SpOn 26.03.2026
16:38 Uhr

Medizin: Cannabislobby kapert Bundestag - als Patientenvertreter getarnt


Eine Petition gegen die geplante Neufassung des Medizinal-Cannabisgesetzes bekommt breite Unterstützung. Deren Initiator stellt sich dabei als Patientenvertreter dar. Aber sein Arbeitgeber profitiert vom bestehenden Gesetz.

Medizin: Cannabislobby kapert Bundestag - als Patientenvertreter getarnt

»Ich stehe vor Ihnen als Stimme der Patienten sowie deren Angehörigen«, sagte Henning Todt Ende Februar vor den Abgeordneten des Petitionsausschusses. Er fordere die Parlamentarier deshalb auf, ein pauschales Verbot für die Onlineverschreibung von medizinischem Cannabis abzulehnen. Die Bundesregierung müsse einen »rechtssicheren Rechtsrahmen schaffen, für die qualitätsgesicherte und auch digitale Versorgung mit Medizinalcannabis«, so Todt.

Todt ist Initiator einer Petition, die sich gegen geplante Einschränkungen bei der Verordnung von medizinischem Cannabis richtet. Sie wurde mittlerweile von 58.462 Menschen unterzeichnet, weshalb es zu einer Anhörung vor dem Petitionsausschuss des Bundestags kam.

Die Bundesregierung solle Telemedizinanbieter nicht benachteiligen, forderte Todt weiter und verwies auf die Folgen vor allem für chronisch kranke Patienten.

DER SPIEGEL 14/2026

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Geschäftsmodell bedroht

Was Todt dabei allerdings verschwieg: Er arbeitet für ein Unternehmen, das unmittelbar von dem Gesetz profitiert, das er mithilfe der Petition verteidigt. Todt ist Werbetexter für das israelische Unternehmen Helfy. Helfy wiederum ist der Mutterkonzern des Telemedizinanbieters DoktorABC – einer Plattform, die Cannabispatienten in Deutschland mit verschreibungswilligen Ärzten und Apotheken zusammenbringt.

Sollte die von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) geplante Neuregelung des Medizinal-Cannabisgesetzes in Kraft treten, wäre genau dieses Geschäftsmodell bedroht: Künftig müssten Patienten demnach mindestens einmal im Jahr einen persönlichen Kontakt zu einem Arzt haben. Auch der Onlineversand von Medizinalcannabis soll untersagt werden.

Todts Petition wendet sich genau gegen diese Neuregelung. In der öffentlichen Anhörung präsentierte sich Todt jedoch als Vertreter der Patientinnen und Patienten. Weder der Petitionsausschuss noch die anwesenden Abgeordneten scheinen vorab überprüft zu haben, wer der Initiator der Petition ist und wer sich in der Sitzung als »Stimme der Patienten« gerierte. Ein möglicher Interessenkonflikt wurde nicht thematisiert.

Im Gegenteil: Besonders die Abgeordneten von SPD und Grünen, die den Gesetzentwurf aus dem CDU-geführten Gesundheitsministerium ablehnen , dankten Todt überschwänglich für sein Engagement. Die SPD-Bundestagsfraktion hatte bereits angekündigt, dem Entwurf des Koalitionspartners in seiner aktuellen Form nicht zustimmen zu wollen.

Weder Henning Todt noch sein Arbeitgeber Helfy wollten Fragen des SPIEGEL dazu beantworten.

Mahnung zur Transparenz

Er habe nichts von den beruflichen Hintergründen von Henning Todt und einem möglichen Interessenkonflikt gewusst, sagt Matthias Mieves auf eine Anfrage des SPIEGEL. Der SPD-Politiker begleitet die geplante Änderung des Medizinal-Cannabisgesetzes im Gesundheitsausschuss. »Für meine parlamentarische Bewertung ist nicht entscheidend, wer eine Petition einreicht, sondern welche Auswirkungen das vorgetragene Anliegen auf die Versorgung von Patientinnen und Patienten hat«, so Mieves.

Er mahnt allerdings zu Transparenz: »Wirtschaftliche Betroffenheit sollte offengelegt werden – insbesondere dann, wenn im parlamentarischen Verfahren bestimmte Perspektiven vertreten werden.« Ob im konkreten Fall ein »verdeckter Versuch« von Lobbyismus vorliege, wolle er jedoch nicht pauschal bewerten.

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Dass Unternehmen der medizinischen Cannabisindustrie bei Abgeordneten für ihre Interessen lobbyieren, ist keine Seltenheit. Erst im September 2025 bündelte Mieves mehrere Gesprächsanfragen zur geplanten Gesetzesnovelle und lud fünf Firmenvertreter deutscher Medizinalcannabis-Unternehmen zu einem Austausch beim Mittagessen ein. Allerdings verschleierte dabei niemand seine Firmenzugehörigkeit. Für ihr Essen kamen die Beteiligten jeweils selbst auf.

Ein abschließendes Votum des Ausschusses über die Petition steht noch aus.