SZ 28.05.2026
13:54 Uhr

(+) Yad-Vashem-Zentrum in München: Von der „Hauptstadt der Bewegung“ zur Hauptstadt der Erinnerung


In dem Zentrum am Karolinenplatz soll eine Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus stattfinden. Auch in Leipzig soll es eine Außenstelle geben.

(+) Yad-Vashem-Zentrum in München: Von der „Hauptstadt der Bewegung“ zur Hauptstadt der Erinnerung
Die Dimension des Holocaust lässt sich auch in der Halle der Namen in der Gedenkstätte Yad Vashem nur erahnen. Debbie Hill/Imago

Es ist ein Platz im Herzen Münchens, der klüger nicht gewählt sein könnte: Am Karolinenplatz, dem ehemaligen Machtzentrum der Nationalsozialisten, in Sichtweite des Gebäudes der Hochschule für Musik, das Adolf Hitler einst als „Führerbau“ diente, wird die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ein Bildungszentrum eröffnen. Yad Vashem erinnert an die sechs Millionen Opfer der Judenverfolgung durch das NS-Regime. Es ist der erste Ableger dieser Gedenkstätte in einem anderen Land. Zudem wird es eine kleinere Außenstelle in Leipzig geben, hieß es in einer Mitteilung am Donnerstag.

Im vergangenen Jahr hatte eine Delegation aus Israel mögliche Standorte in Augenschein genommen – in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Sachsen. Nun ist die Entscheidung gefallen. Vor dem Hintergrund, dass es nicht mehr viele Zeitzeugen gibt, die von den Gräueln des Holocausts erzählen können, strebt Yad Vashem eine neue Strategie an, wird sich international stärker aufstellen. Die Bildungszentren sollen die Erinnerung an die nationalsozialistische Verbrechensherrschaft wachhalten. Deutschland sei dabei so etwas wie ein „Brückenkopf“ in die Welt, hatte Ludwig Spaenle, Antisemitismusbeauftragter der bayerischen Staatsregierung, schon im November 2025 während der Standortsuche der Delegation gesagt. Nun sprach er von einer „Geste des Vertrauens“.

Das Areal zwischen Königsplatz und Karolinenplatz mit seiner klassizistischen Architektur diente den Nationalsozialisten als Aufmarschfläche, als Kulisse ihrer Macht. Hier wurde München zur „Hauptstadt der Bewegung“ ausgebaut. Unweit des Gebäudes, in dem das Bildungszentrum von Yad Vashem in etwa drei Jahren eröffnet werden soll, befindet sich seit 2015 das NS-Dokuzentrum, erbaut auf den Mauern des „Braunen Hauses“, wo die NSDAP ihr Hauptquartier hatte.

Am Karolinenplatz residiert auch das Generalkonsulat des Staates Israel hinter hohen Sicherheitsmauern. Am 5. September 2024 verübte ein Täter auf beide Gebäude einen antiisraelisch motivierten Terroranschlag. Der 18-jährige Österreicher war noch am Tatort, auf einer Grünfläche neben dem Konsulat, von der Polizei erschossen worden.

Auch der Sitz der Europäischen Rabbinerkonferenz, die 2023 von London nach München gezogen ist, liegt nicht weit entfernt. Deren Generalsekretär Gady Gronich sagte zur Standortwahl der Gedenkstätte Yad Vashem: „München hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten Kristallisationspunkte jüdischen Lebens in Europa entwickelt.“ Gerade in einer Zeit wachsender antisemitischer Bedrohungen sei Bildung der entscheidende Schlüssel. „Diese Zentren werden helfen, das Bewusstsein für die Shoah und die Verantwortung unserer Gesellschaft in die nächste Generation zu tragen, damit sich Geschichte niemals wiederholt.“

Die israelische Generalkonsulin Talya Lador-Fresher begrüßt die neue Nachbarschaft: „München war einst die Hauptstadt der Bewegung und wird nun zur Hauptstadt der Erinnerung.“ Bayern unterstreiche damit seine engen freundschaftlichen Beziehungen zu Israel und dem jüdischen Volk. Auch die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde für München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, bezeichnete die Errichtung des Zentrums in München als „nötiges Gegengewicht“ zu politischem Extremismus. „Unsere Stadt bietet perfekte Voraussetzungen für eine Einrichtung, die die Gedenkkultur in einer neuen Epoche stärken soll. Dem Judenhass ist ohne Kenntnis der Geschichte nicht beizukommen“, sagte sie am Donnerstag.

