Eine Nacht in Schweden, Sommer 2015.
In einem großen Rundzelt, einer Jurte, aufgebaut an einem See, fern von Hamburg, fern von den Eltern, liegen Kinder im Kreis: Schlafsack an Schlafsack, die Köpfe zur Zeltwand, die Füße zur Mitte hin.
Tagsüber sind sie gesegelt, haben Holz fürs Lagerfeuer gehackt und Verstecken zwischen Kiefern gespielt, bis die Sonne tief stand und jemand zum Essen rief. Ein Betreuer hat dann »Huckleberry Finn« vorgelesen und irgendwann die Lampe an der Zeltdecke gelöscht.
Die meisten Kinder schlafen schon. Jona schläft noch nicht.
Er hört Atemzüge. Irgendwo im Wald knackt etwas. Er bemerkt, dass der junge Mann, der neben ihm liegt, ebenfalls wach ist.
Dann beginnt es.
Jona hört, wie sich neben ihm langsam ein Reißverschluss öffnet. Eine Hand tastet in seinen Schlafsack, streicht über Schulter, Rücken, wie zur Beruhigung.
Jona liegt still, beinahe erstarrt. Er versteht nicht, was gerade passiert. Er ist elf Jahre alt.
Die Hand hört nicht auf. Sie greift unter Jonas Schlaf- und Unterhose, zieht den Stoff ein Stück herunter. Dann zieht der Mann auch seine eigene Hose herunter, nimmt Jonas Hand, führt sie zwischen seine Beine und bewegt sie minutenlang auf und ab. Bis Jona etwas Warmes über seine Finger laufen spürt.
So erzählt er es heute. So steht es in einem Urteil, das das Landgericht Hamburg im April 2025 gefällt hat.
Damals, in jener Sommernacht in Schweden, sagte Jona nichts. Nicht nur, weil ein Kind keine Worte hat für das, was geschah. Sondern auch, weil der Mann neben ihm sein Trainer war, der ihm die Welt bedeutete. Dem er vertraute. »Er war für mich wie ein großer Bruder.«
Der Mann, der hier Aaron Kroll heißen soll und dessen Namen der SPIEGEL aus juristischen Gründen geändert hat, ist bei der Sommerfahrt in Schweden 19 Jahre alt. Er wird noch acht weitere Jahre Jungen missbrauchen, alle etwa zwischen 10 und 14 Jahre alt, alle mit noch »kindlichem« Körperbau, »keine Schambehaarung«, »noch nicht im Stimmbruch«, wie das Gericht Jahre später feststellen wird.
Der Täter ebenso wie drei Betroffene, die ihren Trainer später anzeigen – sie alle sind damals Mitglieder eines kleinen Hamburger Segelvereins, in dem jeder jeden kennt, in dem man sich mag und aufeinander aufpasst.
Wie konnte der Missbrauch über Jahre unentdeckt geschehen? Warum ist niemand eingeschritten?
Spottverse über den Segeltrainer
Der SPIEGEL hat mit Vereinsmitgliedern gesprochen, mit Eltern, mit den Anwälten der Nebenkläger und mit einer Psychologin. Mit Menschen, die sich täuschen ließen, und mit jenen, die sahen, was andere nicht sehen wollten. Weil offenbar nicht sein konnte, was nicht sein durfte.
Der Verein und die handelnden Personen bleiben in dieser Geschichte anonym.
Hinweise darauf, dass der Segeltrainer Jungen besonders mochte, gab es seit Jahren. Lange bevor er sich an Jona verging, hatten Jugendliche Spottverse über ihn gedichtet, berichten langjährige Clubmitglieder.
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Aaron mit dem geklauten Kind.
Man lachte darüber. Niemand glaubte, dass im Offensichtlichen eine grausame Wahrheit steckte.
Jona ist heute Anfang zwanzig, Student, ein kräftiger Mann mit blassem Gesicht und fester Stimme. Lange schwieg er. Irgendwann holte ihn das Erlebte ein – und der Gedanke, dass es noch mehr Opfer geben könnte.
An einem Nachmittag in seiner WG blättert er durch das Fotoalbum einer Segelreise. Es riecht nach Kaffee, auf dem Küchentisch stehen Plätzchen. »Das ist Aaron«, sagt Jona und zeigt auf einen hageren Mann mit rotbraunen Haaren, Dreitagebart und eckiger Brille. Auf dem Kopf trägt er einen Strohhut, er lächelt.
