Die Boeing 767 ist noch etwa 200 Kilometer pro Stunde schnell, als ihr die Landebahn ausgeht.
Binnen Sekunden rast der Dutzende Tonnen schwere Amazon-Frachtjet über eine Grasfläche am Ende des Miami International Airport, durchbricht mehrere Begrenzungszäune, schießt über eine vierspurige Straße hinweg, kollidiert mit zwei Autos: einem Ford-Kleintransporter mit Flughafen-Reinigungspersonal und einem Toyota Corolla.
Zum Halt kommt die Maschine mit der Beschriftung »Prime Air« erst auf einem Parkplatz nach der Straße – fast 400 Meter hinter der Landepiste. Das rechte Triebwerk geht in Flammen auf, schwarze Rauchwolken steigen auf. Zum Glück ist die Feuerwehr schnell zur Stelle. Sie befreit die Piloten aus dem Cockpit, löscht den Brand, kann so womöglich weitere Tote verhindern.
🚨 Miami update: Amazon Prime Air 767 cargo jet overran the runway at MIA Sunday, crossed a road, hit vehicles & caught fire.
— SkyBrief (@SkyDocQuest) September 7, 2026
💔 5 dead (ground) 🚑 5 injured — 3 critical. Both pilots survived after being trapped.
Plane (21 Air Flt 7598 / N1997A, SJU→MIA) was still ~129 mph… pic.twitter.com/4KErq8y9f4
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.
Mindestens fünf Menschen starben bei dem verheerenden Crash der Amazon-Air-Maschine in Miami am Sonntag um 13.53 Uhr Ortszeit (19.53 Uhr MESZ). Fünf weitere wurden verletzt; drei von ihnen befanden sich nach offiziellen Angaben in kritischem Zustand.
Der Internationale Flughafen von Miami wurde drei Stunden lang komplett gesperrt. Zwei der vier Start- und Landebahnen waren am Montagabend noch immer außer Betrieb. Das über 50 Meter lange und mehr als 90 Tonnen schwere Flugzeug kam aus Puerto Rico und wurde von der Gesellschaft 21 Air für Amazon betrieben.
Nun steht der Name Amazon Air für eines der spektakulärsten Luftfahrtunglücke der US-Geschichte – auch wegen einiger Amateurvideos, die im Netz viral gehen. Diese zeigen nicht nur die Kollision, sondern auch die augenscheinlich verunglückte Landung der Boeing 767-300F auf der Piste. Und sie werfen eine Reihe von Fragen auf.
Wieso setzte die Maschine nicht wie vorgesehen im vorderen Teil der Piste auf, sondern Hunderte Meter später, noch dazu nur mit einem Teil der Räder? Weshalb starteten die Piloten trotz der erkennbaren Landungsprobleme die Boeing nicht noch einmal durch, und welche Rolle spielte die Flugsicherung? Warum reichten die Überroll- und Notfallflächen nicht aus, um den Jet abzufangen?
Und: Wie sicher ist noch das Fliegen in den Vereinigten Staaten?
WATCH: Moments after a Prime Air Boeing 767 overshot the runway at Miami International Airport and crossed a road pic.twitter.com/kyCeeOpHdp
— BNO News (@BNONews) September 6, 2026
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.
Das Unglück von Miami reiht sich ein in eine Serie von Unfällen und Beinahe-Kollisionen in der US-Luftfahrt in jüngster Zeit.
Am 29. Januar 2025 kollidierte eine Bombardier-Maschine der Linie American Eagle nahe des Hauptstadtflughafens von Washington, D.C., mit einem Militärhubschrauber. Alle 64 Menschen an Bord des Verkehrsflugzeugs und die drei Insassen des Helikopters starben.
Im April und Mai 2025 verlor die Flugsicherung des Flughafens Newark nahe New York gleich zweimal wegen technischer Probleme kurzzeitig die Kontrolle über den Verkehr an einem der wichtigsten Drehkreuze des Landes, das auch Lufthansa und ihr US-Partner United nutzen. Zeitweise konnten die Lotsen Flugzeuge nicht mehr im Anflug erkennen oder nicht mehr mit ihnen über Funk kommunizieren. Zum Glück kam niemand zu Schaden.
Im März 2026 kollidierte auf dem New Yorker Flughafen La Guardia eine Maschine von Air Canada Express mit einem Fahrzeug der Feuerwehr. Beide Jetpiloten starben.
Immer wieder kamen Verkehrsmaschinen in den vergangenen eineinhalb Jahren einander auf Runways oder beim Anflug gefährlich nahe. Ob an den New Yorker Flughäfen JFK, La Guardia und Newark, am Airport Chicago-Midway, in Boston oder Nashville, Tennessee – oft konnten Unglücke nur knapp vermieden werden. Am 4. August kam der Präsidentenhubschrauber Marine One mit Donald Trump an Bord in Washington, D.C. einem Verkehrsflugzeug zu nahe. Vorausgegangen waren Kommunikationsprobleme; die Piloten drehten rechtzeitig ab.
