SZ 13.10.2026
04:01 Uhr

IWF-Prognose: Die Weltwirtschaft trotzt den Schocks


Der Internationale Währungsfonds rechnet mit einem robusten globalen Wachstum, weil viele Staaten die Verwerfungen durch den Iran-Krieg gut kompensiert haben. So ganz geheuer ist den Ökonomen die vermeintlich stabile Lage aber selbst nicht.

IWF-Prognose: Die Weltwirtschaft trotzt den Schocks
Der IWF hat die Wachstumsprognosen für viele Industrieländer angehoben.
Coust Laurent/ABACA/picture alliance / abaca

War da was? Betrachtet man nur die nackten Zahlen, die der Internationale Währungsfonds (IWF) am Dienstagmorgen zum Auftakt seiner Jahresversammlung in der thailändischen Hauptstadt Bangkok veröffentlicht hat, dann könnte man für einen kurzen Moment auf die Idee kommen, es hätte auf der Welt zuletzt keine nennenswerten Krisen gegeben. Den neuen Prognosen zufolge wird die globale Wirtschaftsleistung in diesem und im nächsten Jahr inflationsbereinigt um voraussichtlich 3,1 beziehungsweise 3,4 Prozent wachsen. In den Industrieländern beträgt das Plus dabei im Mittel etwa zwei, in den Schwellenländern Asiens und Südamerikas sogar vier Prozent. Selbst die Staaten des mittleren und südlichen Afrikas dürften – wenn auch von viel geringerem Niveau aus kommend – um durchschnittlich 4,5 Prozent zulegen. Das alles sind keine Rekordwerte, aber doch ordentliches Mittelmaß.

Zu den Ländern, deren Wachstumsaussichten der IWF in seinem neuen Weltwirtschaftsausblick nach oben korrigiert, zählt auch die Bundesrepublik. Statt mit 0,7 Prozent, wie noch bei der letzten Aktualisierung im Juli, rechnen die Fonds-Ökonomen jetzt mit einem deutlich stärkeren Zuwachs von 1,3 Prozent. Auch für 2027 sind sie mit einem erwarteten Plus von 1,1 (bisher 1,0) Prozent leicht optimistischer. Damit liegen sie auf einer Linie mit der Bundesregierung und den großen Wirtschaftsforschungsinstituten, die unter anderem wegen der staatlichen Milliardenprogramme zur Modernisierung von Bundeswehr und Infrastruktur ebenfalls eine spürbare, wenn auch womöglich nur kurze Konjunkturbelebung erwarten.

Noch deutlich besser stehen unter den großen Industriestaaten nur die USA mit jeweils plus 2,3 Prozent und Spanien mit erwarteten Zuwachsraten von 2,5 und 1,8 Prozent da. Das einzige Land aus diesem Kreis, dessen Wachstumsperspektiven der IWF nach unten korrigiert hat, ist Frankreich: Hier sagt der Fonds Zuwächse von nur noch 0,4 und 0,7 Prozent voraus, auch Italien steht kaum besser da. Damit löst Frankreich den Nachbarn Deutschland als Wachstumsschlusslicht unter den großen EU-Staaten ab.

So richtig geheuer scheint den Washingtoner Ökonomen die überraschend stabile wirtschaftliche Entwicklung allerdings selbst nicht zu sein. Denn sie verweisen darauf, dass die Welt in den vergangenen Jahren mit einer Ballung an Problemen konfrontiert worden war, wie man sie in einem so kurzen Zeitraum noch nie erlebt habe: Pandemie, gestörte Lieferketten, Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, hohe Energiepreise, Zölle und andere neue Handelshemmnisse. Aber: „Trotz dieses Trommelfeuers an Schocks hat die globale Wirtschaft standgehalten“, heißt es im Bericht.

Begründet wird die unerwartet starke Widerstandsfähigkeit der Weltwirtschaft unter anderem damit, dass es der Staatengemeinschaft gelungen sei, die Lieferausfälle bei Öl und Gas aus der Golfregion durch eine höhere Produktion in anderen Weltregionen, den Ausbau erneuerbarer Energien, mehr Energieeffizienz und die Freigabe von Lagerbeständen abzufedern.  Zweiter wesentlicher Faktor sei der Investitionsboom im Bereich künstlicher Intelligenz, der das Wachstum insgesamt deutlich angekurbelt und Einbrüche an anderer Stelle ausgeglichen habe, so der IWF, dessen zentrale Aufgabe die Überwachung der globalen Finanzstabilität sowie die Förderung von Wachstum, Wohlstand und Beschäftigung in seinen 191 Mitgliedsländern ist.

Allerdings warnen die Experten davor, sich in den kommenden Monaten und Jahren auf diese Robustheit zu verlassen. Vielmehr könne die Weltwirtschaft ohne eine Stärkung der Lieferkapazitäten sowie ein Wiederauffüllen der vielerorts stark geschrumpften staatlichen Finanzrücklagen „bald an die Grenzen ihrer Resilienz stoßen“. Verwiesen wird unter anderem auf die deutlich gesunkenen Öl- und Gasreserven, weiter bestehende Lieferengpässe bei anderen Rohstoffen, fehlenden Kunstdünger sowie die vielen politischen Konflikte und klimabedingten Schäden. Hinzu komme, dass von den wirtschaftlichen Segnungen des KI-Booms bisher nur vergleichsweise wenige Firmen und Länder profitierten.

Ein weiterer erheblicher Risikofaktor ist dem Bericht zufolge die massiv gestiegene Verschuldung vieler Staaten, die die Anleihezinsen vielerorts auf die höchsten Stände seit Jahren oder gar Jahrzehnten getrieben hat. In zahlreichen Ländern seien Haushaltsmittel, die eigentlich dringend zur Bewältigung des demografischen Wandels, der Klimaveränderungen und neuer verteidigungspolitischer Herausforderungen gebraucht worden wären, für die Krisenbekämpfung ausgegeben worden, so der IWF. Zu der gemeinsamen Jahrestagung von Währungsfonds und Weltbank werden am Donnerstag auch Finanzminister Lars Klingbeil und Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (beide SPD) in Bangkok erwartet.

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