SZ 11.10.2026
13:09 Uhr

DFB-Frauen: Noch kein WM-Casting, aber...


Beim 4:2 gegen Australien bringen sich neue Spielerinnen in den Fokus von Bundestrainer Wück. Insbesondere Melissa Kössler und Cora Zicai zeigen, dass sich die Hierarchie im Nationalteam bis zur WM noch verändern kann.

DFB-Frauen: Noch kein WM-Casting, aber...
Melissa Kössler (vorn) erzielt den Treffer zum 1:0 gegen Australien.
Sebastian Christoph Gollnow/dpa

Der Blick von Christian Wück war in den ersten Momenten nach dem Schlusspfiff angespannt; der Bundestrainer runzelte die Stirn, während er über den Rasen lief und seine Spielerinnen abklatschte. Eben hatte er ein unterhaltsames Fußballspiel gesehen, auf der Anzeigetafel stand ein 4:2 für das deutsche Nationalteam gegen Australien zum Start in die Saison, an deren Ende im nächsten Sommer die Weltmeisterschaft in Brasilien wartet. Aber mehr als die Freude über die Tore dürfte Wück der Ärger über die turbulenten Szenen und vergebenen Chancen aus der zweiten Hälfte beschäftigt haben.

Zum Lächeln brachte ihn dann Mittelfeldspielerin Elisa Senß bei einer lebhaften Diskussion. Wück faltete die Hände erst, um zu insistieren, bewegte sie dann vor sich hin und her als Antwort auf ein Gegenargument. „Nein, nein, bleib! Bleib stehen“, ließ sich ohne Lippenlesekurs gerade so entziffern. Aber richtig gelöst lachte Wück erst, als nach seiner Ansprache im Mannschaftskreis Wolfgang Petry durch das Karlsruher Wildparkstadion hallte. Es ging los mit „Verlieben, verloren, vergessen, verzeih’n“, was durch den Auftritt im Teamcamp vor der EM 2025 – das exklusive Konzert hatten die Spielerinnen als Überraschung für den Petry-Fan Wück organisiert – in diesem Kreis für immer mit diesem Turnier verknüpft sein wird und gute Erinnerungen weckt.

Schließlich war die EM für die DFB-Frauen erfolgreich verlaufen, erst im Halbfinale war gegen die Weltmeisterinnen aus Spanien Schluss gewesen. Diese Referenz passte gut, denn von diesem Sommer in der Schweiz hängengeblieben war nicht zuletzt, wie die Deutschen Verletzungen und Rückschläge aufgefangen hatten. Und darauf kam es am Freitag direkt wieder an – mit dem Nebeneffekt, dass der Bundestrainer auch ohne ein 44-köpfiges XXL-Aufgebot wie sein Kollege Jürgen Klopp Entdeckungen und Wiederentdeckungen machte.

Zu Beginn der Vorbereitung auf das Turnier in Brasilien gewinnen die deutschen Fußballerinnen 4:2 gegen Australien. Melissa Kössler trifft zweimal – doch Bundestrainer Christian Wück hat auch Grund zum Ärger.

Für dieses und das folgende Länderspiel am Dienstag gegen Japan (17.45 Uhr, ARD) hatte Wück Ziele gesetzt, die auch in den kommenden Monaten den Weg vorgeben sollen. „Über allem steht, dass wir uns weiterentwickeln wollen“, hatte er zuletzt erklärt: „Ich möchte, dass wir in Details denken, dass wir in Details arbeiten.“ Das werde immer länger benötigen und „immens schwer“ umzusetzen sein, weil die Spielerinnen aus so vielen unterschiedlichen Vereinen kämen. Aber nach den Leistungen, die 2025 nach dem EM-Halbfinale auch den Einzug ins Endspiel der Nations League (wieder war Spanien stärker) sowie 2026 die WM-Qualifikation brachten, soll für eine erfolgreiche WM 2027 die nächste Stufe erreicht werden. Nach dem Sieg gegen Australien sagte Wück im ZDF: „Wir wollen uns vor allen Dingen nicht abhängig machen von Verletzungen, dass wir, wenn mal jemand wegbricht, an eine Systemänderung denken müssen. Wir wollen so flexibel sein, dass wir auf Eventualitäten gut reagieren können.“

Die Liste der Ausfälle war beim Auftakt lang. Verletzt, angeschlagen oder entschuldigt fehlten Kapitänin Giulia Gwinn, Torhüterin Ann-Katrin Berger, Kathrin Hendrich, Rebecca Knaak, Bibiane Schulze Solano, Vivien Endemann, Selina Cerci, Larissa Mühlhaus und Lea Schüller. Was den Bundestrainer zu einem geradezu poetisch angehauchten Satz verleitete: „Es ist kein Geheimnis, dass gerade nicht alles so läuft, wie wir es uns in einem rosaroten Himmel vorstellen.“ Sarai Linder (VfL Wolfsburg), Nicole Anyomi (London City Lionesses) sowie die erst 18-jährige Luzie Zähringer vom VfB Stuttgart rückten nach. Und zumindest dunkler färbte sich der Himmel nicht, vielmehr bildete sich ein Lichtstreif am Horizont.

