Italiener gelten als Meister der Dramaturgie. Dass auch dieses Klischee manchmal zutrifft, lässt sich am Mittwoch in Wiesbaden erleben. Im Kongresszentrum der hessischen Kurstadt haben sich gut tausend Aktionäre der Commerzbank zur Hauptversammlung versammelt, womöglich der letzten, denn das Institut aus Frankfurt am Main droht vom Konkurrenten UniCredit aus Mailand geschluckt zu werden. Seit eineinhalb Jahren wehrt sich Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp zunehmend verzweifelt gegen die Attacke aus dem Süden; die Italiener unter ihrem angriffslustigen Chef Andrea Orcel wiederum schreiten unbarmherzig voran.
Die Sache spitzt sich seit Wochen zu. Wie sehr zeigt sich just in dem Moment, als Aufsichtsratschef Jens Weidmann, der frühere Bundesbankpräsident, die Hauptversammlung mit länglichen Ausführungen zum Prozedere eröffnet – und die Meldung hereinplatzt, dass die Italiener angeblich bereits direkt und indirekt 42 Prozent der Commerzbank-Aktien halten. Gestreut wird die Meldung über die Website der italienischen Wirtschaftszeitung »Il Sole 24 Ore«, die sich wiederum auf Berechnungen einer anderen italienischen Bank stützt.
Ob die Zahl stimmt und ob womöglich Orcel selbst hinter dem zeitlich perfekt platzierten Nadelstich steckt, ist unklar. Denkbar ist es: Der UniCredit-Chef ist ein in der Wolle gefärbter Investmentbanker alter Schule, der alle Tricks und Kniffe kennt, um Gegner zu verunsichern. Seine Strategie changiert zwischen brutalen Verbalattacken auf die Commerzbank und Schmeicheleien, um deren Aktionäre zu umgarnen. Denn die sollen ihre Commerzbank-Anteile in die der UniCredit eintauschen, das entsprechende Angebot läuft bis 16. Juni.
