Mit einer »Solidaritätserklärung für konkrete Maßnahmen gegen geschlechtsspezifische und digitale Gewalt« haben sich mehr als hundert Männer hinter Collien Fernandes und alle anderen Betroffenen gestellt. Unterzeichner sind unter anderem die Musiker Jan Delay, Trettmann und Bela B Felsenheimer. Auch Kostja Ullmann, Arnd Zeigler und der Journalist Hubertus Koch sind dabei, außerdem der Grünenvorsitzende Felix Banaszak und der Aktivist Raúl Krauthausen.
Auf der Webseite der Initiative heißt es: »Liebe Männer, diese Forderungen hätten genauso gut von uns kommen können. So wie auch die Reflektionen, die zu ihnen geführt haben.« Männer aller Generationen seien eingeladen, »ihre eigene Rolle und Verantwortung zu reflektieren, der männlichen Gewalt an Frauen und Mädchen die Stirn zu bieten und Sexismus zu bekämpfen«. Es sei Zeit, dass »wir unser Schweigen brechen.«
Der SPIEGEL berichtete über Vorwürfe von Fernandes gegen ihren Ex-Partner: Sie beschuldigt ihn unter anderem, auf sozialen Medien täuschend echt aussehende Fakeprofile von ihr erstellt und darüber »Hunderte von Männern« kontaktiert zu haben. Ulmen soll sich als Fernandes ausgegeben und mit einigen Männern sexuelle Gespräche geführt sowie erotische Bilder und Videos verschickt haben. Das Material sollte offenbar den Eindruck erwecken, als handele es sich um authentische Aufnahmen seiner damaligen Frau.
Mit der Solidaritätsbekundung wollen die Männer einen Forderungskatalog von über 250 Frauen aus Politik, Wirtschaft und Kultur unterstützen. In einem Zehnpunkteplan hatten die Frauen schärfere Gesetze gegen Deepfakes und Femizide gefordert.
Schweigen als »Nährboden für strukturellen Sexismus«
Der Sänger Battal, einer der Initiatoren, sagt dem SPIEGEL, eins sei ihm und seinen Mitstreitern sofort klar gewesen: »Wir dürfen diesen mutigen Vorstoß nicht mit dem üblichen männlichen Schweigen unbeantwortet lassen.« Bislang stehen 186 Namen auf der Liste der Männer. »Dass wir es nicht geschafft haben, die Mobilisierungskraft der Frauen zu spiegeln, ist ein echtes Armutszeugnis.« Sie hätten fünf Tage Zeit gehabt und nicht annähernd die Zahl der Frauen erreicht.
Besonders frustriere ihn die Reaktion vieler Kollegen, die Nachrichten gelesen und ignoriert hätten. »Genau dieses Schweigen und diese Bequemlichkeit im eigenen Privileg, ist der Nährboden für strukturellen Sexismus«, sagt der Sänger dem SPIEGEL. »Wer schon bei einer simplen Solidaritätsbekundung auf ›gelesen‹ lässt, der ist oft auch derjenige, der wegschaut, wenn im Büro der sexistische Spruch fällt oder im Netz gehetzt wird.«
Außerdem sei es mit der Liste nicht getan: »Die Solidaritätserklärung ist das Minimum. Der Gradmesser unseres Erfolgs wird sein, wie viel Bequemlichkeit wir in unserem eigenen Alltag bereit sind aufzugeben.« Die Entstehung der Solidaritätsliste zeige, wie »unendlich weit der Weg für uns Männer noch ist«.
Fernandes hat Ende vergangenen Jahres in Spanien Anzeige gegen ihren Ex-Mann erstattet. Im Raum steht die Frage, ob das Verfahren in der Verantwortung der spanischen Behörden bleibt oder ob sich bald auch deutsche darum kümmern müssen. Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung. Der SPIEGEL hat ihm einen umfangreichen Fragenkatalog geschickt. Er selbst äußerte sich nicht dazu.
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Ulmens Anwälte boten dem SPIEGEL ein Hintergrundgespräch an, das vor der Veröffentlichung des Artikels stattfand. Die Juristen gingen dabei auf einen Teil der Vorwürfe gegen Ulmen ein – zuvor hatten sie es allerdings zur Bedingung gemacht, dass nicht über ihre Einlassungen berichtet werden darf. Die Anwälte, die Ulmen seit der SPIEGEL-Veröffentlichung in der vergangenen Woche vertreten, sprechen im Zusammenhang mit den Vorwürfen unspezifisch von »unwahren Tatsachen«.
