Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, hat angesichts des Irankriegs vor der womöglich schwersten Energiekrise seit Jahrzehnten gewarnt. Die aktuelle Situation sei »zwei Ölkrisen und ein Gaskollaps in einem«, sagte Birol am Montag dem nationalen Presseclub im australischen Sydney mit Blick auf die Ölkrisen der Siebzigerjahre und die Auswirkungen der russischen Invasion der Ukraine im Jahr 2022. Die israelische Armee startete derweil eine neue Angriffswelle auf Ziele in Teheran. Die Golfstaaten meldeten Angriffe aus Iran auf ihre Territorien.
Während der zwei aufeinanderfolgenden Ölkrisen in den Siebzigerjahren habe die Welt »jeweils etwa fünf Millionen Barrel Erdöl pro Tag verloren«, sagte Birol. »Bis heute haben wir elf Millionen Barrel pro Tag verloren, also mehr als zwei große Ölschocks zusammengenommen«, fügte er hinzu. Im Verlauf des Kriegs seien bislang mindestens 40 Energieanlagen in der Region »schwer oder sehr schwer beschädigt« worden.
Angesichts der Blockade der für den weltweiten Seehandel wichtigen Straße von Hormus sprach der IEA-Chef außerdem von einer »großen Bedrohung« für die Weltwirtschaft. »Kein Land wird von den Auswirkungen dieser Krise verschont bleiben, wenn sie sich weiter in diese Richtung entwickelt«, sagte er. Daher seien globale Anstrengungen erforderlich. »Ich hoffe sehr, dass dieses Problem so bald wie möglich gelöst wird.«
Birol kritisiert Deutschland in dem Zuge für den Atomausstieg. »Die Situation wäre heute nicht so schlimm, wenn Deutschland die Kernkraftwerke noch hätte«, sagte Birol laut der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, die offenbar ebenfalls an dem Gespräch teilnahm. Die Bundesrepublik habe mit der Abkehr von der Kernenergie einen riesigen strategischen Fehler begangen.
Seit Beginn des Irankriegs am 28. Februar ist die von den iranischen Revolutionswächtern kontrollierte Straße von Hormus, durch die rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggastransports transportiert wird, faktisch gesperrt. Die Blockade sowie auch iranische Angriffe auf Öl- und Gasanlagen in der Golfregion ließen die Öl- und Gaspreise in die Höhe schnellen.
Als Reaktion auf die Preissteigerungen beschloss die IEA Mitte März, 426 Millionen Barrel Öl ihrer Notvorräte freizugeben. Es ist die sechste Freigabe strategischer Reserven in der Geschichte der vor mehr als 50 Jahren gegründeten Behörde – und die bislang größte. Die Ölpreise stiegen trotzdem weiter an.
Unterdessen startete die israelische Armee erneut eine »groß angelegte« Angriffswelle auf Ziele in Irans Hauptstadt Teheran. Die Angriffe zielten auf »Infrastruktur des iranischen Terrorregimes« ab, erklärte die israelische Armee im Onlinedienst Telegram. Später meldete die israelische Armee neuen Raketenbeschuss aus Iran. Die Abwehrsysteme seien dabei, die Bedrohung abzufangen.
Raketentreffer in Teheran
Iranische Medien berichteten derweil von Explosionen und Angriffen in Teheran. Die den Revolutionswächtern nahestehende Nachrichtenagentur Fars nannte fünf Gebiete in Teheran, aus denen Explosionen gemeldet worden seien. Ein Journalist der Nachrichtenagentur AFP berichtete, dass von einer Stelle im Osten der Stadt mehr als eine Stunde nach den Berichten immer noch dichter schwarzer Rauch aufsteige.
Auch in anderen Teilen Irans schlugen Raketen ein. Nahe einer Rundfunkstation in Bandar-e Abbas gegenüber der Straße von Hormus im Süden Irans wurde iranischen Staatsmedien zufolge mindestens ein Mensch getötet und weitere verletzt.
In mehreren Golfstaaten gab es ebenfalls Raketenalarm. Das saudi-arabische Verteidigungsministerium erklärte, ein Marschflugkörper im Anflug auf die Hauptstadt Riad sei abgefangen worden, ein weiterer sei in unbewohntem Gebiet abgestürzt. In Bahrain waren Luftschutzsirenen zu hören. Die Behörden riefen die Bürger auf, sich an einen sicheren Ort zu begeben.
Das Verteidigungsministerium der Vereinigten Arabischen Emirate erklärte, die Streitkräfte des Landes »reagieren derzeit auf eingehende Raketen- und Drohnenbedrohungen aus Iran«. Wenige Stunden zuvor hatten die Behörden im emiratischen Abu Dhabi gemeldet, dass ein indischer Staatsbürger durch herabfallende Trümmer eines abgefangenen Marschflugkörpers verletzt worden sei.