»Die Häufung dieser Vorfälle ist ein Warnzeichen: Sie deutet darauf hin, dass das System unter Stress ist«, sagt der Luftfahrtexperte und ehemalige Boeing-Mitarbeiter Heinrich Großbongardt dem SPIEGEL. »Die Flugsicherung ist in den USA in verheerendem Zustand: Da fehlen Fluglotsen. Und die technische Infrastruktur ist teilweise überaltert.«
Zerstörte Autos am Flughafen Miami: Auffangbett für Flugzeuge fehlt
Foto: Chandan Khanna / AFPDer Crash der Amazon-Maschine könnte weitere Schwachstellen offenbaren: ob bei Piloten, Lotsen oder der Sicherheitsausstattung der Flughäfen. Ausgelöst wurde er nach bisheriger Datenlage wohl durch schlechtes Wetter. Im Luftraum rund um Miami tobten Gewitter, entsprechend wechselhaft waren die Bedingungen.
»Laut den Wetterdaten sieht es so aus, als sei es mitten im Landeanflug zu einer Windscherung gekommen«, also einer kurzzeitigen Änderung von Windrichtung und -stärke, sagt Großbongardt. »Dadurch ist das Flugzeug vermutlich nicht wie geplant mit Gegenwind gelandet, sondern mit Rückenwind. Das kann einen gewaltigen Unterschied ausmachen.«
Verkehrsflugzeuge versuchen fast immer, gegen den Wind zu landen, auch um gegenüber dem Boden eine möglichst geringe Geschwindigkeit zu haben.
🚨 Another footage of the 767 Amazon Prime Air Boeing 767-300 freighter. THIS WAS NO ORDINARY LANDING!
— Aviation Reporter (@TripppleSeven7) September 6, 2026
The Boeing 767 at Miami International Airport came down with tremendous energy, leaving very little runway to get the aircraft stopped.
What makes the footage even more… pic.twitter.com/YTDAgcZwcp
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.
Die Amazon-Maschine pendelte im Landeanflug auffallend hin und her, wie ein Video der Landung zeigt. Sie setzte sehr spät auf der Landebahn auf – und mit den linken Rädern zunächst nicht richtig. Auch das deutet auf starken Windeinfluss hin.
Wetterpech allein erklärt aber nicht den Unfall. Denn angesichts der Turbulenzen hätten die Piloten die Landung in Miami kurzfristig abbrechen können.
»Theoretisch haben Piloten bis zu den allerletzten Sekunden des Fluges die Möglichkeit, noch einmal durchzustarten – selbst wenn die Räder gerade aufgesetzt haben«, sagt Großbongardt. »Erst wenn die Nase des Flugzeuges unten ist, wird das schwierig, dann geht zu viel Energie verloren.«
Für ein Urteil in diesem Fall sei es aber zu früh, so der Experte. Warum sich die Piloten im Cockpit der Amazon-Maschine trotz aller Probleme für die Landung entschieden und welche Rolle die Fluglotsen spielten, dies alles müssten nun die Ermittlungen klären.
Jennifer Homendy kennt schon einige Schlüsseldaten des Unglücks. Aber die gibt die Chefin der Transportsicherheitsbehörde noch nicht preis. »Wir werden diese Informationen nicht veröffentlichen, ehe wir sie verifiziert haben«, sagt die 55-Jährige am Montagnachmittag vor Journalisten in einem Konferenzraum des Flughafens. Das kann dauern. Denn bislang lässt sich die Amazon-Maschine noch nicht sicher untersuchen.
Der Anblick der Unglücksstelle sei »niederschmetternd«, sagt Homendy. Der vom Flugzeug getroffene Kleintransporter sei »auseinandergerissen« worden; überall lägen Trümmer und Treibstoff. Und aus dem Flugzeug selbst müsse nun zuerst das Kerosin abgepumpt werden; erst dann sei ein halbwegs sicherer Zugang möglich.
Immerhin sind beide Flugschreiber schon geborgen worden, wie Homendy bestätigt. Sie seien nun auf dem Weg zum National Transportation Safety Board (NTSB) in Washington, D.C., und würden dort ausgewertet. Die Piloten habe man noch nicht zum Unglück befragt.
So zurückhaltend Homendy sich zeigt – ein Thema spricht sie mehrmals an: die am Flughafen fehlende Ausstattung mit EMAS. Dieses »Engineered Materials Arresting System« ist eine Art Auffangbett für Flugzeuge, die über die Landebahn hinausschießen. Es besteht aus energieabsorbierenden Materialien, etwa Kunststoffen, Schaumglas oder porösen Betonsorten, die unter dem Gewicht der Maschine zerdrückt werden. Durch den Widerstand wird das Flugzeug relativ kontrolliert abgebremst und sinkt in das Material ein.
Preliminary Report into the runway excursion at Roanoke-Blacksburg Regional Airport on September 24 says the First Officer called for a go-around on two occasions but the Captain continued the landing.
— Breaking Aviation News & Videos (@aviationbrk) October 25, 2025
As the airplane descended below 500 feet, the FO observed that they were high… pic.twitter.com/3uyZAC9vlC
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.
Mehr als 70 US-Airports haben EMAS bereits im Einsatz. Der von Miami nicht – obwohl er der achtgrößte Passagier- und drittgrößte Frachtflughafen des Landes ist. »Ob EMAS geholfen hätte, diese Tragödie zu vermeiden, wird eine Schlüsselfrage unserer Untersuchungen sein«, sagt Homendy.
Noch mindestens eine Woche sollen die Ermittlungen vor Ort dauern. Und so lange sie nicht abgeschlossen seien, werde sich die NTSB auch nicht zur Ursache des Crashs äußern, sagt die NTSB-Chefin. Bis ein umfassender Untersuchungsbericht fertig ist, kann es Wochen oder gar Monate dauern. Die Verunsicherung der Fluggäste wird dieser Report kaum dämpfen.
