SpOn 31.07.2026
13:50 Uhr

Fußball - Investorenpläne der Fifa: Wackelt Gianni Infantino jetzt? Die wichtigsten Fragen


Der geplante Teilverkauf der WM sorgt für einen beispiellosen Eklat im Fußball, Fifa-Präsident Gianni Infantino gerät unter Druck. Wer könnte auf ihn folgen? Das Wichtigste zum Fifa-Krimi.

Fußball - Investorenpläne der Fifa: Wackelt Gianni Infantino jetzt? Die wichtigsten Fragen

Was ist passiert?

Der Weltverband Fifa hatte die Fußballwelt in Aufruhr versetzt, weil er Anteile an der WM verkaufen möchte. Darüber berichteten am Dienstag die »Times« , der »Telegraph«  und die »Financial Times« . Die Pläne von Fifa-Boss Gianni Infantino sehen vor, eine neue Tochtergesellschaft zu gründen, die künftig die Rechte an der Austragung von Turnieren wie der WM und der Club-WM halten soll. Investoren sollten Minderheitenrechte an der neuen Firma erwerben können. Allein in diesem Jahr hätte das 4,2 Milliarden Dollar (3,7 Milliarden Euro) in die Kassen spülen sollen (mehr dazu hier ).

Infantino hatte allen 221 Fifa-Mitgliedern eine Einmalzahlung in Höhe von 20 Millionen Dollar (umgerechnet 17 Millionen Euro) und weitere Fördermittel in Aussicht gestellt – allerdings nur, wenn die Verbände seine Pläne absegnen.

Wie reagiert die Uefa?

Entsetzt. Der europäische Fußballverband hat sich einstimmig für einen Boykott aller Fifa-Turniere ausgesprochen, sollte Infantino tatsächlich WM-Anteile an Investoren verkaufen. Auf einer Dringlichkeitssitzung der Uefa stimmten alle 55 Vertreter für einen solchen Beschluss. Es ist ein beispielloser Vorgang im Weltfußball – und ein Rückschlag für die Fifa: Eine WM 2030 ohne den Weltmeister und Gastgeber Spanien, ohne den Co-Gastgeber Portugal, ohne Frankreich und England, ja, auch ohne Deutschland, wäre für Geldgeber uninteressant.

Gianni Infantino: »Niemand verkauft den Fußball«

Gianni Infantino: »Niemand verkauft den Fußball«

Foto: Alexander Hassenstein - FIFA / FIFA / Getty Images

Welche Rolle spielt Uefa-Boss Čeferin?

Die Uefa musste rasch handeln. Infantino hatte den nationalen Verbänden eine Frist gesetzt: Bis zum 19. September sollten sie seinen Plänen zustimmen. Offensichtlich wurde schon über Monate beim Weltverband daran gearbeitet. Infantino hat auch schon einen Anker-Investor im Auge: Thrive Capital mit Joshua Kushner, dem Bruder von Donald Trumps Schwiegersohn. Uefa-Präsident Aleksander Čeferin gelang es, innerhalb von 48 Stunden einen geschlossenen Widerstand gegen die Pläne zu organisieren und die Macht, die der größte und wichtigste Kontinentalverband hat, auszuspielen.

Čeferin und die Uefa müssen sich allerdings auch an ihren eigenen Worten messen lassen, wenn sie glaubwürdig wirken wollen. Der Verband hatte angesichts von Infantinos geplantem Investorenmodell mitgeteilt, ein solches habe »im Weltfußball keinen Platz«. Allerdings ist auch das Uefa-Prestigeprodukt Champions League ohne Investorenclubs nicht mehr denkbar. Sieger Paris Saint-Germain profitiert etwa von Geld aus Katar. Der PSG-Boss Nasser Al-Khelaifi sitzt im Exekutivkomitee der Uefa (mehr dazu hier ).

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Was sagen andere Verbände?

Nach der WM-Boykottdrohung der Europäer lehnte auch der für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik zuständige Kontinentalverband Concacaf die Investorenpläne der Fifa geschlossen ab, wie der Verband nach einer gemeinsamen Sitzung mitteilte. Damit positionieren sich auch die drei Gastgeber der diesjährigen WM, USA, Mexiko und Kanada, gegen Infantino.

Am Freitag bekundete der asiatische Fußballverband AFC seine Solidarität mit Uefa und Concacaf. Das bedeutet auch: Die Fifa-Pläne haben keine realistische Chance, von der notwendigen Mehrheit der 211 Mitgliedsverbände unterstützt zu werden. Uefa, Concacaf und AFC haben mehr als 130 stimmberechtigte Mitglieder. Die afrikanische Konföderation CAF hat ihre 54 Mitglieder hingegen aufgefordert, den Fifa-Vorschlag wohlwollend zu prüfen.

