SZ 24.03.2026
13:10 Uhr

Kunst: Erst kam Monet, dann Netflix


Das Städel erzählt in einer außergewöhnlichen Ausstellung, wie die Felsen von Étretat zum ikonischen Motiv französischer Kunst wurden – und was dann mit dem windschiefen Fischerdorf geschah.

Kunst: Erst kam Monet, dann Netflix
Eine Küste als Mythos: Claude Monets „Étretat. Die Felsnadel und das Felsentor von Aval“ (1885). The Clark Art Institute

Es ist wirklich erstaunlich, wie sich mit drei Felsbögen im Meer und einer Kalksteinspitze sowohl die Kulturgeschichte wie die Kunstgeschichte Europas der letzten 240 Jahre erzählen lässt. Und das, obwohl auf den meisten der 170 Bilder im Frankfurter Städel immer das Gleiche zu sehen ist: ein knapp vier Kilometer langer Küstenabschnitt in der Normandie rund um das ehemalige Fischerdorf Étretat. Die steilen Kreidefelsen mit ihren langen Rüsseln in den Ärmelkanal und ihren spektakulär gerahmten Durchblicken sind ein besonderes geologisches Schauspiel. Aber anders als an der Côte d’Azur würde man dort, im windigen, nassen und kalten Atlantikklima, nicht die versammelten Kulturgrößen der Grand Nation erwarten.

Wie man sich täuschen kann: Victor Hugo, Guy de Maupassant und Gustave Flaubert bis hin zu Maurice Leblanc, dem Autor der Erfolgsromane um den Meisterdieb Arsène Lupin, schätzten den Ort als literarischen Schauplatz. Jacques Offenbach baute sich in dem Dorf, zu dem bis Mitte des 19. Jahrhunderts nicht einmal eine Straße führte, eine prächtige Villa, wohin er regelmäßig zu rauschenden Partynächten lud. Doch es waren vor allem französische Nationalmaler wie Delacroix, Courbet, Corot, Vallotton und schließlich Matisse, die für den Ruhm von Étretat verantwortlich sind. Seit 1830 lieferten sie sich einen kontinuierlichen Kampf um das beste Bild von Aiguille und Porte d’Aval, Manneport und Porte d’Amont, den vier skurril geformten Natur-Monumenten.

Keiner war jedoch in dem windschiefen Dorf mit den tief reichenden Strohdächern so produktiv wie der titelgebende Maler von „Monets Küste“, wie die außergewöhnliche Ausstellung im Frankfurter Städel heißt.

Rund 80 Bilder sind von Claude Monet aus Étretat bekannt. Tatsächlich entdeckte der später als Seerosen-Maler unsterblich gewordene Impressionist in der weiten Bucht an der Alabaster-Küste das Prinzip der Serie. Mit einem Haufen Dorf-Kinder im Schlepptau, die ihm Leinwände trugen, kraxelte er die steilen Klippen rauf und runter, immer verschiedene Motive in Arbeit, die unterschiedliche Licht- und Wetterstimmungen betrafen. Im Hauptraum der Ausstellung sind einige dieser effektvollen Varianten zusammengestellt, ergänzt um ein großes Bild, das seine Familie beim Frühstück zeigt. 1869 hatte Monet ein Haus in Étretat gemietet und dort diese Genre-Szene gemalt.

Begonnen hat die künstlerische Erfolgsgeschichte von Étretat aber tatsächlich mit Reklame. Die Lust der Franzosen, Austern zu schlürfen, hatte einen windigen Unternehmer Ende des 18. Jahrhunderts in das arme Dorf zwei Tagesreisen mit der Postkutsche von Paris entfernt geführt, um dort Muschelfarmen anzulegen. Um Werbung für seine Unternehmung zu machen, bestellte er den Maler Alexandre Jean Noël vor Ort, der hier 1786 das erste Aquarell des großen Bogens mit Felsspitze schuf, das bald danach in Stichen rege Verbreitung fand. Der Sehnsuchtsanblick war erzeugt.

