SpOn 17.05.2026
18:02 Uhr

(+) Syrien: Der Mann im Käfig spricht, als wäre er noch immer der Chef


In Damaskus steht Baschar al-Assads berüchtigter Cousin Atef Najib vor Gericht. Draußen warten die Angehörigen der Opfer und rufen nach Vergeltung.

(+) Syrien: Der Mann im Käfig spricht, als wäre er noch immer der Chef

Das Mikrofon im Käfig ist an. Der Sicherheitsmann im Justizpalast von Damaskus klopft noch einmal mit dem Finger dagegen, um sicherzustellen, dass einer der meistgehassten Männer Syriens gleich gut zu hören ist: Atef Najib, der Cousin von Syriens Ex-Diktator Baschar al‑Assad.

Draußen, vor dem Gerichtsgebäude, drängen sich die Menschen seit Stunden. Angehörige von Opfern, Mitarbeiter von Menschenrechtsorganisationen, Journalisten. Nicht alle haben es hereingeschafft.

DER SPIEGEL 21/2026

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Zehntausende gelten bis heute als verschwunden

Es ist der erste Prozess gegen einen hochrangigen Offiziellen, seit das Regime im Dezember 2024 gestürzt wurde. Und eine Prüfung für das neue Syrien. Unter Assad wurden Hunderttausende Syrer willkürlich festgenommen, gefoltert oder getötet, Zehntausende gelten bis heute als verschwunden. Wird das Land es schaffen, seine grausame Vergangenheit aufzuarbeiten, für die so einer wie Atef Najib steht?


Im März 2011 strömten in Daraa, im Südwesten Syriens, die ersten Demonstrierenden auf die Straßen, inspiriert von den Tunesiern und Ägyptern, die ihre Diktatoren erfolgreich aus dem Amt gejagt haben. Damals war Najib der Chef der Direktion für politische Sicherheit im Gouvernement Daraa, einer Geheimdienstabteilung des Innenministeriums. Der mächtigste Mann der Region. Sicherheitskräfte nahmen damals mehrere Minderjährige fest, denen das Regime vorwarf, Parolen an die Wände ihrer Schule gesprüht zu haben: »Jetzt bist du dran, Doktor« – eine Anspielung auf den Augenarzt Assad.

Zwei Frauen kramen bereits nach Taschentüchern

Auf den Polizeistationen baten Eltern um die Freilassung ihrer Kinder, Najib soll ihnen eine Antwort gegeben haben, die viele Syrerinnen und Syrer bis heute Wort für Wort zitieren können: »Vergesst eure Kinder. Wenn ihr Kinder wollt, macht mehr Kinder. Wenn ihr nicht wisst, wie es geht, bringt uns eure Frauen, und wir machen sie für euch.«

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