SZ 05.05.2026
11:44 Uhr

Snooker-WM: Der Weltmeister, der sich ein Bett mit seinem Vater teilte


Als Jugendlicher wagte der Chinese Wu Yize den Sprung nach England, lebte in ärmlichen Verhältnissen – jetzt ist er Weltmeister, mit gerade 22 Jahren. Und beeindruckt die Konkurrenz mit seiner Coolness.

Snooker-WM: Der Weltmeister, der sich ein Bett mit seinem Vater teilte

Der finale Frame lief, nur noch wenige Kugeln waren zu spielen, und als ob es noch eines Beweises seiner Coolness bedurfte, beging Wu Yize einen Fehler. Der Chinese verstellte sich selbst den Laufweg auf die von ihm favorisierte rote Kugel, Pink blockierte die Bahn, die rote Kugel war nicht mehr spielbar. Ein ordentliches Malheur auf diesem Niveau, und das im wichtigsten Match seiner jungen Karriere.

Doch was machte Wu Yize? Wählte eine deutlich schlechter platzierte Rote. Sogar eine, die nur via Hilfsqueue in dünnem Winkel anspielbar war, was ein erhebliches Risiko darstellte. Doch er lochte die rote Kugel in die rechte untere Tasche, als befinde er sich in einer lockeren Trainingssession – und nicht in der elften Stunde eines nervlich extrem fordernden WM-Endspiels.

Warum sind die älteren Spieler immer so gut bei Snooker-Weltmeisterschaften? Auch Shaun Murphy zeigt, dass diesmal mit ihm zu rechnen ist.

Ob der Chinese überhaupt fähig ist, so etwas wie Aufregung zu verspüren, ließ sich in diesen Tagen in Sheffield nicht endgültig ergründen. Der Verdacht, dass Wu Yize etwaige Gefühlsregungen per Knopfdruck ausschalten kann, drängte sich aber auf. Was hatte er im Turnierverlauf für prekäre Situationen gemeistert; waghalsige Bälle gespielt, bei denen andere Profis längst per Safety, einem sicher abgelegten Ball, ausgestiegen wären. Fast immer wählte Wu Yize die offensive Variante. Lochte, was zu lochen war, mit Vorliebe Bälle über den ganzen Tisch hinweg. Taktische Defizite im Breakbuilding wusste er so immer wieder zu kaschieren.

Jetzt ist er Weltmeister, mit erst 22 Jahren. Es ist der zweite Titel eines Chinesen hintereinander, nach dem Premierenerfolg von Zhao Xintong vor einem Jahr, und ein überraschender: Nur von Setzlistenposition zehn aus war Wu Yize ins Turnier gestartet, doch weder der viermalige Weltmeister Mark Selby im Achtelfinale, noch Mitfavorit Mark Allen im Halbfinale konnten ihn stoppen. Auch Shaun Murphy nicht, der das Finale denkbar knapp 17:18 gegen den Chinesen verlor.

Dass da ein Spieler kommt, der die Weltspitze aufmischen würde, war seit Längerem klar. Viele große Spieler, die gegen den jungen Chinesen antraten, waren angetan von seinem Spiel. Ronnie O’Sullivan sah in ihm eine „dynamische Version“ des sechsmaligen Weltmeisters Steve Davies. John Higgins fühlte sich an den „späten, großartigen Paul Hunter erinnert“. Hunter, das war ein aufkommender Star der Snookerszene, der 2006 viel zu früh mit 27 Jahren starb. Shaun Murphy sah in Wu Yize schon vor einigen Monaten einen kommenden Weltmeister. Jetzt, nach der Finalniederlage, fügte er mit gespielter Empörung hinzu: „Ich hasse es, recht zu haben.“

Dabei schien der Weg zum Weltmeistertitel in den Anfangsjahren zunächst weit. Wu Yize setzte früh alles auf den Sport, mit 16 Jahren siedelte er zusammen mit seinem Vater nach England über, schlief mit ihm in einer kleinen, fensterlosen Wohnung im einzigen Bett. Jeder Cent wurde in die Karriere des Sohnes investiert, jahrelang ließen die Erfolge auf sich warten. „Meine Eltern sind die wahren Helden“, sagte er nun mit dem WM-Pokal in der Hand: „Seit ich mich entschieden habe, die Schule abzubrechen, steht mir mein Vater zur Seite“, sagte Wu Yize. Seine Gedanken gingen auch an seine Mutter, die von Krankheit gezeichnet weiterhin in China lebt: „Sie hat in den letzten Jahren viel durchgemacht. Sie sind meine Kraftquelle. Ich liebe sie so sehr.“

Wu Yize galt nicht gerade als Wunderkind, ein früherer Trainer hatte ihm noch erhebliche technische Defizite attestiert. „Sein Arm sank beim Ausholen ab und sein Handgelenk bewegte sich beim Durchschieben des Queues“, erklärte Roger Leighton gerade dem Independent. Überhaupt hätte Wu Yize große Probleme mit längeren Breaks und der Konstanz gehabt.

Davon war in diesem WM-Finale nichts mehr zu spüren. Es war das erste Endspiel seit 2002 (Peter Ebdon gegen Stephen Hendry), das über die volle Distanz von 35 Frames ausgetragen wurde. Beide schenkten sich nichts, erst ging Yu Wize 3:0 in Führung, dann holte sich Murphy fünf Frames in Serie, ehe der Chinese wieder eine Strecke von vier siegreichen Frames hinlegte. Auch Murphy wäre ein würdiger Weltmeister gewesen in diesem jederzeit hochklassigen Duell. Der Brite verpasste dabei die Chance, sich 21 Jahre nach seinem ersten Titel zum zweiten Mal zum Weltmeister zu krönen. Ihm blieb nur, Wu Yize zu beglückwünschen.

Dieser sei „ein wundervoller Weltmeister“, sagte Murphy: „Herzlichen Glückwunsch an Wu, seine Familie und jeden um ihn herum.“ Auch seine eigene Leistung ordnete Murphy ein. „Ich war so nah dran“, sagte der Brite: „Ich hätte nicht mehr geben können, ich hätte es nicht noch mehr versuchen können.“

Mit Wu Yize ist das Snooker definitiv um eine Attraktion reicher, und es scheint, als ziehe er spektakuläre Momente magisch an. Im Halbfinale gegen Mark Allen gewann er den längsten Frame, den es je bei einer Weltmeisterschaft zu bestaunen gab, in unglaublichen 100 Minuten. Später stand er mehr als knapp vor dem Aus, ehe Allen eine gar nicht wirklich komplizierte schwarze Kugel vom Spot verschoss und Wu Yize doch noch einmal an den Tisch kam.

Ganz kühl, ohne jede Regung, entriss er Allen das Match. Als wäre Druck eine Vokabel, die in seinem Wortschatz einfach nicht existiert.

20 Monate war der Chinese Zhao Xintong wegen seiner Beteiligung am großen Snooker-Manipulationsskandal gesperrt. Jetzt holt er souverän den WM-Titel – und die kritischen Stimmen verstummen.

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