SZ 30.07.2026
09:42 Uhr

SZ-Serie: Wie hast du dich verändert: Der Untergang der Welt, vom Liegestuhl aus betrachtet


1975 veröffentlichen „Supertramp“ ihr Album „Crisis? What Crisis?“ und zeigen auf dem Cover einen Urlauber in der Apokalypse. Im Juli 2026 inszeniert die Wirklichkeit das gleiche Bild noch einmal. Wie hast du dich verändert, Mensch in der Krise?

SZ-Serie: Wie hast du dich verändert: Der Untergang der Welt, vom Liegestuhl aus betrachtet

Man kann es so erzählen, dass die ersten beiden Alben der britischen Band Supertramp kommerziell gescheitert waren, das dritte aber ein riesiger Erfolg wurde, worauf die Plattenfirma das vierte Album unverzüglich hinterher schießen wollte. Um die Welle jetzt zu reiten. Man kann es so erzählen, dass Supertramp nach einer langen, ausverkauften Tour sofort ins Aufnahmestudio dackelten, ohne Material, ohne den Hauch einer Idee, und dem Sänger Roger Hodgson zufolge lernten, „wie man ein Album nicht macht“. Der zweite Frontmann Rick Davies soll in einem Hinterraum des Studios dann den Satz „Crisis? What Crisis?“ auf einen Zettel gekritzelt haben, was natürlich blanker Zynismus war und 1975 der Albumtitel wurde.

Auf dem Cover sitzt ein Mann in Badehose unter einem orangen Sonnenschirm. Er hat die Hände bequem über dem Bauch verschränkt, einen Drink, ein Radio und die Zeitung in Griffweite, während sich um seine Insel in Technicolor ein schwarz-weißes Wasteland erstreckt: rauchende Industrieschlote, geduckte Arbeiterhäuser, Kiesbrache. Wegen der Sonnenbrille kann man seinen Gesichtsausdruck nicht wirklich erkennen, aber alles in allem wirkt er sehr gelassen. Krise? Welche Krise?

Man kann es andererseits auch so erzählen:

Das Jahr 1975. Die Luftverschmutzung durch Kohlekraftwerke und Schwerindustrie hat in Europa und Nordamerika nie gekannte Ausmaße erreicht. Flüsse sind vergiftet, vom „Waldsterben“ ist die Rede, über den Großstädten liegt der Smog. Der Artenschwund wird spürbar: Großer Panda, Sibirischer Tiger und Berggorilla sind nur noch vereinzelt vorhanden, der Wanderfalke ist durch den Einsatz des Pestizids DDT nahezu ausgelöscht. Der Klimaforscher Wallace Broecker schreibt einen Artikel, in dem er den Begriff „global warming“ verwendet und einen Zusammenhang mit dem Ausstoß von Treibhausgasen herstellt. Drei Jahre zuvor hat der Club of Rome seinen Bericht über die Grenzen des Wachstums veröffentlicht.

Hätte die Menschheit 1975 wissen können, was passieren würde? Aber ja doch, das hätte sie.

Es geschah dann auch nicht nichts. Der saure Regen ist heute weitgehend vorübergezogen, in den meisten Flüssen kann man wieder schwimmen, der Wanderfalke – um nur ein Beispiel zu nennen – ist nicht mehr vom Aussterben bedroht, weltweit nicht einmal mehr gefährdet. Darin steckt eine frohe Lektion: dass der Mensch seine globalen Verheerungen durchaus wiedergutmachen kann, wenn er das nur wirklich will und bereit ist, die erforderlichen Maßnahmen auch durchzuziehen. Und da hapert es. Da hapert es leider ganz gewaltig.

Im Großen und Ganzen hat sich die Menschheit, um zu Supertramp zurückzukehren, nämlich dafür entschieden, inmitten des von ihr angerichteten Kladderadatschs einen Liegestuhl und ein Sonnenschirmchen aufzustellen und das Ganze mal schön wegzublinzeln. Auf „Crisis? What Crisis?“ (das an den Erfolg des Vorgängeralbums übrigens nicht anknüpfen konnte) gibt es einen todtraurigen Song, „A Soapbox Opera“ heißt er. Darin diese beiden Zeilen: „I hear only what I want to hear / But I have to believe in something“. Ich höre nur das, was ich hören möchte. Aber ich muss ja an irgendetwas glauben.