Die Gedenkstätte begründete ihre Entscheidung für die Stadt München mit ihrer strategisch günstigen Lage und ihrer Bildungslandschaft. Zudem hätten die hohen Sicherheitsstandards und die finanzielle Zusicherung der bayerischen Staatsregierung eine Rolle gespielt.„Wir möchten mit dem Bildungszentrum ein größeres Bild als bisher in den Dialog der Erinnerungskultur in Deutschland einbringen. Das wird vor allem Stimmen der Opfer beinhalten und weniger der Täter“, sagte Yael Richler-Friedman, Pädagogische Direktorin des internationalen Instituts für Holocaust-Bildung von Yad Vashem.

Ziel sei es, im geplanten Bildungszentrum die Dimension des Massenmordes zu verdeutlichen. Besucher sollen dazu angeregt werden, sich mit den komplexen menschlichen Fragen hinter den Erfahrungen der Opfer auseinanderzusetzen. Das solle eine Reflexion der eigenen Identität anregen und Empathie kreieren.

Laut Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) ist das Ziel der Einrichtung auch, den Kampf gegen Antisemitismus in Deutschland und Europa weiter zu stärken. „Gerade junge Menschen in Deutschland wissen zu wenig über die Shoah und die systematische Ermordung von Millionen Juden im Nationalsozialismus“, sagte sie. Der Leiter der Gedenkstätte Yad Vashem, Dani Dayan, teilte mit: „Da wir uns immer weiter von der Ära der Zeitzeugenberichte entfernen, ist eine historisch fundierte Holocaust-Bildung wichtiger denn je.“

„Was für eine Ehre!“ – so kommentierte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) die Entscheidung der Holocaust-Gedenkstätte für München. Bayern werde Yad Vashem ein „gutes Zuhause“ sein. Das Prinzip „Nie wieder“ müsse für immer gelten. „Dafür gebe ich als Ministerpräsident auch persönlich ein Schutzversprechen“, sagte Söder. Er hatte Yad Vashem in Israel im Jahr 2023 besucht.

Mit einem neuen Buch, das Spaziergänge empfiehlt, lässt sich erleben, wie engmaschig das Netz des nationalsozialistischen Terrorstaats in München gewebt war. Die Routen führen zu etlichen Orten, die eindrucksvoller sind als die bekannten Nazi-Bauten.

Auch der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sprach von einer „großen Ehre und zugleich Verpflichtung“. Die kleinere Einrichtung in Leipzig soll interaktive Lernräume schaffen und ihre Angebote vor allem an Pädagogen und junge Menschen in der Region und in den Nachbarländern richten. Weiter sagte Kretschmer: „Bildung und die neuen Bildungsorte sind notwendig und wichtig, um Antisemitismus, Vorurteilen und Desinformation entschieden und klar entgegenzutreten.“ Leipzig könne auch eine „Brücke nach Osteuropa“ sein.

Münchens Dritte Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD) betonte, die Ansiedlung des Bildungszentrums sei „Anerkennung und Auftrag“ zugleich. „Als ehemalige ‚Hauptstadt der Bewegung‘ trägt unsere Stadt eine besondere historische Verantwortung für die Auseinandersetzung mit dem Faschismus und die Stärkung jüdischen Lebens.“ Das NS-Dokumentationszentrum als zentraler Lern- und Erinnerungsort der Landeshauptstadt und unmittelbarer Nachbar der Einrichtung freue sich auf die zukünftige Zusammenarbeit. Dessen Direktorin Mirjam Zadoff erfuhr durch die Medien von der Entscheidung. Im Münchner Rathaus wurde die geplante erste Außenstelle von Yad Vashem einhellig begrüßt. So sprach CSU-Fraktionschef Manuel Pretzl von einer „historischen Entscheidung mit Symbolkraft“.

Im Bayerischen Landtag hatten mehrere Fraktionen das Anliegen gemeinsam unterstützt. Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende der Grünen, sagte: „Eine große Ehre für Bayern und ein starkes Zeichen für unsere Demokratie.“ Klaus Holetschek, Chef der CSU-Landtagsfraktion, meinte: „Dieses Education Center wird Generationen prägen und ist eine Investition in das Herzstück unserer freiheitlichen Gesellschaft.“ Und SPD-Fraktionschef Holger Grießhammer betonte: „Gerade Bayern trägt eine besondere historische Verantwortung. Das Zentrum kann bestehende Gedenkorte sinnvoll ergänzen.“

Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, sieht das ebenso. Das neue Bildungszentrum werde „die Arbeit unserer Gedenkstätten ideal ergänzen und neue Impulse für die historisch-politische Bildung setzen“.

Die Villa eines berühmten Schriftstellers, die zum Lebensborn-Heim wurde, eine Grundschule, in der ein Bombensuchkommando aus KZ-Häftlingen hauste, oder ein paar Meter ziviler Ungehorsam in der Stadtmitte: acht Orte mit düsterer NS-Geschichte.

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