Das Wort, das dabei hilft, die autoritäre Rechte zu verstehen, stammt aus einem knapp 2000 Jahre alten Brief. Bis vor Kurzem haben sich damit vor allem Theologen und Philosophen befasst, vielleicht noch Black-Metal-Bands .
Doch seit einigen Jahren taucht es häufig in politischen Debatten rechter Vordenker auf. Es lautet: Katechon, zu Deutsch in etwa Aufhalter.
Der AfD-Politiker Maximilian Krah benutzt den Begriff, um Trump zu feiern. Der Kremlideologe Alexander Dugin, um Putin zu verklären. Der Techmilliardär Peter Thiel, um seine Vision einer Welt ohne Regulierung zu begründen.
Nun hat der Historiker Volker Weiß die Konjunktur des Begriffs in seinem Essay »Katechon. Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart« (Klett-Cotta, 2026) nachgezeichnet und gedeutet. Dank der Analyse wird klarer, warum der Begriff für die gegenwärtige autoritäre Rechte so attraktiv ist. Doch zugleich wird auch klar, welche Probleme das Katechondenken mit sich bringt.
1. Woher kommt der Begriff?
Das Wort »Katechon« kommt erstmals prominent in einem Brief an die frühchristliche Gemeinde von Thessaloniki vor. Verfasser des Schreibens ist der Missionar Paulus oder einer seiner Schüler, versandt wurde es in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts n. Chr.
Die Gläubigen warteten sehnlich auf die Erlösung und fragten sich, ob sie vielleicht schon begonnen habe. Der Brief warnte sie: Noch sei es nicht so weit. Wer verkünde, der Heiland sei bereits wiedergekehrt, sei in Wahrheit ein Vorbote des Bösen – des Antichristen, eines falschen Messias, der die Menschen mit trügerischen Heilsversprechen verführt.
Es gebe jedoch eine Kraft, die diesen Verführer aufhalte und entlarve. Diese Kraft nennt der Brief auf Griechisch: Katechon. Der Aufhalter. Wer damit genau gemeint ist, ließ der Brief offen – so entstand viel Raum für Spekulationen.
2. Wie wurde aus einem Bibelvers ein politisches Konzept?
Spätestens im zweiten Jahrhundert suchten die ersten christlichen Theologen den »Aufhalter« in ihrer politischen Gegenwart. Der in Karthago wirkende Autor Tertullian glaubte, dass als solcher nur das Römische Reich infrage komme, obwohl es damals heidnisch war. Also empfahl er, für den Kaiser zu beten. Der Katechon, so befand er, muss kein guter Herrscher oder Heilsbringer sein. Es reicht, wenn er den Antichristen und dessen Agenten in der Welt ausbremst.
Tertullian meinte damit damals vor allem den Theologen Markion, der seinerzeit eine abweichende Strömung des Christentums verbreitete. Als die römischen Kaiser im vierten Jahrhundert zum Christentum übertraten, rechtfertigte man ihre Herrschaft auch mit der Aufgabe als »Aufhalter«.
