SPIEGEL: Herr Schöllhorn, alle reden von europäischer Souveränität, doch das vielleicht wichtigste paneuropäische Rüstungsvorhaben, das Kampfjetprojekt FCAS (Future Combat Air System), steht vor dem Scheitern. Kann Europa so verteidigungsfähig werden?
Schöllhorn: Ich glaube nicht, dass FCAS vor dem Scheitern steht. Das System besteht nicht nur aus dem Kampfjet, sondern hat sieben Pfeiler, dazu gehören unbemannte Flugkörper und die sogenannte Combat Cloud. Eine Software, die alle Teile des Kampfsystems digital miteinander vernetzt. Im Moment funktioniert die Kooperation nur bei einem Pfeiler nicht. Deshalb müssen wir auch über Alternativen zu einem gemeinsamen Flugzeug nachdenken.
SPIEGEL: Friedrich Merz will, dass Deutschland die stärkste konventionelle Armee Europas aufbaut. Verschreckt er damit womöglich europäische Partner?
Schöllhorn: Die Aussage des Bundeskanzlers reflektiert für mich den Wunsch der meisten Länder, dass Deutschland gemäß seiner Wirtschaftskraft mehr leistet als in der Vergangenheit. Und sie impliziert zweierlei. Erstens: Die nukleare Abschreckung überlassen wir anderen. Zweitens wird Deutschland keine Alleingänge unternehmen, sondern andere Länder mitnehmen. Vielleicht nicht in jedem Projekt, aber immer mit dem Ziel einer kollektiven Verteidigung.
SPIEGEL: Die Aufrüstung erfolgt im Moment überwiegend national. Sehen Sie die Gefahr, dass Europa militärisch auseinanderdriftet?
Schöllhorn: Wir sehen eine starke Betonung auf rein nationalen Champions. Airbus ist das Gegenmodell. Wir können national spielen, aber zugleich europäisch. Das ist unser Angebot an Europa. Ich kämpfe und werbe dafür, dass man nicht nur in nationale Reflexe zurückfällt.