An dieser Stelle ein Ausflug in die Sozialpsychologie: Es ist nämlich so, dass das menschliche Gehirn die Wirklichkeit nicht einfach abbildet, es liefert vielmehr eine Interpretation der Wirklichkeit, die sich an menschlichen Grundbedürfnissen orientiert. Es sind dies unter anderem: Sicherheit, Kontrolle, Normalität. Das Gute daran ist, dass der Besitzer des Gehirns womöglich nicht weiterlaufen könnte auf seinem Lebensweg, wenn er nur noch Sackgassen vor sich sähe. Das Schlechte daran ist, dass die Sackgassen dort bleiben, wo sie sind.

Sagen wir so: Wenn der Präsident des mächtigsten Landes der Welt Tag für Tag für Tag die Regeln des Anstands und der Mitmenschlichkeit bricht, dann halten wir das, um nicht durchzudrehen, irgendwann für Normalität. Wenn sich eine rechtsextreme Partei wieder anschickt, in Deutschland zu regieren, dann stellen wir uns die Konsequenzen lieber nicht so genau vor, sondern glauben mal, dass es so schlimm schon nicht kommen wird. Und wenn das Problem des Klimawandels eine Größe und Komplexität erreicht hat, die wir gedanklich nicht mehr überreißen können, dann denken wir es uns eben klein. Überhaupt: Wenn die 38-Grad-Tage und die Hochwasser-Szenarien wieder vergangen sind, was sie doch immer vergleichsweise zügig tun, und wir aus unserem Liegestuhl in der Sonne wieder aufschauen – dann geht doch alles seinen gewohnten Gang. Nicht wahr?

All das, ob genau so gemeint oder eher zufällig hineingerutscht, steckt im Cover des Supertramp-Albums. Das ist der Grund, warum es heute nicht nur als eines der ikonischsten, sondern auch der prophetischsten Cover der Rockgeschichte gilt.

Jedenfalls vergeht nach „Crisis? What Crisis?“ ein halbes Jahrhundert, in dem nicht nichts, aber viel zu wenig geschieht. Und dann passiert etwas ganz und gar Aberwitziges.

Am 24. Juli 2026 inszeniert die Wirklichkeit das gleiche Motiv noch einmal. Es ist nicht, wie damals von den Grafikdesignern Fabio Nicoli, Paul Wakefield und Dick Ward, aus zwei analogen Fotos zusammengebastelt worden. Es ist auch nicht durch einen besonders hintersinnigen KI-Prompt entstanden. Sondern es entsteht, weil ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP, wie mehr als 200 000 andere Menschen auch, in seinem Urlaub im Südwesten Frankreichs vor der Feuerwalze der Waldbrände in Sicherheit gebracht worden ist und nun an der Plage du Moutchic spazieren geht. Maximilien Lamy hat nur sein Handy dabei, aber das reicht.

Auf dem Foto, das unverzüglich um die Welt rast, ist wieder ein oranger Sonnenschirm aufgespannt. Darunter sitzen zwei Menschen, um sie herum in Griffweite: Badetasche, Badelatschen, Sonnenhut, Bodyboard. Lamy hat sie von hinten aufgenommen, wir sehen also nicht ihre Gesichter. Aber wir sehen, was sie sehen. Über das Strandidyll und den ruhig daliegenden Badesee Étang de Lacanau hinweg spannt sich wie in einem Katastrophenfilm von Roland Emmerich eine riesige, rauchgraue, an den Rändern schwefelgelb eingefärbte Feuerwolke. Ob die Frau auf ihrem Handy gerade durch Instagram scrollt? Oder macht sie ein Foto, das sie als Urlaubsgruß an die Lieben daheim verschicken wird? „Stellt euch vor, wo wir gerade sind ...!“ Beides ist gleichermaßen unerträglich. Denn dies, daran kann es beim Betrachten des Fotos keinen Zweifel geben, ist die Apokalypse. Die Abfackelung der Welt, wie wir sie kannten.

Und jetzt? Noch einmal in Supertramps „A Soapbox Opera“ hineingehört, wo sich auch diese Zeilen finden: „May you not stand still / For the night is coming.“ Bleib nicht stehen, denn die Nacht bricht herein. Das ist streng genommen uneindeutig: Denn wer im Angesicht der Krise nicht stehenbleibt, der hat immer noch die Wahl zwischen zwei Richtungen. Aber wäre es nicht großartig, obwohl es unserem Bedürfnis nach Sicherheit, Kontrolle, Kontinuität zuwiderläuft, wenn wir uns diesmal bis an die Zähne bewaffnen, den Liegestuhl wegräumen und der Krise entgegentreten? Weil Weglaufen, wie wir sehr genau wissen, keine Option mehr ist?

Alle Folgen unserer Serie können Sie hier nachlesen.

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