|
18.08.2026
14:09 Uhr
|
Niclas Füllkrug stürmt wieder für Werder Bremen – und das sogar zum Discountpreis. Bleibt die Frage, ob er tatsächlich an alte Zeiten anknüpfen kann.

Man muss den Verantwortlichen des SV Werder Bremen lassen, dass sie Transfersommer für Transfersommer knallige Schlagzeilen produzieren. Ein „Transfer-Hammer“ war verkündet worden, als 2023 der Mittelfeldmann Naby Keïta aus Liverpool kam, ein „Transfer-Hammer“ war es, als vergangenes Jahr der Zwei-Zentner-Stürmer Victor Boniface aus Leverkusen geliehen wurde. Und so handelte es sich selbstredend um einen „Transfer-Hammer“, als sich am Montagabend die Nachricht verbreitete, dass sich ein hässlicher Vogel im Anflug auf Bremen befinde.
Diesen charmanten Spitznamen trägt Niclas Füllkrug mit sich, das weiß jeder, der sich für den SV Werder und überhaupt für den deutschen Profifußball interessiert. Jener Füllkrug jedenfalls landete am Dienstagvormittag zielsicher am Bremer Weserstadion, um dort seinen Medizincheck zu absolvieren. Fotos belegten, dass er mit einem hellen Käppi auf dem Kopf aus seinem weißen BMW stieg und sich in jene Räumlichkeiten begab, in denen ihn Fachpersonal in weißen Arztkitteln erwartet haben dürfte. Nun ja, was sollte da noch schiefgehen: Hatten die Bremer Ärzte nicht auch die arg ramponierten Keïta und Boniface durch die Untersuchungen gewunken?
30 Millionen Euro war der deutsche Nationalspieler seinem Klub in London wert. Nun droht ihm erneut ein mehrmonatiger Ausfall, der auch die DFB-Elf in einem wichtigen Duell betrifft.
Erwartungsgemäß schickte Werder am Nachmittag dann das offizielle Kommuniqué heraus. „Mir war es wichtig, wieder für Werder zu spielen“, wird der Stürmer darin zitiert: „Die Gespräche mit den Verantwortlichen waren gut. Ich habe richtig Lust auf Bremen und die Bundesliga.“ Füllkrug, 33, kehrt nun also zu jenem Klub zurück, bei dem er sich so wohlgefühlt hat wie nirgendwo sonst. Bei dem er so regelmäßig getroffen hat wie nirgendwo sonst. Bei dessen Fans er so beliebt war wie kein anderer Fußballer in den vergangenen Jahren. Und noch dazu handelt sich um ein Geschäft zu Discountpreisen: Die Bremer leihen den Stürmer für ein Jahr vom Premier-League-Absteiger West Ham United aus, ohne Kaufoption, allerdings auch ohne zu entrichtende Leihgebühr. Beim Gehalt soll sich Füllkrug auf massive Konzessionen eingelassen haben, auf englischem Niveau wäre er für den Traditionsklub nicht zu bezahlen gewesen. Klingt erst mal alles viel zu schön, um wahr zu sein.
Wie es sich für einen Bremer Transfer-Hammer gehört, bringt der Rückkehrer aber eben auch eine Krankenakte mit, die von den Flutlichtmasten des Weserstadions bis ans Weserufer reicht: Füllkrug befindet sich im fortgeschrittenen Fußballeralter und hat sich immer wieder mit Wehwehchen herumgeplagt. Die Achillessehne, der Oberschenkel, dazu ein Muskelbündelriss – es lag auch an wiederkehrenden Verletzungen, dass Füllkrug und der intensive Inselfußball nie recht kompatibel erschienen. In seinen eineinhalb Jahren bei West Ham brachte er es auf lediglich drei Treffer in 29 Pflichtspielen. Auch die vergangene Rückrunde, die Füllkrug leihweise bei der AC Mailand zubrachte, wirkt bei einer Ausbeute von nur einem Saisontreffer zwar, nun ja, wenig furchterregend. In Italien war es aber nicht sein Körper, der ihn am Toreschießen hinderte. Füllkrug blieb unverletzt und kam in einer Art Teilzeitmodell zum Einsatz, zumeist für die letzten zwanzig, dreißig Minuten. Das aber sehr regelmäßig.
In Mailand, wo einst gloriose Namen wie van Basten, Inzaghi oder Ibrahimovic stürmten, schaffte es der Deutsche nicht mal in den Rang eines Transfer-Hämmerchens, vielmehr hatten sich im zurückblickenden Winter sowohl Fans als auch italienische Beobachter gefragt: Chi è questo Füllkrug? In Bremen, wo seit seinem Weggang 2023 zu Borussia Dortmund notorischer Stürmermangel herrscht, wissen sie dagegen genau, welch robuste und gereifte Persönlichkeit sie sich da beschafft haben. In seinen Dienstjahren bei Werder hatte es Füllkrug zur Führungs- und Identifikationsfigur, zum deutschen Nationalspieler sowie zum Torschützenkönig in der ersten und zweiten Liga gebracht. Daraufhin spielte er in der Champions League, in der Premier League und im legendären Mailänder San-Siro-Stadion.
Fußballer mit solchen Referenzen tauchen nicht mehr oft am Osterdeich auf, die Bremer mussten somit einfach zuschlagen, als ihnen der Markt diese Transferoption bereitstellte. Zumal die Bremer Klubführung um Sportchef Clemens Fritz diese Rückholaktion akribisch vorbereitet haben soll: Die Gespräche, heißt es, zögen sich bereits seit Wochen, wenn nicht gar Monaten. Fritz und sein Stellvertreter Peter Niemeyer blieben in Lauerstellung und deuteten die Signale richtig, die von der Insel ans Weserufer gesendet wurden. Füllkrug wollte dem Vernehmen nach unbedingt zurück zu Werder, seinen dringenden Wechselwunsch hatte er überdies durch die Trennung von seinem langjährigen Berater unterstrichen.
Bei West Ham United wiederum, wo sie vor zwei Jahren stattliche 27 Millionen Euro Ablöse an den BVB gezahlt haben, hatten sie ihm symbolisch die Rückennummer entzogen und die Teilnahme am Mannschaftstraining untersagt. Als sich zudem verdichtete, dass kein Klub mehr um die Ecke biegen würde, der bereit wäre, wenigstens eine kleine Ablöse für Füllkrug zu bezahlen, ließen sich die Engländer schließlich auf ein kostenloses Leihgeschäft ein. Kostenlos? Das war das Stichwort, auf das die klammen Bremer gewartet hatten.
Sportchef Fritz und Stellvertreter Niemeyer können sich etwas darauf einbilden, wie seriös und geräuschlos sie diese Operation vorgenommen haben; ihnen ist es im Rahmen ihrer (quasi nicht vorhandenen) finanziellen Möglichkeiten gelungen, so etwas wie das Optimum herauszuholen. Ein halbwegs fitter Niclas Füllkrug dürfte weiterhin in der Lage sein, eine Mittelstürmerabteilung zu verstärken, in der die Alternativen Cedric Itten oder Keke Topp heißen. Zudem stärkt diese Verpflichtung das Lokalkolorit und somit Fritz’ und Niemeyers angeschlagene Beliebtheitswerte: Nach dem aus Freiburg geliehenen Angreifer Eren Dinkci ist Füllkrug in dieser Woche nun schon der zweite Rückkehrer, der bereits in der Jugend für Werder kickte und dem Klub emotional verbunden ist.
Mit derlei Geschäften bewerben sich die Bremer zwar nicht für irgendwelche Innovationspreise, man muss hierfür auch keine Scoutingabteilung in Mannschaftsgröße unterhalten. Doch die Elf von Coach Daniel Thioune hat in erster Linie nun mal Tore gebraucht. Und wenn da nichts entsetzlich schiefgeht, dürften sie diese in Person von Niclas Füllkrug nun gefunden haben.
Lesen Sie mehr zum Thema
In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.
Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien
Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: