Hast du auch ein Real-Trikot mit Ronaldo hintendrauf da?«, fragt ein Kunde. »Zurzeit nicht«, sagt Ziad. »Aber schau mal, ich habe hier eines mit Benzema. Oder hier ein CR7-Juve-Trikot.« Der Kunde überlegt, dann stöbert er erst mal weiter, gleitet mit den Fingern durch Ziads knallbunte Ware. Hier neonleuchtendes Borussia-Gelb, dort sattes Manchester-United-Rot. Kurz bleibt sein Blick an dem teuersten Stück hängen, einem Ronaldinho-Trikot von der WM 2002 in Japan und Südkorea. Preis: 180 Euro.
Ziads Laden ist voll mit alten Fußballtrikots, sortiert nach Ligen und Nationalmannschaften. Für Hertha gibt es eine eigene Kleiderstange, genauso wie für Kindergrößen. Etwa 400 bis 500 Oberteile präsentiert Ziad in seinem Geschäft, das »44 Trikots« heißt – wegen seines Geburtstags am 4. April.
In seinem Laden verkauft Ziad vor allem Trikots aus den späten Neunziger- und den frühen Nullerjahren. Im Schnitt kostet ein Trikot 70 Euro
Foto: Julia ZoooiEs gab eine Zeit, da trugen lediglich eingefleischte Fans die Trikots ihres Lieblingsvereins. Man sah die bunten Leibchen nur auf den Zuschauertribünen der Stadien oder an Hobbyspielern auf dem Bolzplatz. Jetzt sind sie überall: auf Laufstegen und Konzertbühnen, in der Innenstadt – und natürlich auf TikTok.
Weiße Zähne, makellose Haut, durchtrainierter Körper: Wer so aussieht, gilt in unserer Gesellschaft als attraktiv. Doch wer hat das eigentlich entschieden? Inwiefern beeinflussen Social Media, was wir schön finden? Und was kann man tun, um dem ständigen Vergleich mit vermeintlich perfekten Influencerinnen und Influencern zu entfliehen? In der neuen Ausgabe von DEIN SPIEGEL, dem Nachrichtenmagazin für Kinder, geht es darum, wie Beauty-Trends entstehen, wann Social-Media-Filter gefährlich werden können und was gegen den Schönheitsdruck hilft. Außerdem im Heft: Krieg in Iran. Was dort gerade passiert, woher die Informationen aus dem Land kommen und wie es den Kindern und Jugendlichen vor Ort geht. DEIN SPIEGEL gibt es am Kiosk, ausgewählte Artikel online. Erwachsene können das Heft auch hier bestellen:
Vor etwa zehn Jahren entstand ein Trend, der auf TikTok heute #Blokecore heißt. »Bloke« ist englisch und bedeutet Typ oder Kerl. Mit der Endung »-core« werden oft Modestile benannt. Dieser hier ist simpel: Sneaker, Jeans, Fußballtrikot, vielleicht noch eine Goldkette dazu – so wie englische Typen in den Neunzigerjahren herumliefen. 2023 wurde auch Kim Kardashian in einem alten AS-Rom-Trikot gesichtet. Und Topmodel Lena Gercke bewarb das deutsche EM-Trikot 2024 als »Fashion-Statement«. Spätestens da war klar, dass Fußballtrikots nicht mehr nur dazu da sind, um die Spieler auf dem Platz zu unterscheiden. Sie sind Teil der Modewelt geworden.
Ein AS-Rom-Trikot aus der Saison 1997/98, getragen von Kim Kardashian im Jahr 2023
Foto: Bellocqimages / Bauer-Griffin / GC Images / Getty Images
Als modisches Highlight gilt das Trikot des FC Venezia
Foto: Alessandro Simonetti / Bureau BorscheFür manche Käuferinnen und Käufer scheint es egal zu sein, welcher Clubname vorn oder welcher Spielername hinten draufsteht – Hauptsache, die Farben knallen und das Trikot passt gut zur Jeans.
Doch in Ziads Laden suchen die Kundinnen und Kunden etwas anderes. »Es ist Nostalgie pur«, sagt er. »Die meisten Leute haben einfach Spaß beim Durchgucken, weil dabei so viele Erinnerungen hochkommen. Sie denken sich: Das war meine Zeit damals, dieser Spieler war mein Held, und mit dem hier habe ich immer bei ›Fifa‹ gespielt. Trikots sind Erinnerungen zum Anfassen.«
Ganz früher, also vor etwa 150 Jahren, konnte man die Spieler zweier Mannschaften meist nur an verschiedenfarbigen Kappen oder Strümpfen unterscheiden. Viele Trikots sahen gleich aus. Oft handelte es sich um schlichte Baumwollhemden, die mal einfarbig, mal gestreift waren. Erst als im Jahr 1890 die Wolverhampton Wanderers auf den AFC Sunderland trafen und beide Clubs in Rot-Weiß gestreift aufliefen, gab es eine Regeländerung: Von da an durfte kein Team mehr die gleichen Farben tragen wie ein anderes in der Liga. Später musste jedes Team ein zweites Trikot parat haben, damit man Gegner und Mitspieler besser auseinanderhalten konnte. Lange Zeit änderte sich dann wenig an den Trikots. Bis im Jahr 1967 ein deutscher Verein erstmals Werbung auf sein Trikot druckte. Wormatia Worms warb für einen Baumaschinenhersteller. 1973 folgte Eintracht Braunschweig mit einem Likörhersteller. Bald darauf setzten mehr und mehr Vereine auf Werbung – und auf Polyester anstelle von Baumwolle. Heute tragen Spielerinnen und Spieler atmungsaktive Hightech-Hemden. Produziert werden sie meist in Asien. Die Herstellung und der Transport kosten um die zehn Euro pro Trikot. Da fragt man sich schon, warum Bundesligatrikots durchschnittlich 90 Euro kosten. Von diesem Verkaufspreis geht etwa ein Drittel an die Einzelhändler, in deren Läden die Shirts verkauft werden. Dazu kommen Steuern sowie einige weitere Kosten. An einem einzelnen Trikot verdienen die Vereine also nicht viel. Es ist daher nicht so, dass der FC Bayern den Kaufpreis von Harry Kane nur durch den Verkauf seiner Trikots wieder reinholen würde. Zumal die Trikots der ganz großen Stars am häufigsten gefälscht werden.
