Er verweigert Nahrung, ist renitent, laut medizinischen Sachverständigen ist er aber verhandlungsfähig: Der Attentäter vom Magdeburger Weihnachtsmarkt, Taleb Al Abdulmohsen, hat sich am 25. Verhandlungstag in den Gerichtssaal tragen lassen – anderthalb Stunden nach dem geplanten Beginn. Vier Spezialkräfte der Justiz mussten ihn in die Glaskabine bringen, aus der er den Prozess verfolgt.
Der angeklagte Taleb Al Abdulmohsen, 51, war am 20. Dezember 2024 mit einem Mietwagen mit bis zu 48 Kilometern pro Stunde durch die Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt gefahren. Ein neunjähriger Junge sowie fünf Frauen im Alter von 45 bis 75 Jahren starben. Mehr als 300 weitere Menschen wurden verletzt. Die Anklage wirft Al Abdulmohsen unter anderem sechsfachen Mord und versuchten Mord in 338 Fällen vor.
Am Vormittag des 25. Prozesstags geht es ausschließlich um die Verhandlungsfähigkeit des Angeklagten. Der 51-Jährige verweigert immer wieder die Aufnahme von Nahrung und Getränken. Zuletzt war er im Dezember wegen der Folgen eines Hunger- und Durststreiks nicht mehr verhandlungsfähig.
Im Gerichtssaal schreit der Mann aus Saudi-Arabien in sein Mikrofon, kurzzeitig wird er erneut aus dem Saal getragen. Er beschimpft das Gericht. »Denken Sie, akute Suizidalität hat nichts zu tun mit Verhandlungsfähigkeit?«, schreit der 51-Jährige, der bis zum Anschlag selbst als Psychiater im Maßregelvollzug arbeitete. Ein medizinischer Sachverständiger, der mit dem Angeklagten gesprochen hatte, befand Al Abdulmohsen zumindest für einen kurzen Verhandlungstag für verhandlungsfähig.
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In einer einstündigen Unterbrechung misst der Sachverständige erneut Blutdruck, Puls und Sauerstoffsättigung und schätzt den Angeklagten wiederholt als verhandlungsfähig ein. Im Gespräch hätte der 51-Jährige nicht unkonzentriert oder unfokussiert gewirkt. Er habe Wasser getrunken und Traubenzuckertabletten genommen.
Die Amoktat von Magdeburg war sein erster Einsatz, aber leider nicht sein letzter: Roland Weber ist der Opferbeauftragte der Bundesregierung. SPIEGEL-Reporterin Julia Jüttner hat ihn begleitet. Über ein Jahr im Ausnahmezustand und die Frage, wie man Seelenfrieden organisiert, lesen Sie hier .
