SZ 27.05.2026
15:10 Uhr

Management: Chief of irgendwas


Im Siemens-Konzern sollen viele Manager im Zuge eines Großumbaus ihren Cheftitel verlieren. Zeit wird’s.

Management: Chief of irgendwas
Wie sollen sich eigentlich all die ehemaligen Chefinnen und Chefs jetzt auf Linkedin nennen? Annette Riedl

Wer eine ungefähre Ahnung davon bekommen möchte, wie viele Chefs es inzwischen auf dieser Welt gibt, muss nur mal etwas tiefer bei Linkedin eintauchen. In dem sozialen Netzwerk für alles rund um Kontakte und Karrieren ist jeder irgendwie ein Chef, und wenn auch nur von sich selbst. Vom obersten CEO (Chief Executive Officer) über die CFOs (Chief Financial Officer) bis weiter runter zu all den anderen vielen kleineren und größeren Chefinnen und Chefs. Chief Digital Officer, Chief Diversity Officer, Chief Digital Evangelist. Letzterer wiederum ist, auch wenn das jetzt irgendwie naheliegen könnte, eben nicht für die Verbreitung des christlichen Glaubens im Betrieb zuständig, sondern für KI und solche Dinge.

Ein Evangelist des Internets sozusagen.

Einerseits klingt es natürlich wunderbar beeindruckend, wenn man Chef von irgendetwas ist, also ein Chief of something. Allerdings kann es mit diesen Cheftiteln dann wiederum auch nicht so weit her sein, wenn jetzt jeder so einen hat. Ganz zu schweigen von der Frage, wer dann am Ende noch übrig bleibt, um die ganze Arbeit zu erledigen.

Nun ist es mit diesen Cheftiteln so, dass man sie nicht nur vergeben kann. Man kann sie auch wieder wegnehmen, was aber weitaus schwieriger ist. Wie das in der Praxis gehen kann, macht Siemens gerade vor, und zwar in ganz großem Stil.

Bei dem Münchner Unternehmen arbeiten mehr als 300 000 Menschen weltweit, und man kann sich ungefähr vorstellen, wie viele davon ein Chief of something sind. Im Zuge eines groß angelegten Konzernumbaus (typischerweise ein Fall für die oder den Chief Restructuring Officer) sollen es aber weitaus weniger werden. Das Siemens-Programm mit dem Namen „One Tech Company“ gilt als eine der größten Umbauarbeiten des betagten Industriekonzerns. Dabei werden etliche Aufgabenbereiche zusammengelegt, vor allem auch Technologie-Einheiten. Es geht also um eine Verschlankung des Unternehmens, bei der Tausende Menschen hin- und herbewegt werden. Und um eine gute Gelegenheit, bei dieser Aktion auch gleich mal Hunderte Cheftitel in Europa, den USA und Asien umzubenennen.

In München will man diese Chef-Pläne nicht kommentieren. Aus Siemens-Kreisen war jedoch zu erfahren, dass es künftig durchaus weit weniger solcher Titel im Konzern geben werde. Allerdings gehe es bei dieser Diskussion zurzeit vor allem um eine „semantische Frage“. Die Menschen würden in der Regel ja nicht ihre Jobs verlieren, sie würden häufig nur andere Aufgaben im Unternehmen übernehmen. Auch verdienten sie nun nicht automatisch weniger. Sie sind halt nur nicht mehr Chef. „Es ist ja nicht so, dass man keine Rolle mehr hat, nur weil das C aus dem Titel gefallen ist“, sagt einer.

Gerade das fehlende C aber könnte natürlich noch zu einigen Diskussionen führen. Im Zeitalter von Linkedin und anderen Kanälen, in dem es ja vor allem auf sprachliche Finessen, also auf die Semantik ankommt, kann man vieles mit sich machen lassen. Mehr Arbeit, andere Arbeit, wenn es sein muss, auch weniger Arbeit. Alles okay. Aber den Cheftitel abgeben? Die eigentliche Frage, die sich stellt, ist doch die: Wie sollen alle diese Chefs, die fortan im eigentlichen Sinne keine Chefs mehr sind, sich künftig selbst auf Linkedin nennen?

Lesen Sie mehr zum Thema

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: