SZ 22.03.2026
21:20 Uhr

Denkwürdige Niederlage in Augsburg: OB Weber verliert gegen SPD-Herausforderer Freund


Das hatte in dieser Deutlichkeit kaum jemand erwartet: Florian Freund gewinnt mit 56,58 Prozent der Stimmen. Der Amtsbonus hat der bisherigen CSU-Oberbürgermeisterin wenig genutzt.

Denkwürdige Niederlage in Augsburg: OB Weber verliert gegen SPD-Herausforderer Freund
Die amtierende Oberbürgermeisterin Eva Weber (CSU) gratuliert Florian Freund (SPD) zu seinem Erfolg in der Stichwahl. Foto: Stefan Puchner/dpa

Eine Wechselstimmung hatte die SPD in Augsburg ausgemacht, aber dass der Wechsel so eindeutig ausfallen wird, das mussten sie am Abend der Stichwahl alle zugeben – das hatte niemand gedacht: 56,58 Prozent für Florian Freund, den SPD-Bewerber für das Amt des Oberbürgermeisters. Er werde „Augsburg wieder in Ordnung bringen“, sagte Freund in einer ersten Reaktion im Moritzsaal bei der städtischen Wahlparty. Der SPD-Mann hat Amtsinhaberin Eva Weber von der CSU nicht nur geschlagen. Er hat ihr eine denkwürdige Niederlage verpasst, die Augsburg von Mai an auf den Kopf stellen wird.

Die CSU ist stärkste Kraft im Stadtrat, die Grünen sind zweitstärkste Kraft. Den Oberbürgermeister Augsburgs aber wird die nächsten sechs Jahre die SPD stellen. Und wie es aussieht, werden alle drei Parteien nicht umhinkommen, sich zusammenzuraufen, um eine stabile Regierung für Augsburg hinzubekommen – andere Mehrheiten sind rechnerisch nur mit Fantasie möglich. Wobei Freund bereits im Wahlkampf angekündigt und dies am Sonntagabend bekräftigt hat, dass er keine Koalition mit „Wagenburgmentalität“ bilden möchte, was er CSU und Grünen die letzten sechs Jahre immer vorgeworfen hatte. Vielmehr kündigte er „ein Experiment“ für Augsburg an, mit wechselnden Mehrheiten im Stadtrat.

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Die CSU in Person des Bezirksvorsitzenden Volker Ullrich hat Florian Freund bereits eine Zusammenarbeit angeboten. Ullrich war merklich angefressen, er trat bereits vor die Kameras, als erst knapp mehr als die Hälfte der Wahlbezirke ausgezählt waren. „Letztlich hat Eva Weber diese Wahl verloren“, sagte er in die Kameras. Es habe das Vertrauen gefehlt, dass Weber die Vielzahl an Projekten, die nicht funktioniert hätten, zu Ende bringt. Auch die Koalition mit den Grünen habe geschadet. „Dafür haben wir heute die Quittung bekommen.“

Die Oberbürgermeisterin war CSU-intern schon lange nicht mehr unumstritten, die Koalition mit den Grünen stieß zahlreichen Parteimitgliedern übel auf – darunter Volker Ullrich. Und auch die Großprojekte wie das Staatstheater, das immer teurer wurde und bei dem es einen Architektenwechsel gab, trug wohl ihren Teil zum Wahlergebnis bei. Das Theater stand stellvertretend für das, was die SPD im Wahlkampf scharf angriff: Dass die Stadt im Stillstand stehe, dass viele Projekte nicht klappten, eben dass wieder für Ordnung gesorgt werden müsse.

Weber, äußerlich gefasst, betonte auch am Abend der Stichwahl, dass Augsburg aus ihrer Sicht eine hohe Lebensqualität biete, dass die Stadt wirtschaftlich gut aufgestellt und dass dies alles ihr Verdienst sei. Aber, gestand sie ein, das sei bei den Augsburgern offenbar nicht so angekommen. Nach dem Ergebnis im ersten Wahlgang, als sie „satte 14 Prozent“ vorne lag, hätten sich wohl, argwöhnte die Oberbürgermeisterin, einige ihrer Wähler zurückgelehnt, in trügerischer Sicherheit – und hätten sich den Urnengang gespart. Bei lediglich 36,99 Prozent lag die Wahlbeteiligung bei dieser Stichwahl deutlich niedriger noch als vor zwei Wochen.

Damit könnte Weber richtig liegen, das wollte auch Freund gar nicht bestreiten. „Die Menschen, die den Wechsel wollten, haben natürlich stärker abgestimmt“, sagte auch er. Aber natürlich fielen Freund noch zahlreiche andere Argumente ein, die ihn auf die Siegerstraße brachten. „Die Menschen haben gemerkt, dass die Stadt an vielen Stellen nicht mehr so gut funktioniert wie noch vor sechs Jahren.“ Und die Erzählung von CSU und Weber, dass man das beste Augsburg aller Zeiten erlebe, habe die Menschen eher verärgert.

Der Verwaltungsfachwirt will nun wieder Lust in der Verwaltung entfachen, Entscheidungen zu treffen. Und er will den Wohnungsmarkt in Ordnung bringen, den Nahverkehr auf ordentliche Beine stelle, große Unternehmen ansiedeln. „Dann entsteht auch eine Dynamik für eine wirtschaftliche Entwicklung, auch die Klinik ist im Wahlkampf vielfach angesprochen worden.“

Freund hat verfangen mit seiner Argumentation. Er hat auch eine Mehrzahl der kleineren Gruppierungen im immer mehr zersplitterten Augsburger Stadtrat hinter sich versammelt, viele sprachen eine Wahlempfehlung zu seinen Gunsten aus. Sie alle hoffen auf einen neuen Stil im kommenden Stadtrat: Freund will eine Koalition bilden, die stabil den Haushalt verabschieden und Referentenposten besetzen soll, die auch bei Großprojekten an einem Strang zieht. Ansonsten aber will er „wieder eine Diskussion“ im Stadtrat zulassen und mit allen demokratischen Parteien wechselnd zusammenarbeiten, um Lösungen für anstehende Themen zu finden – und eben nicht nur innerhalb der Koalition beraten.

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