Als um 17.59 Uhr die Verlesung seines Urteils beginnt, faltet Egisto Ott die Hände. Im dunklen Anzug mit schwarzem Hemd wirkt er wie der Teilnehmer einer Trauerfeier. Von der braun gestrichenen Anklagebank blickt der Mittsechziger mit starrer Miene zu den Plätzen der acht Geschworenen hinüber. Dort redet sich die Sprecherin des Gremiums nach wenigen Minuten heiser. Das Beamtendeutsch klingt trocken, die Materie ist spektakulär. Das Verfahren am Landesgericht für Strafsachen Wien ist wohl der wichtigste Prozess des Jahres in Österreich.
Ott, der Polizeibeamte aus Kärnten und ehemalige Mitarbeiter des damaligen Bundesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT), sieht sich einer Fülle von Vorwürfen gegenüber. Es geht etwa um illegal abgefragte Personendaten , um Amtsmissbrauch, Bestechung und Bestechlichkeit. Es geht um durchgestochene Informationen an einen langjährigen Vertrauten von FPÖ-Chef Herbert Kickl.
Die schwerste Beschuldigung aber lautet: Spionage für Russland. Ott soll Handlanger der Zelle um Jan Marsalek gewesen sein – jenes abgetauchten Wirecard-Managers und Millardenbetrügers, den der SPIEGEL als russischen Agenten enttarnt hat. Otts Verbindung nach Moskau lief der Anklage zufolge über ein Spionagenetzwerk. Neben Marsalek spielte darin auch eine Gruppe von Bulgaren eine Rolle, die in London als Teil eines Agentenrings des Kreml verurteilt wurden.
