Andrij Howorow hält sein Smartphone an die Laptopkamera, »kannst du das lesen?«, fragt er. Auf dem Display viele Zahlen: Zwei Kilogramm mehr Muskelmasse seit Februar, der Körperfettanteil gesunken, auch das Bauchfett, das die Organe umhüllt – »so wenig hatte ich noch nie«, sagt er.
»Die Jugend fließt wieder durch meine Adern.«
Es ist Ende April 2026. Howorow, 33, liegt auf seinem Bett im Erth Hotel in Abu Dhabi, einem wuchtigen, sandfarbenen Bau, der früher eine Luftwaffenbasis war. Seit Monaten wohnt und trainiert er in dem Fünfsternehaus, während draußen ein Raketenabwehrsystem iranische Drohnen abfängt. Howorow, 1,95 Meter groß und breitschultrig, wirkt wenig besorgt.
»Medizinische Lotterie«
An diesem Sonntag (Ortszeit) finden in Las Vegas die Enhanced Games statt: Wettbewerbe im Sprinten, Gewichtheben und Schwimmen, bei denen Athleten mithilfe von Dopingsubstanzen Höchstleistungen erbringen sollen. Das Event ist der Gegenentwurf zu den Olympischen Spielen, eine Show.
Der Ukrainer und zweimalige Olympiateilnehmer will seinen seit acht Jahren ungebrochenen Weltrekord über 50 Meter Schmetterling (22,27 Sekunden) knacken – und reich werden.
Howorow rechnet das mögliche Preisgeld vor wie Zwischenzeiten. 250.000 Dollar für einen Sieg, eine Million für den Weltrekord, noch mal eine Viertelmillion für einen zweiten. Gewinnt er Schmetterling und Freistil plus zweimal Rekordboni, kassiert er insgesamt 1,75 Millionen Dollar, abzüglich Steuern. »Nicht schlecht, oder?«
Dafür hat sich Howorow über Monate leistungssteigernde Substanzen verabreichen lassen. Sportwissenschaftler nennen die Dopingkuren eine »medizinische Lotterie« , weil sie der Gesundheit langfristig schaden könnten. Mancher Athlet hat deshalb schon vorsichtshalber sein Sperma einfrieren lassen.
Warum also hat Howorow seinen Körper zu einem Experiment gemacht?
Flucht vor dem alkoholkranken Vater
Im Juni vergangenen Jahres sitzt Howorow mit seiner Frau Daria in einem kleinen ukrainischen Restaurant in Krakau. Sie lächelt warm und trägt Blumenohrringe, ihr fünfjähriger Sohn hat seinen Kopf an ihre Schulter gelehnt. Howorow bestellt ein paar Teller Pelmeni, dann erzählt er seine Geschichte.
Er stammt aus Sewastopol, einer Hafenstadt auf der Krim. Seine Mutter war Sportlehrerin, sein Vater fuhr als Schiffsmechaniker zur See. Als Howorow fünf Jahre alt war, begann der Vater zu trinken. Er wurde aggressiv, »eine unkontrollierbare Bestie«. Die Mutter floh mit dem Sohn in eine Stadt im Norden Russlands, wo der Vater sie nicht finden konnte.
Howorow wuchs in Russland auf, in einer Schule, in der es hieß: Wir sind eine Großmacht, wir haben die Deutschen besiegt, wir sind etwas Besseres. Howorow konnte mit Militarismus wenig anfangen. Er spielte Eishockey, später schwamm er. Mit neun setzte er sich das Ziel, der beste Schwimmer der Welt zu werden.