Von hier aus entwickelte sich mit zunehmendem Tempo eine Nachfrage nach den Motiven, die Pariser Kunsthändler bis ins 20. Jahrhundert dazu trieb, ihre Maler (alles Männer) nach Étretat zu schicken. Auch Monet wurde hierher von seinem Galeristen beordert, damit beide Geld verdienten. Aber er kam dann auch gerne immer wieder in das Künstlerhotel Blanquet am Strand, aus dessen Fenstern sich auch sehr geruhsam das fabelhafte Panorama in immer neuen Farbvarianten auf die Leinwand setzen ließ.

Das pittoreske Pathos der bis zu 100 Meter hohen Naturarchitektur, das so gut zum romantischen Terminus des „Erhabenen“ passte, also zu der Idee vom überwältigend Bedrohlichen, bestimmte anfänglich die künstlerische Wiedergabe der normannischen Abbruchkante. Aber in der gärenden Rivalität der Künstlergenerationen entstanden auch bald Motive, die zwar in Étretat gemalt wurden, aber dabei keine Spur von der ortstypischen Küstenlandschaft und ihrer titanischen Wucht mehr zeigten.

Vor allem Gustave Courbet schuf hier 1869 seine berühmten finsteren Wellen-Porträts, die inspiriert waren von einem aufziehenden Wirbelsturm, den er dort erlebte. Diese kommerziell erfolgreichste Serie von Courbet, die das Meer wie pure Gewalt und Warnung aussehen ließ, forderte wiederum seinen viel jüngeren Freund Monet heraus, der dasselbe Motiv der Ozeanwellen 1881 wie eine blühende Hecke aussehen ließ.

Aber es finden sich in dieser Ausstellung auch Wellenstudien des deutschen Étretat-Pioniers Johann Wilhelm Schirmer von 1836, auf denen das Meer so realistisch erscheint wie eine Fotografie. Auch Schirmers Detailbildnisse der Steinformationen nähern sich eher dem Anspruch von wissenschaftlicher Akkuratesse, wie sie wiederum Courbet später auch an den Kieselstränden des bereits als Seebad bekannten Étretats suchte.

In den drei Jahrhunderten, in denen Künstler und wenige Künstlerinnen die Steilküste im jeweiligen Stil ihrer Zeit in die Rahmen setzten, vom Klassizismus, der Romantik und dem Symbolismus bis zum Impressionismus und der Abstraktion, erschöpfte sich das Primärmotiv natürlich irgendwann. Doch genau jenen Bildern, die Felsen und Meer nur noch als Hintergrund verwendeten, verdankt diese Ausstellung ihre soziologische Reiselust. Den gravierenden Wandel in Ökonomie, Lebensstil und Architektur, den der Küsten- und Künstlerflecken infolge seiner ununterbrochenen Popularität durchmachte, erzählt diese Ausstellung mit Genrebildern sehr plastisch.

Es ist die Metamorphose einer unterm Wind geduckten Gemeinschaft armer Leute in einem Lebensraum, der dem Meer abgetrotzt werden musste, zu einem mondänen Seebad mit Fischer-Folklore, zu einem Villen-Ort, den die deutschen Truppen während ihres Kampfes am wüst errichteten Atlantikwall ruinierten, zu einer mittelhübschen Urlaubsdestination, in der 1200 Einwohner auf 1,5 Millionen Tagestouristen jährlich treffen.

Die Geschichte, wie die falsche Idylle des harten Überlebenskampfes sich über Epochen in eine Touristenbus-Routine verwandelt, kann kaum besser ausgemalt werden als durch diese Ausstellung. Die letzte Episode dieser touristischen Gezeiten hat schließlich Netflix geschaffen. Die Adaption der Meisterdieb-Romane von Maurice Leblanc über den Gentleman-Gauner Arsène Lupin, in dem die Felsnadel im Meer ein Schatzlager ist, spielte 2021 in einer entscheidenden Episode von „Lupin“ mit Omar Sy in dem Ort. Seither sind die Besucherzahlen so angestiegen, dass die Klippen gesperrt werden mussten. Monet könnte also heute nicht mehr an Monets Küste malen.

Monets Küste: Die Entdeckung von Étretat. Städel, Frankfurt. Bis 5. Juli.

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