Am 31. Juli 2001 fanden Passanten in Frankfurt eine Leiche, die im Main trieb. Schnell stand fest, dass es sich um eine Jugendliche handelte, die offenbar zu Tode gequält worden war. Ihr Leichnam war mit weißen Textilbändern verschnürt worden, die in Pakistan und Afghanistan als Gürtel verwendet werden.
Doch fast ein Vierteljahrhundert blieb unklar, wer die Tote war. Am Montag dieser Woche verkündeten das hessische Landeskriminalamt und die Frankfurter Staatsanwaltschaft einen Durchbruch: Das »Mädchen im Main« sei identifiziert. Es handelt sich den Ermittlern zufolge um die damals 16-jährige Diana S. aus dem nahen Offenbach. Ihr mutmaßlicher Mörder wurde festgenommen. Es soll ihr Vater ein, ein heute 67-jähriger pakistanisch-stämmiger Deutscher, der nun in Untersuchungshaft sitzt.
Noch sind viele Fragen offen: Wurde Diana S. damals nicht vermisst gemeldet? Warum wurde sie offenbar nie mit der Toten im Main in Verbindung gebracht? Weshalb rückte der Vater erst spät in den Blick der Ermittler? Eins aber steht fest: Bei der Lösung des Falls spielte die internationale Fahndungskampagne »Identify Me« (»Erkenne mich«) eine zentrale Rolle. Dadurch gab es, so die Ermittler, entscheidende Hinweise auf Diana S. Details nannten die Ermittler nicht.
Impuls der niederländischen Polizei
»Identify Me« wurde 2023 von der niederländischen Polizei initiiert. Anlass sei die Vermutung gewesen, so berichtete es die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« , dass es sich bei unbekannten weiblichen Leichen vermutlich oft nicht um Einheimische handele. Daher seien die Niederländer auf ihre Nachbarn Deutschland und Belgien sowie die internationale Polizeibehörde Interpol zugegangen. Gemeinsam startete man die Kampagne grenzüberschreitend. Dass es nur um weibliche Tote ging, erklärten die Ermittler damit, dass Frauen von Gewalt und Ausbeutung »überproportional betroffen« seien.
Zunächst ging es um 22 Fälle (sechs aus Deutschland) mit unbekannten weiblichen Opfern; ein Jahr später kamen 25 Fälle hinzu, dieses Mal auch aus Frankreich, Italien und Spanien. Darunter auch der Fall Diana S. aus Frankfurt am Main.
Damit ein solcher Cold Case in die Kampagne aufgenommen werden konnte, hätten mehrere Kriterien erfüllt sein müssen, teilte das Bundeskriminalamt (BKA) dem SPIEGEL mit. Das BKA koordiniert die deutschen Fälle der Kampagne. Berücksichtigt wurden demnach ausschließlich Fälle nicht identifizierter weiblicher Leichen (Todesjahr ab 1980), bei denen von einem Gewaltverbrechen ausgegangen werden konnte. Hinzu kamen weitere Kriterien – etwa ob eine Gesichtsrekonstruktion möglich war, ob individuelle Wiedererkennungsmerkmale vorlagen (DNA, Tätowierungen, Zahnschemata), ob es internationale Bezüge gab.
