Ruzhdi Korca isst ein Eis. Es war ein langer Tag. Das Café in der Leipziger Innenstadt hat rote Schirme und Stehtische. Die Sonne scheint. Dann rennen ihm Menschen auf ihn zu. »100 Menschen vielleicht«. Hinter ihnen jagt ein Auto vom Augustusplatz in die Grimmaische Straße. Er springt zur Seite. Menschen fallen auf die Straße. Ein Ehemann hilft seiner schwangeren Frau auf. Korca hört es krachen. Zweimal.
In Leipzig hat ein Mann bei einer mutmaßlichen Amokfahrt zwei Menschen getötet und mindestens 20 weitere verletzt, drei davon schwer. Der Verdächtige war am frühen Abend mit einem weißen Auto vom Augustusplatz kommend über den Marktplatz gefahren und hatte dabei mehrere Menschen angefahren. Es ist einer der Touristenhotspots in der Innenstadt.
Der Fahrer stoppte vor einem Freisitz auf dem Marktplatz, so schilderten es mehrere Augenzeugen dem SPIEGEL. Dort standen einige Poller. Mehrere Menschen sollen versucht haben, den Fahrer aus dem Auto zu ziehen. In diesem Moment traf die Polizei ein. Der Mann habe sich widerstandslos festnehmen lassen, hieß es vonseiten der Beamten.
Augenzeuge Ruzhdi Korca: »Wie im Film«
Foto: Ingmar Björn Nolting / DER SPIEGEL»Was für ein schockierender Tag«, sagt der 43-jährige Korca. Kurz nach der Amokfahrt steht er vor einem Absperrband in der Leipziger Innenstadt. Die Polizei hat den Tatort abgesperrt. Das weiße Auto mit abgebrochenem Seitenspiegel und zerbeulter Motorhaube steht noch da. Wenig später wird die Polizei einen Sichtschutz drumherum bauen. »Es war wie im Film. Man denkt nicht, dass einem so was passiert«.
Ein Boxtrainer, in psychiatrischer Behandlung
Leipzigs Leitende Oberstaatsanwältin Claudia Laube bekräftigte wenig später, man gehe von einer Amoktat aus. Es gebe keinerlei Anzeichen für »eine andere Lesart« und auch keine Anzeichen für weitere Täter.
Demnach sei der Täter ein 33-jähriger Deutscher. Nach SPIEGEL-Informationen sei er in Leipzig wohnhaft und dort geboren. Boxtrainer. In psychiatrischer Behandlung. Eine Beziehungstat könnte es gewesen sein, heißt es aus Sicherheitskreisen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den mutmaßlichen Täter unter anderem wegen Mordes in zwei Fällen und in mindestens zwei Fällen wegen versuchten Mordes. »Wir gehen von einer Amokfahrt aus«, sagte die Leitende Oberstaatsanwältin Laube.
Über die zwei Todesopfer wollte die Polizei noch keine Angaben machen, bevor die Angehörigen von ihr kontaktiert worden seien.
Abgesperrt: Die Leipziger Innenstadt
Foto: Ingmar Björn Nolting / DER SPIEGELSusi kommt gerade aus dem Gewandhaus, einem Konzerthaus am Augustusplatz. Dort haben die Behörden ein Stockwerk freigeräumt, um Zeugen des Anschlags zu befragen – und sie psychologisch zu betreuen. »Wir haben einen lauten Knall gehört«, erzählt die 30-Jährige. Wir wussten nicht: Sind das Schüsse?« Sie habe in dem Moment gedacht: »Das war's mit mir.« Sie habe sich umgedreht. Der Autofahrer sei richtig schnell gefahren, »bestimmt 50 km/h«, erzählt sie. Sie und eine Freundin suchten in einem Geschäft Schutz. 30 Minuten waren sie dort. Als die beiden Frauen später zum Augustusplatz liefen, sagt eine Freundin zu ihr: »Guck nach oben oder nach links, aber auf keinen Fall nach rechts.« Rechts hätten Verletzte am Boden gelegen.
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Der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) zeigte sich »fassungslos, über das, was geschehen ist«. Er sprach von einer »fürchterlichen Amokfahrt«. Er sei in Gedanken bei den Opfern und Angehörigen, sagte Jung.
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) erklärte zu der Tat: »Das erschüttert mich zutiefst.« Eine solche Tat mache »uns sprachlos, und sie macht uns entschlossen – wir werden alles daransetzen, sie schnell und vollständig aufzuklären«. Der Rechtsstaat werde »mit aller Konsequenz handeln«, erklärte Kretschmer.
