SPIEGEL: Frau Großmann, Herr Scheugenpflug, das erste juristische Staatsexamen gilt als eine der härtesten Prüfungen Deutschlands. Wie lange haben Sie sich darauf vorbereitet?
Scheugenpflug: Eineinhalb Jahre. Unter der Woche habe ich acht bis zehn Stunden am Tag gelernt, meistens auch am Wochenende. Fester Bestandteil waren Karteikarten, rund 4000 Stück quer durch alle Rechtsgebiete, in einer App auf dem Handy. Die habe ich überall wiederholt: im Fitnessstudio, beim Zähneputzen.
Großmann: Bei mir waren es auch anderthalb Jahre. Im letzten halben Jahr saß ich jeden Tag 12, 13 Stunden in der Bibliothek.
Lena Großmann, 26, erhielt im ersten Staatsexamen in einer Zivilrechtsklausur 18 Punkte von beiden Korrektoren. In Berlin und Brandenburg gelang diese Höchstnote in den vergangenen drei Kampagnen unter mehr als 10.000 Klausuren nur ihr. Sie arbeitet gerade in einer Kanzlei, bevor das Referendariat beginnt.
Martin Scheugenpflug, 26, schloss sein erstes Staatsexamen im April 2023 mit insgesamt 15 Punkten ab, als Bestplatzierter unter fast 1000 Prüflingen in seinem Bezirk. Lediglich eine seiner sechs Klausuren fiel mit neun Punkten aus dem Rahmen. Scheugenpflug wollte das nicht hinnehmen, klagte dagegen – und bekam recht. Die Klausur muss nun neu bewertet werden. Scheugenpflug bereitet sich gerade auf die mündliche Prüfung des zweiten Staatsexamens vor.
SPIEGEL: Weniger machen war nicht möglich?
Großmann: Ich hatte eher das Gefühl, ich könnte noch mehr tun. Der Stoff ist praktisch nicht begrenzt. Dazu kommt der Druck, dass am Ende zwei Examenswochen über so viel entscheiden.
SPIEGEL: Wie sehr hat Sie diese Zeit belastet?
Großmann: Ich hatte starke Versagensängste. Irgendwann kam dieser Punkt, an dem ich es einfach hinter mir haben wollte. Ich habe Sport schleifen lassen, mich sozial ziemlich isoliert – das war nicht gesund, und ich würde das niemandem empfehlen.
Scheugenpflug: Mein Bruder studiert klinische Psychologie, der hat mir Atem- und Entspannungstechniken gezeigt, Meditationen. Mir hat geholfen, mit der Familie darüber zu reden, Gitarre zu spielen, mit meinem Hund zu spazieren. Und Sport war für mich heilig. Ohne diesen Ausgleich wäre ich im Burn-out gelandet.
SPIEGEL: Im Examen haben Sie außergewöhnliche Ergebnisse erzielt. Was haben Sie anders gemacht als viele Ihrer Kommiliton:innen?
Scheugenpflug: Ich habe extrem viele Probeklausuren geschrieben, am Ende etwa 110. Und zwar unter echten Examensbedingungen, also fünf Stunden am Stück, per Hand.
Großmann: Mir hat es mehr geholfen, Klausuren zu skizzieren. Ich habe mir ein- bis zweimal täglich eine Original-Examensklausur genommen und in der vorgegebenen Zeit eine Lösungsskizze erstellt, also den Aufbau, die zentralen Streitfragen und die Kernargumente. So verstand ich mit der Zeit, wie Klausursteller denken und worauf sie hinauswollen.
