Der Tag, an dem sich Annette Ditterts Lebensgefühl in Großbritannien änderte, war der Tag nach dem Brexit. Sie kehrte nach einem ARD-Einsatz in Edinburgh auf ihr Londoner Hausboot zurück und sah einen Eimer voller Tulpen auf dem Deck. Darin eine Karte: »Please don’t go!« Sie sagt: »Da habe ich erst verstanden, dass ich in den Augen der Briten nun nicht mehr dazugehörte.« Knapp mehr als die Hälfte hatte für den EU-Austritt gestimmt.
Als Dittert, 63, vom Juni vor zehn Jahren erzählt, sitzt sie im Bauch ihres rotgrünen Stahlkahns »Emilia« auf dem Regent’s Canal und ist immer noch berührt. Sie ist geblieben und hat seit Kurzem zusätzlich die britische Staatsbürgerschaft. Als ARD-Korrespondentin und -Autorin begleitete sie bis Ende vergangenen Jahres die politischen Irrungen und Wirrungen von sieben Premierministerinnen und -ministern. Als – wenn man so will – die öffentlich-rechtlich bestellte Brexit-Erklärerin.
Die Zeit vor dem Austritt erscheint ihr nun wie eine andere Ära, »die Art und Weise, wie sich Großbritannien seitdem gewandelt hat, ist enorm«. Das Land sei zerrissener als zuvor, die alten Parteien am Boden, der angerichtete Schaden riesig.
Nach dem vergangenen Winter, in dem die Welt in neue Kriege und Krisen verwickelt wurde, wirke das Leben auf der Insel so zerbrechlich wie noch nie. »Ohne den Schutzschirm der EU sind die Briten auch außenpolitisch isoliert und geschwächt wie selten zuvor«, schreibt Dittert in ihrem gerade erschienenen Buch »Dear Britain«.
Unter der Winkehand von Queen Elizabeth
Draußen duftet Jasmin, gelbe Rosen strahlen gegen einen schmutzig-grauen Himmel an. Annette Dittert hat ihre »Emilia« gerade erst nach einem Werftbesuch zurück nach London geholt und in der Bootskolonie vertäut. In einem Regal hinter ihrem Arbeitsplatz hält eine Queen-Elizabeth-Figur in Rosa unerschütterlich die Winkehand erhoben. Der Anblick ist bekannt aus Ditterts Instagram-Videos .

