SZ 12.10.2026
12:36 Uhr

Ehrung: US-Forscher Robert E. Hall und Michael Woodford erhalten Wirtschaftsnobelpreis


Die beiden US-Ökonomen haben Modelle entwickelt, wie Zentralbanken und Regierungen eine Rezession abmildern oder der Überhitzung der Wirtschaft entgegenwirken können.

Ehrung: US-Forscher Robert E. Hall und Michael Woodford erhalten Wirtschaftsnobelpreis

Die globale Wirtschaftsentwicklung ist seit jeher von wechselnden Auf- und Abschwüngen geprägt. Der britische Ökonom John Maynard Keynes entwickelte bereits vor mehr als 100 Jahren Theorien dazu, wie eine Volkswirtschaft ohne große Schäden durch diese Konjunkturschwankungen gesteuert werden kann: In einer Rezession soll die Wirtschaft demnach durch Zinssenkungen und höhere Budgetdefizite angekurbelt werden, in einer Boomphase sollte das Gegenteil gelten, um eine Überhitzung zu verhindern. Während der Ölkrisen der 1970er-Jahre kippte der Glauben an die keynesianischen Modelle. Der Vorwurf: Sie hätten die Arbeitslosigkeit nicht gesenkt, sondern stattdessen zu einer unkontrollierten Inflation geführt. Doch nun erhält die konjunkturelle Stabilisierungspolitik durch Regierungen und Zentralbanken einen neuen Impuls.

Am Montag gab die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften bekannt, dass die beiden US-Ökonomen Robert E. Hall und Michael Woodford mit dem Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet werden. Die Akademie in Stockholm würdigt sie für die Entwicklung neuer makroökonomischer Modelle, die eine wirksamere Stabilisierungspolitik ermöglichen. Auf dieser Grundlage könnten gut abgestimmte fiskal- und geldpolitische Maßnahmen die Hoch- und Tiefphasen der Konjunktur abmildern.

„Die Arbeit der Preisträger hat uns eine stabile theoretische Grundlage für die Modelle geliefert, die heute von Zentralbanken und Regierungen weltweit verwendet werden. Mit ihnen sind wir besser gerüstet, um Schocks in der Wirtschaft zu bewältigen, etwa Energiekrisen oder plötzliche Veränderungen des Konsums der Haushalte“, sagt John Hassler, Vorsitzender des Komitees für den Preis für Wirtschaftswissenschaften.

Hall, 83, ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Stanford University. Von 1978 bis 2024 leitete er das Business Cycle Dating Committee des National Bureau of Economic Research (NBER), das offiziell festlegt, wann die USA in eine Rezession eintreten und wann sie endet. Er gilt als einer der wichtigsten Makroökonomen der USA, insbesondere für Konjunktur- und Arbeitsmarktforschung. Woodford, 71, ist John Bates Clark Professor of Political Economy an der Columbia University in New York. Er studierte an der University of Chicago, der Yale Law School und dem MIT, wo er 1983 in Wirtschaftswissenschaften promovierte.

Die neue Theorie blickt auf die Haushalte und Unternehmen.
Statt die Modelle auf statistischen Zusammenhängen zwischen makroökonomischen Variablen wie Inflation, Produktion und Konsum aufzubauen, wählten die beiden Preisträger eine mikroökonomische Fundierung. Die Grundfrage ist dabei, wie die Gesamtheit der einzelnen Haushalte und Unternehmen durch ihr Handeln die Wirtschaft beeinflussen. Ein zentraler Bestandteil der Modelle von Hall und Woodford ist, dass sowohl Haushalte als auch Unternehmen bei Entscheidungen über Ersparnisse oder Produktpreise zukunftsorientiert handeln. Darauf folgt in der Theorie: Wenn Regierungen und Zentralbanken ihre wirtschaftspolitischen Pläne kommunizieren würden, könnten sie diese Zukunftserwartungen beeinflussen und die Wirtschaft in die richtige Richtung lenken.

Der Wirtschaftspreis geht als einzige Auszeichnung nicht auf das Testament des schwedischen Industriellen und Dynamit-Erfinders Alfred Nobel zurück und heißt deshalb offiziell auch nicht Nobelpreis. Er wird erst seit 1969 vergeben. Bislang sind unter den 99 Preisträgerinnen und Preisträgern nur drei Frauen. Damit ist der Wirtschaftspreis der Nobelpreis, der in der Vergangenheit am seltensten Frauen zugesprochen wurde. Jüngste Preisträgerin aller Zeiten war allerdings eine Frau: Esther Duflo erhielt 2019 den Preis für Wirtschaftswissenschaften im Alter von 46 Jahren – gemeinsam mit Abhijit Banerjee und Michael Kremer für ihren experimentellen Ansatz zur Armutsbekämpfung.

Im vergangenen Jahr ging die renommierte Auszeichnung zur einen Hälfte an den israelisch-amerikanischen Wirtschaftshistoriker Joel Mokyr, zur anderen Hälfte an den Franzosen Philippe Aghion und den Kanadier Peter Howitt. Sie wurden für ihre Forschung zum stetigen Wachstum von Volkswirtschaften ausgezeichnet. Einziger deutscher Preisträger war bislang der Bonner Wissenschaftler Reinhard Selten (1930–2016). Er wurde im Jahr 1994 gemeinsam mit John Nash und John Harsanyi für ihre wegweisenden Beiträge zur nichtkooperativen Spieltheorie ausgezeichnet.

Dotiert ist der Wirtschaftspreis wie die anderen Nobelpreise in diesem Jahr mit zwölf Millionen schwedischen Kronen – einer Million mehr als in den Vorjahren. Umgerechnet entspricht das Preisgeld etwas mehr als einer Million Euro. Überreicht wird die Auszeichnung am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels, in Stockholm. In diesem Jahr feiern die Nobelpreise ein Jubiläum: Die erste Vergabe fand vor 125 Jahren statt.

In der vergangenen Woche waren bereits Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger in den Kategorien Medizin, Physik, Chemie, Literatur und Frieden verkündet worden. Unter den drei Medizin-Preisträgern sind mit Peter Hegemann und Georg Nagel diesmal zwei deutsche Forscher. Die berühmte Auszeichnung für Literatur ging in diesem Jahr an die kanadische Dichterin, Übersetzerin und Essayistin Anne Carson. Den Friedensnobelpreis bekam die südafrikanische Spitzenjuristin Navanethem Pillay für ihren Einsatz gegen Völkermord und für Menschenrechte.

In fünf Kategorien stehen die Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger 2026 fest. Der Wirtschaftspreis folgt am 12. Oktober.

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