Ziad erinnert sich jetzt selbst. Schon als Kind begann er, Trikots zu sammeln. Vor allem vom FC Barcelona. Doch mit etwa zwölf oder 13 wurde er Hertha-Fan. Als er dann Jahre später während des Lehramtsstudiums einige Monate in Manchester verbrachte, stieß er bei einem Flohmarkt an der Uni auf ein Hertha-Trikot aus den frühen Nullerjahren. »Ich konnte es kaum glauben, dass der Verkäufer dafür umgerechnet nur 50 Euro haben wollte. Ich wusste, dass Hertha-Fans locker einen Hunni dafür bezahlen würden.« Seine Zeit in England verbrachte Ziad dann nur noch mit Shopping. Mit einem Koffer voller Retro-Bundesliga-Trikots ging es zurück nach Deutschland.
Hier präsentierte Ziad seine Trikots zunächst auf Social Media. Dann machte er kleinere Drops: Erst verkaufte er 30, später 100 Exemplare auf einen Schlag. All das machte er von seinem Kinderzimmer aus. Die Nachfrage stieg und stieg. Als er 400 Trikots zum Verkauf zusammenhatte, eröffnete Ziad für einen Tag einen Pop-up-Store. »Das war der komplette Wahnsinn. Die Leute haben zwei bis drei Stunden angestanden.« Im Frühjahr 2025 eröffnete er schließlich seinen eigenen Laden in Berlin-Wilmersdorf. Die Kinderzimmer-Vibes sind geblieben: In einer Ecke steht eine Playstation 2, daneben eine Captain-Tsubasa-Figur, an den Wänden hängen »Bravo Sport«-Poster.
In seinem Laden empfängt Ziad regelmäßig prominente Gäste, um mit ihnen über Trikots abzunerden, hier: Tommi Schmitt
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Als DEIN SPIEGEL das Geschäft im November besucht, ist es ruhig. In der kalten Jahreszeit verkaufen sich die Trikots nicht so gut. »Aber der letzte Sommer war extrem krass«, sagt Ziad. Teilweise habe er 100 Stunden pro Woche gearbeitet.
Die Trikots kauft er zum Teil von Leuten, die zu ihm in den Laden kommen, um ihre Sammlung aufzulösen. Es gibt aber auch andere Händler, zu denen er bei Bedarf persönlich reist, um die Qualität der Ware zu überprüfen. Dann fährt er auch mal sieben Stunden mit dem Flixbus an die östliche Grenze von Polen, wühlt dort in einem Keller kistenweise Trikots durch und fährt wieder sieben Stunden mit dem Bus zurück.
Früh übt sich: Spanische Fans freuen sich über ein Trikot von Nationalspielerin Aitana Bonmatí
Foto: Alex Bierens de Haan / Getty ImagesAls Kind trug Ziad übrigens auch gefälschte Messi-Trikots. »Ich verstehe Eltern, die solche günstigen Urlaubsmitbringsel kaufen, wenn das Kind jedes halbe Jahr ein neues Trikot haben will.« Aber heute kommt es ihm und seiner Kundschaft auf etwas anderes an: »Bei Ebay kriegst du manche Trikots vielleicht günstiger, aber bei mir weißt du, dass die Trikots echt sind.« Das ist das Versprechen, das er seinen Kundinnen und Kunden gibt. Ziad sagt, weil er im Leben schon Zehntausende Trikots in den Händen hatte, könne er aus Erfahrung beurteilen, ob ein Trikot echt sei oder Fake. Ein guter Anhaltspunkt sei der Produktcode, der meist neben der Waschanleitung steht. Den könne man überprüfen. Doch bei besonders beliebten Spielern und Vereinen würde selbst der manchmal gefälscht.
Voll retro: Das Nationalmannschaftstrikot von der WM 1990 ist bei Sammlern sehr beliebt
Foto: Frank Leonhardt / dpa / picture alliance
Das Design des diesjährigen WM-Trikots erinnert daran
Foto: Adidas / dpaDass der Hype um die Fußballtrikots bald abflacht, glaubt Ziad nicht. Und selbst wenn, er wird seine Trikots weitertragen. Das Highlight seiner privaten Sammlung? Das Hertha-Trikot mit dem Aufdruck des Sponsors Continentale in der Langarm-Variante. »Das ist unverkäuflich.«
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