SpOn 12.05.2026
18:39 Uhr

(+) Regierungskrise in Großbritannien: Starmer gegen die Swifties


Charles III. soll am Mittwoch das neue Regierungsprogramm für das Vereinigte Königreich vorstellen. Dabei weiß niemand, ob diese Regierung nächste Woche noch im Amt ist. Über ein Land, das schon wieder im Chaos versinkt.

(+) Regierungskrise in Großbritannien: Starmer gegen die Swifties

In Westminster wird seit Tagen geprobt, als sei alles in Ordnung. Am Mittwoch soll König Charles III. im Parlament eine Rede verlesen, die nicht seine ist. Geschrieben hat sie die Regierung. Der Monarch leiht ihr nur Stimme, Krone und Kulisse.

Es ist der feierlichste Moment des britischen Parlamentsjahres und zugleich einer der seltsamsten. Während der König im Parlament spricht, bleibt ein Abgeordneter nach alter Sitte im Buckingham-Palast zurück, eine Art zeremonielle Geisel, damit Charles heil zurückkehrt.

Ein britisches Ritual also: halb Verfassung, halb Monty Python. Nur passt die Choreografie in dieser Woche auf unheimliche Weise zur Gegenwart. Denn Charles soll das Programm einer Regierung verlesen, deren Premierminister womöglich schon bald nicht mehr im Amt ist.

Larry, der Kater in der Downing Street, offizieller Titel: »Oberster Mäusefänger des Kabinetts«. Im Gegensatz zu Premier Starmer ist sein Job sicher

Larry, der Kater in der Downing Street, offizieller Titel: »Oberster Mäusefänger des Kabinetts«. Im Gegensatz zu Premier Starmer ist sein Job sicher

Foto: Kirsty Wigglesworth / AP / dpa

In London ist Chaos ausgebrochen. Premier Keir Starmer hat die Kontrolle über seine Labour-Partei verloren, vielleicht noch nicht endgültig, aber sichtbar. Nach einer Zählung der BBC fordern inzwischen 81 Labour-Abgeordnete, dass Starmer zurücktritt oder wenigstens einen Zeitplan für seinen Abgang nennt. 81: Das ist die Zahl, die seit Tagen herumgereicht wird wie ein Codewort. Denn sie entspricht 20 Prozent der Labour-Fraktion, jener Schwelle also, ab der nach den Regeln der Partei eine formelle Herausforderung der Führung möglich wird.

Aber ganz so einfach ist es nicht. Es reicht nicht, dass 81 Abgeordnete unzufrieden sind. Sie müssten sich auf denselben Herausforderer verständigen und ihn nominieren. Erst dann würde aus der Revolte ein Verfahren. Genau darin liegt Starmers letzte Chance: Der Aufstand gegen ihn ist groß genug, um gefährlich zu sein, aber noch nicht geschlossen genug. Die Rebellen wissen, wen sie loswerden wollen. Sie wissen nur noch nicht, wen sie stattdessen wollen.

Am Montag hatte Starmer versucht, das Drehbuch noch einmal umzuschreiben. Weißes Hemd, ernster Blick, ein Auftritt, der nach Befreiungsschlag aussehen sollte, vielleicht nach der Rede seiner Karriere. Starmer sprach von Wachstum, Verteidigung, Europa und von den großen Aufgaben seines Landes. Er kündigte eine engere Anbindung an die Europäische Union an und warnte seine Partei davor, sich in einen Führungskampf zu stürzen. Doch wirklich konkret wurde er kaum. Stattdessen bot er Formeln, die größer klangen, als sie waren: »Geschichten schlagen Exceltabellen«, forderte er.

Zu blass, zu spät

Für einen Premier, dem Kritiker seit Monaten vorhalten, seine Regierung habe keine Erzählung, war das fast zu passend. Starmer wollte zeigen, dass er die Richtung vorgibt. Am Ende jedoch führte er vor allem vor, warum so viele in seiner Partei an ihm zweifeln: zu vorsichtig, zu blass, zu spät.

Schon vor der Rede hatte sich Angela Rayner zu Wort gemeldet, Starmers frühere Stellvertreterin, in der Partei noch immer bestens vernetzt. Sie sagte nicht offen, dass Starmer gehen müsse. Aber sie sagte, was dieser Tage in London fast dasselbe bedeutet: Dass es ein Fehler gewesen sei, Andy Burnham den Weg zurück ins Unterhaus zu versperren. Burnham, der Bürgermeister von Greater Manchester, gilt als einer der wenigen Politiker mit eigener Machtbasis außerhalb Londons. Für viele Labour-Leute ist er der natürliche Nachfolger von Starmer.

Nur hat Burnham ein Problem: Ihm fehlt ein Sitz im Unterhaus, und Premierminister werden in Großbritannien in der Regel nur Politiker, die Mitglieder des Parlaments sind. Burnham müsste also erst nach Westminster zurückkehren. Ende Januar verhinderten Starmers Leute, dass er bei einer frei gewordenen Kandidatur antrat. Nun bräuchte er einen Labour-Abgeordneten, der seinen Sitz für ihn räumt. Danach müsste Burnham die Nachwahl gewinnen. Das dauert Wochen, womöglich Monate. Deshalb drängen seine Unterstützer auf einen geordneten Übergang.

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