SZ 22.03.2026
19:29 Uhr

Kommunalwahlen in Bayern: Freie Wähler knöpfen der CSU viele Landratsämter ab


Berchtesgadener Land, Rottal-Inn, Main-Spessart, Donau-Ries – die schwarze Karte der Landkreise erhält quer durch den Freistaat orangefarbene Flecken, FW-Kandidaten reüssieren. Der Abend sieht nach einem Triumph für Parteichef Hubert Aiwanger aus.

Kommunalwahlen in Bayern: Freie Wähler knöpfen der CSU viele Landratsämter ab
Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger (rechts) freut sich gemeinsam mit dem scheidenden Landshuter Landrat Peter Dreier. Foto: Robert Haas

Der Wahlabend beginnt für Hubert Aiwanger mit einem Dämpfer. Es ist kurz nach 18 Uhr, Aiwanger hat gerade im Sitzungssaal des Landshuter Landratsamts Platz genommen und tippt auf seinem Handy herum. „Schaut nicht gut aus“, sagt er. Seine Freien Wähler liegen laut der ersten Prognose unterhalb der Fünf-Prozent-Hürde, ihnen droht der Rauswurf aus dem Landtag in Rheinland-Pfalz.

Aber das dürfte an diesem Sonntag eine Randnotiz bleiben. Denn bei der zweiten Runde der bayerischen Kommunalwahl zeichnet sich kurz darauf ein Triumph für Aiwanger ab. Nicht nur hier in Landshut, wo die Freien Wähler seit 2014 den Landrat stellen, gelingt ein Erfolg des Landratskandidaten Alfred Holzner gegen seine CSU-Konkurrentin Claudia Geilersdorfer. Auch in den 23 anderen Landratsstichwahlen gegen die CSU liegen größtenteils die Freien Wähler vorn, selbst in traditionellen CSU-Hochburgen: Kelheim, Rottal-Inn, Straubing-Bogen, Donau-Ries, Berchtesgadener Land, Miesbach.

Um 18.30 Uhr stecken Aiwanger und sein Team erstmals die Köpfe zusammen, es wird herzhaft gelacht. Als könnten sie ihr Glück kaum fassen. Nach dem ersten Wahlgang vor zwei Wochen hatte Aiwanger etwas verfrüht von einem „flächendeckenden Siegeszug“ für seine Freien Wähler gesprochen. Am Sonntag sieht es tatsächlich danach aus. Wen kümmert in diesem Moment noch die verlorene Landtagswahl in Rheinland-Pfalz?

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Die 71 Landrätinnen und Landräte in Bayern genießen den Ruf „kleiner Könige“. So hat es Ministerpräsident Markus Söder (CSU) selbst öfter formuliert. Für die CSU ist die Dominanz bei diesen Königen Ausweis ihrer politischen Vormachtstellung im Land – wer hat das Sagen im Flächenland Bayern? Bis zum ersten Wahlsonntag dieser Kommunalwahlen zählte die CSU 53 Amtsinhaber. In 25 Landkreisen hat sich die Partei im ersten Durchlauf das Landratsamt gesichert, in sechs bislang CSU-geführten Kreisen wurden nicht gewählt. Ein deutlicher Erfolg bei den gut zwei Dutzend Stichwahlen mit Freie-Wähler-Kandidaten sowie sechs weiteren Stichwahlen zwischen CSU und Grünen beziehungsweise der SPD musste für Markus Söder also her, um den Machtstatus zu erhalten.

Die ersten Ergebnisse vom Stichwahlabend, kurz vor Ende der Auszählung, zeigen nun: Den Freien Wählern ist es offenbar gelungen, der CSU eine zweistellige Zahl an Landratsämtern abzunehmen. In vielen der 23 CSU-FW-Duelle ging Aiwangers Partei als siegreich hervor, quer durch den Freistaat. Sogar in Landkreisen wie Cham, wo vor sechs Jahren der oberpfälzische Bezirkstagspräsident Franz Löffler noch 67,5 Prozent für die CSU erreichte. Er trat diesmal nicht mehr an, es lag kurz vor Ende der Auszählung ein Freie Wähler vorn: Christian Schindler.

