SPIEGEL: Frau Kreutzer, in Ihrem Film »Gentle Monster«, der in Cannes Premiere feiert, geht es um eine Konzertpianistin, die plötzlich erfährt, dass ihr Ehemann wegen Pädokriminalität verdächtigt wird. Wie kamen Sie auf dieses Thema?
Kreutzer: Ich habe im Sommer 2020 einen Artikel über eine große Ermittlung gelesen, da flog ein Pädophilenring in Nordrhein-Westfalen auf. Ich brauchte zwei Tage für den Text, weil das Thema so hart war. Aber es hat mich nachhaltig beeindruckt und den Ausschlag für die Recherche gegeben. Ich wusste über sexualisierte Gewalt gegen Kinder Bescheid, ich kenne selbst Opfer. Aber mir war bis dahin nicht klar, dass ich mit Sicherheit auch Täter kenne.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Kreutzer: Eines von fünf Kindern erfährt sexualisierte Gewalt. Dazu muss es auch die Täter geben – und zwar ist es üblicherweise nicht der unheimliche Typ hinter dem Busch, sondern ein Freund oder Kollege. Bei der Premiere unseres Films werden 3000 Menschen im Kinosaal sein. Bestimmt sitzen da drin auch Täter, es geht gar nicht anders.