Wie äußert sich der deutsche Fußball?

Der Kritik an Infantinos Plan hatte sich auch DFB-Präsident Bernd Neuendorf angeschlossen. Es sei »ein fatales Zeichen, die Fußball-WM für Investoren zu öffnen«, das Vorhaben sei »überaus problematisch und nicht zustimmungsfähig«, hatte er in einem Interview mit der »Sportschau« und dem ZDF gesagt. Selbst die Mitglieder des Fifa Council, zu denen auch Neuendorf gehört, haben die Pläne aus der Zeitung erfahren.

Deutlicher wurden Uli Hoeneß und Christian Streich. »Einen Wettbewerb ohne Europäer kannst du in die Tonne treten«, sagte Bayern Münchens Ehrenpräsident Hoeneß am Rande des Trainingslagers am Tegernsee. Streich hält die Vorgänge rund um die Fifa-Pläne für »hochgradig korrupt: Das sind mafiöse Strukturen. Da muss man sich mit allem wehren«, sagte der ehemalige Trainer des SC Freiburg beim Sender Sky. »Da gibt es nur eines: raus aus der WM«, ergänzte Streich, der bei der WM als Experte im ZDF zu sehen war.

Bernd Neuendorf und Aleksander Čeferin: »fatales Zeichen«

Bernd Neuendorf und Aleksander Čeferin: »fatales Zeichen«

Foto: Marijan Murat / dpa

Lässt sich die Fifa von dem Widerstand beeindrucken?

Nach außen hin zunächst nicht, der Verband will an seinen Plänen festhalten. Der geplante Konsultationsprozess sei »durch falsche Medienberichte gestört« worden, hieß es am Freitag in einer Stellungnahme der Fifa. »Wir werden diesen Konsultationsprozess fortsetzen, um sicherzustellen, dass jeder Mitgliedsverband seine Stimme auf Grundlage von Fakten abgeben kann«, hieß es weiter.

Die Kritik der Uefa habe man »zur Kenntnis genommen«. »Niemand verkauft den Fußball«, betonte der Weltverband, und: »So etwas würde die Fifa niemals in Betracht ziehen.«

Welche Turniere wären überhaupt betroffen?

Alle unter dem Dach der Fifa. Schon am 5. September beginnt die U20-WM der Frauen in Polen, das Land gehört zu den 211 Mitgliedsverbänden der Fifa. Bei dem Turnier dabei sind unter anderem Spanien, England, Frankreich, Polen, Italien und Portugal. Die Fifa müsste angesichts der kurzen Vorlaufzeit entweder einen neuen Ausrichter finden oder das Turnier absagen. Der polnische Verband PZPN teilte am Freitagmittag indes mit, dass die Vorbereitungen wie geplant weiterliefen und bisher keine Informationen über den Rückzug einzelner Teams vorlägen.

Das nächste große Prestigeturnier für den Weltverband ist die WM der Frauen 2027 in Brasilien. Die deutsche Mannschaft ist bereits für die Endrunde qualifiziert. Ab Oktober finden aber noch Playoffs um verbliebene Startplätze statt.

Wackelt Infantino jetzt?

Bis vor Kurzem erschien das noch unwahrscheinlich. Infantino hat besonders durch finanzielle Zuwendungen an die kleineren Nationen und die WM-Aufstockung auf 48 Teams eine breite Machtbasis, auch diesmal ist das Geld ein Lockmittel. Ohne sein Vorpreschen wäre er ungefährdet in die Fifa-Wahlen 2027 gegangen, aber binnen Tagen ist im Fifa-Kosmos einiges ins Rutschen geraten.

Eine so offene Opposition gegen Infantino von Europa bis Asien hat es bislang nicht gegeben. Mit Carlos Cordeiro ist zudem ein enger Vertrauter von Infantino aus Protest gegen das Vorhaben zurückgetreten. Auch dies ist ein höchst ungewöhnlicher Vorgang im System Infantino. Der 56-Jährige durchlebt die schwierigste Phase seiner Präsidentschaft – Ausgang offen. Selbst ein Sturz erscheint plötzlich denkbar.

Wer könnte ihn beerben?

Die Europäer haben Infantino mit ihrem machtvollen Protest ins Wanken gebracht. So erscheint ihr Präsident, der Slowene Aleksander Čeferin, als logischer Herausforderer und Nachfolger des Schweizers. Aber auch der katarische Geschäftsmann Nasser Al-Khelaifi, Präsident des Champions-League-Siegers PSG, ist ein Mann mit weltweiten Kontakten, Einflüssen und Ambitionen.