und unter Deck
Kristoffer Antonsen / DEIN SPIEGEL
Wir segeln nicht einfach nur, weil es schön ist, sondern weil wir zeigen wollen, wie wichtig es ist, auf die Natur aufzupassen. Deshalb haben meine Eltern vor 26 Jahren die Organisation »TOPtoTOP Global Climate Expedition« gegründet. Sie wollen damit junge Menschen ermutigen, sich aktiv für den Klimaschutz einzusetzen.
Im Internet und in vielen Schulen auf der ganzen Welt berichten wir, wie wir leben und was wir auf unseren Expeditionen beobachten: Die Gletscher schmelzen jedes Jahr ein Stück weiter, der Meeresspiegel steigt, und auf manchen Inseln wird der Platz zum Leben immer knapper. Aber wir reden nicht nur darüber, wir helfen auch selbst mit. Wenn wir an Strände kommen, die seit Monaten wahrscheinlich kein Mensch betreten hat, finden wir dort trotzdem überall Plastikmüll. Das macht mich traurig. Dann sammeln wir alles ein, was wir finden können, und entsorgen es richtig.
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Manchmal bleiben wir auch länger an einem Ort, weil unser Schiff repariert werden muss. Meistens ist das in Norwegen, und dann darf ich dort zur Schule gehen. Norwegisch kann ich ganz gut, aber wegen der vielen verschiedenen Dialekte ist es gar nicht so leicht, alles zu verstehen. Trotzdem habe ich dort Freunde gefunden, und jedes Mal, wenn wir wieder da sind, freue ich mich darauf, sie zu treffen, zum Fußballspielen oder Muscheln Sammeln am Strand.
Auch wenn wir auf unserem Schiff sind, fällt die Schule nicht aus. Meine Geschwister und ich lernen online mit einem Schulprogramm aus der Schweiz. Dort bekomme ich Aufgaben und Lernmaterialien, bei denen Mama uns hilft. Am liebsten mag ich Kunst, Lesen finde ich dagegen nicht so spannend. Und Sport machen wir auch: Mama lässt uns so lange über das Schiff rennen, bis wir ungefähr einen Kilometer gelaufen sind. Manchmal kommen auch Lehrer oder Lehrerinnen zu uns an Bord. Eine von ihnen ist ein ganzes Jahr mitgesegelt. Die letzte musste leider schon nach einer Woche wieder gehen, weil ihr vom Schaukeln des Schiffs schlecht wurde.
Louise Jessen / DEIN SPIEGEL
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Auf der »Pachamama« gibt es immer etwas zu tun, da müssen auch mein Bruder und ich mithelfen. Nachts halten wir alle abwechselnd Wache. Zwei Stunden lang sitze ich dann an Deck, schaue konzentriert aufs Meer und achte darauf, ob Bojen, Fischernetze oder andere Hindernisse im Wasser schwimmen. Ich lese auch Seekarten, schreibe ins Logbuch, was wir erlebt haben und wo wir uns gerade befinden, und helfe beim Kochen, Abwaschen oder Putzen. Nur das Saubermachen der Toilette finde ich eklig, da überlege ich mir meistens eine Ausrede.
Weil alle so viel zu tun haben, essen wir nur einmal am Tag zusammen. Der Herd ist so eingebaut, dass er sich mit den Wellen mitbewegt, sonst würde beim Kochen ständig alles herunterfallen. Am liebsten esse ich »Finnbiff«, ein norwegisches Gericht mit Kartoffelpüree und Rentierfleisch, aber wir kochen auch oft Spaghetti, weil es schnell geht. Vor unseren langen Reisen kaufen wir immer in riesigen Mengen ein und verstecken überall Vorräte: unter den Betten, unter dem Sofa, in Schubladen. Nur frisches Obst und Gemüse haben wir nicht oft, deshalb freue ich mich immer riesig über einen Salat, wenn wir an Land sind.
Ich teile mir ein Hochbett mit Vital. Am liebsten schlafe ich oben, weil ich dort aus dem Fenster die Sterne und manchmal sogar die Nordlichter sehen kann. Unten lassen sich dafür die besten Höhlen bauen. Zwischen Schule und Aufgaben male ich gern, vor allem Landschaften oder Tiere. Ich liege auch oft in unserer Hängematte am Steuerrad und halte Ausschau nach Walen. Und ich liebe es zu schwimmen. Im Sommer bin ich fast den ganzen Tag im Wasser, und selbst im Winter springe ich manchmal hinein. Einen Fernseher haben wir nicht, dafür spielen wir Karten und Monopoly, und abends sitzen wir an Deck, spielen Ukulele und singen, bis die Sonne untergeht.
Manchmal streiten wir uns auch. Dann werden wir von Mama und Papa nach vorn zum Anker geschickt, um uns wieder zu beruhigen. Wir haben die Regel, dass wir uns spätestens bis zum Sonnenuntergang wieder vertragen müssen. Anders geht es nicht, wenn man mit mehreren Leuten auf engem Raum lebt.
Inzwischen haben wir schon mehr Platz als früher. Salina arbeitet in Barbados als Tauchlehrerin. Alegra besucht eine Sportschule in der Schweiz, und Andri lernt dort für das Abitur. Noé ist auf einem Sportgymnasium in Norwegen und hat sein eigenes Boot, die »Naomi«. Ich selbst kann mir aber nicht vorstellen, irgendwann von der »Pachamama« und meinen Eltern wegzugehen. Schade ist nur, dass ich keinen Hund an Bord haben darf. Und wenn ich meine neuen Freunde verlassen muss, bin ich immer ein bisschen traurig. Doch ich weiß: Irgendwo auf der Welt wartet schon das nächste Abenteuer.
Liebe Eltern,
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