Gegen physisch starke Australierinnen – Finalistinnen der Asienmeisterschaft und mit Sam Kerr in den Reihen, eine der weltweit stärksten Offensivspielerinnen – behielten die DFB-Frauen weitgehend die Kontrolle. Die Startelf brachte auch ohne die fehlenden prominenten Namen eine gewisse Erfahrung und Eingespieltheit mit. Neu waren nur Torhüterin Ena Mahmutovic, Cora Zicai auf dem Flügel und Sturmspitze Melissa Kössler. Immer wieder kamen die Deutschen zu Chancen, bis Kössler in der 23. und 30. Minute die Angriffe zu Ende brachte. Für die 26-Jährige vom US-Klub Denver Summit waren es die ersten DFB-Treffer im fünften Länderspiel.

Sie nutzte ihren Auftritt, um sich als Alternative auf einer Position zu präsentieren, die Wück als „im Moment noch ausbaufähig“ beschrieb. Bälle verteidigt und verteilt, anspielbar gewesen, Zweikämpfe gewonnen, Tore gemacht – der Bundestrainer lobte Kösslers Bandbreite: „Sie wird den anderen Mittelstürmerinnen, die wir im Kader haben, gehörig Druck machen.“ Davon dürften sich insbesondere Anyomi und Schüller angesprochen fühlen. Er wünsche sich auf dieser Position eine „eierlegende Wollmilchsau“ sagte Wück, „ich weiß aber auch, dass solche Spielerinnen sehr rar gesät sind.“ Dass es eine Fußballerin gibt, die seinem Anforderungsprofil entspricht, verhehlte er nicht: „Ich persönlich hoffe, dass Giovanna Hoffmann irgendwann wieder zurückkommt, weil sie genau das verkörpert.“ Die 28-Jährige erlitt im Oktober 2025 einen Kreuzbandriss und musste im Juli erneut am Knie operiert werden.

Obwohl er explizit noch kein WM-Casting ausrufen wollte, nutzte Wück die Gelegenheit für sieben Wechsel nach der Pause. Der 53-Jährige brachte unter anderem Debütantin Lisa Baum (FC Arsenal) und Verteidigerin Marie Müller (Portland Thorns FC), die erst im Juni ihren Einstand gegeben hatte und abermals überzeugte. „Wir wussten, dass wir Potenzial auf der Bank haben, dass wir eigentlich jede reinbringen können und sogar Positionen wechseln können“, sagte Wück zur Kadertiefe: „Genau das wollten wir ja ausprobieren.“ Zicai und die dahinter verteidigende Carlotta Wamser agierten im 4-2-3-1-System erst auf der rechten, dann auf der linken Seite, Müller rückte auch mal weiter nach vorn, Brand ließ sich bisweilen etwas fallen. Und wie Kössler nutzte Zicai ihre Chance: Viele Spielzüge liefen über ihre Seite, die 21-Jährige vom VfL Wolfsburg (vier Tore und zwei Vorlagen in sechs Bundesligaspielen) trieb die Partie an.

Wären da nicht die vermeidbaren Fehler, Unkonzentriertheiten und Abstimmungsschwierigkeiten in der zweiten Hälfte gewesen, hätte Wück vielleicht schon vor der Petry-Musik gelacht. So aber kamen die Australierinnen zu hochkarätigen Chancen, Mahmutovic konnte sich beweisen – an die Schüsse von Samantha Kerr (45.+1) und Holly McNamara (90.+2) kam die DFB-Keeperin jedoch nicht ran. Baum, Anyomi, Zicai und die wieder einmal auffällig wirbelnde Linda Dallmann ließen in der Schlussphase derart gute Gelegenheiten liegen, dass für die nächsten Treffer von Camilla Küver (83.) und Sjoeke Nüsken (90.+4) jeweils eine Ecke nötig war.

Auch das war eine Mahnung daran, dass sich das deutsche Nationalteam bei aller Liebe fürs Detail bis zur WM weiterhin manch grundsätzlichen Elementen widmen sollte – in der Offensive wie in der Defensive. Um den Kader aber muss sich der Bundestrainer gerade immerhin keine tiefgehenden Sorgen machen.

Ann-Katrin Berger ist gesetzt als Nummer eins der DFB-Frauen, fehlt jedoch in den nächsten Länderspielen. Diese seltene Chance will Bayerns Torhüterin Ena Mahmutovic nutzen.

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