Im Berchtesgadener Land wird Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber als CSU-Kreisvorsitzende ihren Parteifreunden ein Debakel erklären müssen. Der Landkreis existiert in dieser Form seit 1972, und seither hat dort stets ein Landrat von der CSU regiert. Das hat sich am Sonntag geändert: Der FW-Landtagsabgeordnete Michael Koller lag von Beginn an mehr als deutlich vor dem bisherigen Berchtesgadener Bürgermeister Franz Rasp (CSU). Am Ende brachte es Koller auf fast zwei Drittel der Stimmen, Rasp kam über ein Drittel nicht hinaus. Ihm hatten Kaniber und ihr Kreisverband die Kandidatur vor sechs Jahren verwehrt und mussten ihn nun doch ins Rennen schicken, weil sie mit Amtsinhaber Bernhard Kern nicht mehr zufrieden waren.

Im Landkreis Miesbach war CSU-Amtsinhaber Olaf von Löwis aus freien Stücken nicht mehr angetreten, doch auch hier ist die Mehrheit für die Freien Wähler mehr als deutlich. Der bisherige Haushamer Bürgermeister Jens Zangenfeind (FW) kam auf mehr als drei Viertel der Stimmen und distanzierte seinen Schlierseer Amtskollegen Franz Schnitzenbaumer (CSU)  klar.

Schon im ersten Wahlgang hatte es einige Verschiebungen zwischen CSU und Freien Wählern gegeben: Etwa den Landkreis Kulmbach, wo der bisherige Landrat von den FW aufhörte, konnte die CSU mit mehr als 50 Prozent überraschend auf Anhieb hinzugewinnen. In Rhön-Grabfeld war es genau umgekehrt, die Freien Wähler ergattern dort im ersten Durchlauf einen bisherigen CSU-Landkreis.

Die Freien Wähler verdoppeln fast die Zahl ihrer Landräte. Aiwanger spricht von „deutlicher Stärkung in der Fläche.“ In Bamberg siegt überraschend die SPD, genauso wie in Augsburg. Die Entwicklungen im Liveblog.

Im Landshuter Landratsamt äußert sich Aiwanger kurz vor 19 Uhr erstmals zu den Ergebnissen der Stichwahl: Seinen Zahlen zufolge seien die Freien Wähler in 18 von 23 FW-CSU-Duellen vorn. „Ich bin sehr zufrieden“, sagt Aiwanger der SZ in nüchternem Ton, kann aber ein breites Lächeln kaum unterdrücken. Das Ergebnis bedeute „eine deutliche Stärkung in der Fläche. Das kann man gar nicht hoch genug einschätzen.“ Allein in Niederbayern erhöhe man die Zahl der Landräte von einem auf vier.

Die beiden Parteivorsitzenden Söder und Aiwanger waren vor den Stichwahlen noch einmal verstärkt im Einsatz in Bayern, um örtliche Kandidaten zu unterstützen. Daran, dass die CSU weiterhin die mit Abstand stärkste Kraft in Bayerns Kommunen ist, ändert der Wahlsonntag nichts. Die Karte der Landrätinnen und Landräte, färbt man sie nach Parteifarben ein, ist weiterhin überwiegend schwarz. Die orangefarbenen Tupfer der Freien Wähler sind aber jetzt deutlich mehr geworden. FW-Chef Aiwanger dürfte sich dadurch beflügelt sehen, auch für die Arbeit der Freien Wähler auf Landesebene. Schon nach dem ersten Wahlsonntag vor zwei Wochen hatte Aiwanger getönt: „Ich sehe das durchaus auch als Steilvorlage für die Landtagswahl in zwei Jahren.“

Anders als die „Landpartei“ Freie Wähler hat die CSU durchaus auch Erfolge in den kreisfreien Städten. Im bayernweiten Gesamtergebnis des Statistischen Landesamtes für die 96 Kreise und kreisfreien Städte rangieren die Freien Wähler trotz ihrer Erfolge bei Ämtern mehr als 20 Prozentpunkte hinter der CSU; übrigens und auch knapp hinter Grünen, SPD und AfD. Wobei das Ergebnis eine gewisse Unschärfe hat: Einige FW-Verbände wurden nicht zum Parteiergebnis hinzugezählt, weil sie zwar Teil der Freie-Wähler-Familie sind, aber unabhängig von der Partei. Zusammengerechnet sei man „deutlich auf Platz zwei“, sagt Aiwanger.

CSU-Chef Markus Söder wird sich voraussichtlich am Montag nach einer Schalte des Vorstands zu den Ergebnissen der Stichwahlen äußern. Erwartbar ist, dass nach der Schlappe um die Landratsämter die Sitzung nicht sonderlich harmonisch ausfallen wird.

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