Das Mikrofon im Käfig ist an. Der Sicherheitsmann im Justizpalast von Damaskus klopft noch einmal mit dem Finger dagegen, um sicherzustellen, dass einer der meistgehassten Männer Syriens gleich gut zu hören ist: Atef Najib, der Cousin von Syriens Ex-Diktator Baschar al‑Assad.
Draußen, vor dem Gerichtsgebäude, drängen sich die Menschen seit Stunden. Angehörige von Opfern, Mitarbeiter von Menschenrechtsorganisationen, Journalisten. Nicht alle haben es hereingeschafft.
War Opa Nazi?
Die digitale NSDAP-Mitgliederkartei entlarvt deutsche Familienlügen. Aus Vorfahren werden Täter und Mitläufer, ein Land muss seine Vergangenheit neu prüfen.
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Zehntausende gelten bis heute als verschwunden
Es ist der erste Prozess gegen einen hochrangigen Offiziellen, seit das Regime im Dezember 2024 gestürzt wurde. Und eine Prüfung für das neue Syrien. Unter Assad wurden Hunderttausende Syrer willkürlich festgenommen, gefoltert oder getötet, Zehntausende gelten bis heute als verschwunden. Wird das Land es schaffen, seine grausame Vergangenheit aufzuarbeiten, für die so einer wie Atef Najib steht?
Im März 2011 strömten in Daraa, im Südwesten Syriens, die ersten Demonstrierenden auf die Straßen, inspiriert von den Tunesiern und Ägyptern, die ihre Diktatoren erfolgreich aus dem Amt gejagt haben. Damals war Najib der Chef der Direktion für politische Sicherheit im Gouvernement Daraa, einer Geheimdienstabteilung des Innenministeriums. Der mächtigste Mann der Region. Sicherheitskräfte nahmen damals mehrere Minderjährige fest, denen das Regime vorwarf, Parolen an die Wände ihrer Schule gesprüht zu haben: »Jetzt bist du dran, Doktor« – eine Anspielung auf den Augenarzt Assad.
Zwei Frauen kramen bereits nach Taschentüchern
Auf den Polizeistationen baten Eltern um die Freilassung ihrer Kinder, Najib soll ihnen eine Antwort gegeben haben, die viele Syrerinnen und Syrer bis heute Wort für Wort zitieren können: »Vergesst eure Kinder. Wenn ihr Kinder wollt, macht mehr Kinder. Wenn ihr nicht wisst, wie es geht, bringt uns eure Frauen, und wir machen sie für euch.«
