Mein Jüngster nimmt mit seinen acht Jahren das Thema Wahlen bereits sehr ernst, aber auf eine sportliche Weise. Als ich am Sonntagabend am Herd stand und nebenbei die Prognosen und Hochrechnungen stöhnend und mürrisch zur Kenntnis nahm, saß er am Küchentisch, studierte Fußballergebnisse und fragte zwischendurch immer mal interessiert als sei das ein Fußball-Halbzeitresultat: »Und Papi? Wie steht´s?«
Erst war ich amüsiert von seiner lapidar klingenden Frage, dann irritiert, weil ich glaubte, ihn auf das doch so ernste Thema Wahlen und ihre Konsequenzen vorbereitet zu haben. Wir hatten Briefwahlunterlagen kommen lassen und ihm dann die vielen verschiedenen Parteien und Personen erklärt, warum es zwei Stimmen gibt und was der Unterschied ist zwischen Parlament und Regierung, Mehrheit und Opposition.
In seinem jungen Leben kann er sich an die Kanzlerin Angela Merkel nicht erinnern, Olaf Scholz sagt ihm was, vor allem das krisenbehaftete Ende, auch mit dem Kanzler Friedrich Merz verbindet er fast nur »Krise«. Man könnte sagen, er ist ein Krisen-Kanzler-Kind, das in wackligen Zeiten Demokratie lernen soll.
In Vorbereitung auf die jüngsten Landtagswahlen war ich auf einer U16-Probeabstimmung, bei der Jugendliche unter 16 Jahren in einer Art Demokratielabor ausprobieren konnten, wie Wahlen funktionieren. Sie konnten die in ihren Augen ideale Partei gründen, sich argumentierend streiten und werben und sie konnten in nachgeahmten Kabinen ihre Stimmen abgeben für real existierende Parteien.
Auffällig dabei war zum einen, der Hang zu den extremen Rändern in den Ergebnissen und zum anderen, um welche Themen ihre Gedanken kreisen.
Klar, darunter waren Forderungen wie »bessere Preise im Nagelstudio«, was meine 16-Jährige auch sofort unterschreiben würde, oder auch eine »Führerscheinpflicht für E-Roller«, die ich wiederum sofort unterschreiben würde. Mein heimlicher Favorit als neue Partei war die »PfB« als Kürzel für »Problemfreies Berlin«.
Aber was alle gemeinsam hatten, entweder im Namen ihrer idealen Fantasiepartei oder im Programm? Die Themen Gerechtigkeit, Fairness und Mitbestimmung. Was sie einte, war das Gefühl, dass es nicht gut ist, wie es ist – und sie nicht gesehen oder gehört werden.
Diese Erfahrung macht selbst mein Achtjähriger schon: Dass sich die Welt um ihn herum sehr um ihn bemüht – als Konsument von Süßkram, Markenklamotten, Spielzeug oder Sammelbildern. Dass sie sich aber kaum für ihn als Persönlichkeit interessiert. Dass wir wiederum aber dennoch erwarten, er möge ein mündiger Bürger und Freund der lebendigen Demokratie werden. (Klein)kinder aber erleben in Kita, Schule und Familien eigentlich permanent, dass ihre Stimme selten gehört wird oder Entscheidungen kaum beeinflusst.
Natürlich gibt es dafür teilweise gute Gründe, die mit Sicherheit und Verantwortung zu tun haben. Aber wenn wir ehrlich sind, wollen wir Entscheidungen zu oft gar nicht erklären oder diskutieren, und sei es, weil es Kraft kostet oder die Zeit fehlt – oder wir das Ergebnis fürchten, da es unsere Gedanken oder gar, ähm, Autorität infrage stellen könnte. Dabei wäre es eigentlich leicht, kleine demokratische Rituale zu leben, von der Entscheidung über den Speiseplan der Familie und die Ausflugsziele bis hin zu komplexeren Fragen, ob wir nun ein Auto anschaffen oder nicht.
Wer Kinder hat, hat was zu erzählen. Mal lustig, mal dramatisch, mal gestresst, immer liebevoll, also fast. In unserer Elternkolumne »Menschenskinder« verraten im Wechsel zwei Mütter und zwei Väter, wie sie mit ihren Kindern gut durchs Leben kommen.
Manifestiert sich durch falsche Vorbilder in der Kindheit ein Hang zum Autoritären im Verhalten und in der Sprache? Wenn es schwierig wird, rufen alle nach: Papa Staat. Das Vaterland soll verteidigt werden und alle Probleme lösen und das möglichst in der Muttersprache.
Natürlich brauchen Systeme, also Gesellschaften, genauso wie Familien Regeln. Aber sie brauchen auch Widerspruch und Mitbestimmung, weil sie sich sonst nicht entwickeln und anpassen. Zwischen dem, pardon, vermeintlich verführerischen (An)führer mit einfachen Wahrheiten und einer Führungspersönlichkeit mit Mut und Empathie in komplexen Situationen liegt der Raum für demokratische Entscheidungen. Und den gilt es schon früh zu nutzen. Und zu verteidigen.
Als das neue Schuljahr begann, hatte mein Achtjähriger überlegt, sich bei der Wahl zum Klassensprecher aufstellen zu lassen. Seine größte Sorge dabei? Zu verlieren. Es brauchte einiges an Gesprächen, ihn davon zu überzeugen, dass es dabei keinen Verlierer gibt. Im Gegenteil, dass es viele Menschen und Ideen braucht, um Demokratie zu leben. Denn eine Wahl ohne Auswahl ist eben keine.
Wenn man eine Wahl verliert, ist man kein Loser, sondern trotzdem einer, der es versucht und in der Demokratie mitspielt, statt vom Seitenrand nur besserwisserisch reinzubrüllen und über die vermeintlichen Verlierer zu spotten. Sich einer Wahl zu stellen und das Votum der anderen über das eigene Angebot anzuhören und auszuhalten erfordert: Mut und Gestaltungswille.
Also nahm der kleine Kandidat seinen Mut zusammen, stellte sich vor die Klasse, um zu begründen, warum er ihr Sprecher sein will und ging wie einst Konrad Adenauer knapp durchs Ziel – weil er sich selbst mitwählte. Das Schönste daran war am Ende, dass er zu Hause nicht erzählte, er habe gewonnen. Sondern sagte: Ich wurde gewählt.
So gesehen war er mit seiner lapidaren Frage »wie steht´s?« am vergangenen Wahlabend eigentlich viel weiter als ich mit meinem Pessimismus. Denn das Schöne an seinem Gedanken war ja: So ein Wahlresultat ist letztlich immer nur ein Zwischenstand, die Welt bleibt veränderbar. Und damit muss man gar nicht bis zur nächsten Wahl warten. Entscheidungen, die (s)eine Welt verändern, treffen wir jeden Tag. Und er auch.
Da habe ich Demokratie-Depri beim Kochen am Wahlabend was gelernt von meinem kleinen Krisen-Kanzler.
Mal sehen, was »Queen Mum« dazu sagt.
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