SZ 25.03.2026
16:45 Uhr

(+) Vollversammlung des Münchner Stadtrats: Warum Dominik Krause jetzt schon mit „Herr Oberbürgermeister“ angesprochen wird


In Vertretung des erkrankten Dieter Reiter leitet der künftige OB die Vollversammlung des Stadtrats. Da kommen die Politiker bei der Anrede schon mal ins Stocken. Und die Grünen haben sich Demut auf die Tagesordnung geschrieben.

(+) Vollversammlung des Münchner Stadtrats: Warum Dominik Krause jetzt schon mit „Herr Oberbürgermeister“ angesprochen wird

Der designierte Oberbürgermeister klingt etwas überrascht. „Wir haben sehr viele Gäste für eine sehr kurze Tagesordnung“, sagt Dominik Krause, als der öffentliche Teil der Vollversammlung des Stadtrats am Mittwochmorgen begonnen hat. Er lacht leise vor sich hin, ein bisschen müde sieht er aus. Mehr Journalisten als üblich sind in den Großen Ratssaal gekommen, viele Kameras sind bereit zum Filmen und Fotografieren, und auf der Besuchertribüne sitzen Politikstudenten aus Kiew, die sich mal so eine Münchner Stadtratssitzung anhören und anschauen wollen.

Dominik Krause lacht, weil er natürlich weiß, dass er der Grund für die große Aufmerksamkeit ist. Er, der künftige erste grüne Oberbürgermeister einer Millionenstadt. Dann übergibt er das Wort an die Frau links von ihm, Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD). „Wir haben spannende Zeiten hinter uns“, sagt sie und gratuliert allen gewählten Stadträtinnen und Stadträten, bevor sie Krause zur Wahl gratuliert. Sie wünsche ihm „alles Gute und immer ein glückliches Händchen“. Es stünden herausfordernde Zeiten bevor. Sie appelliere „an uns alle“, so Dietl, „dass wir es gemeinsam gut hinbekommen und dass wir die Geschicke dieser Stadt gut führen“.

Dann überreicht sie ihm einen Blumenstrauß, Applaus im Saal. Krause freut sich und weiß kurz nicht so recht, wohin mit den Blumen. Netterweise werden sie ihm von hinten gleich wieder abgenommen und in eine Vase gesteckt, sodass er fortfahren kann. „Vielen Dank für den Zuspruch“, sagt Krause.

Ja, es stünden spannende Zeiten bevor, aber nun folge erstmal noch ein Monat in der bisherigen Amtsperiode, „in der ich den bisherigen Oberbürgermeister vertreten darf“. Reiter ist bis auf Weiteres krankgeschrieben, am Mittwoch ließ er mitteilen, dass er an einer „ernsthafteren Erkrankung am Herz-Kreislauf-System“ leide.

Deshalb also sitzt Krause schon an diesem Tag auf dem Platz ganz vorne in der Mitte, und deshalb ist das Interesse an dieser Sitzung so groß, obwohl nur drei Themen diskutiert werden, die unter anderen Umständen zumindest teilweise vermutlich deutlich weniger Beachtung gefunden hätten: die Bewerbung um die Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2029 oder 2031, die Sanierung des U-Bahnhofs Poccistraße und die Modernisierung eines Verwaltungsgebäudes des Abfallwirtschaftsbetriebs.

Krause hat den bisherigen OB Reiter schon oft vertreten. Und so ist dies drei Tage nach der Stichwahl einerseits eine besondere Sitzung. Und andererseits zugleich eine völlig normale Sitzung. Der künftige OB führt unaufgeregt und mit der gewohnten Ruhe durchs Programm, manchmal spricht er so leise, dass im Dauergemurmel im Saal fast untergeht, dass der Sitzungsleiter gerade etwas sagt.

Vieles ist wie immer; nach kurzer Zeit beginnt ein Hin und Her vom Ratssaal ins benachbarte Weißwurstzimmer und umgekehrt, die einen holen Kaffee, die anderen eine Breze, wieder andere türmen auf Tellern Kunstwerke aus Mandarinen- und Bananenschalen auf. Außergewöhnlich ist die Vollversammlung eher, weil sie so kurz ist – um neun Uhr begonnen, um kurz nach zehn schon wieder vorbei.

Was außerdem auffällt: Nicht nur das künftige Stadtoberhaupt, sondern auch seine Fraktion gibt sich betont zurückhaltend. Ganz anders als nach der Kommunalwahl 2020, aus der die Grünen erstmals als stärkste Fraktion hervorgegangen waren und in den Anfangszeiten der grün-roten Koalition ihr neu gewonnenes großes Selbstbewusstsein vor allem die SPD bei jeder Gelegenheit deutlich spüren ließen. Diesmal scheint die Maßgabe gegolten zu haben: Demut zeigen, bescheiden auftreten.

Wie es sich angefühlt habe, die Sitzung als neu gewählter Oberbürgermeister zu leiten? „Ganz normal“, sagt der 35-Jährige. Die neue Amtszeit starte am 1. Mai, insofern sei das an diesem Tag für ihn „business as usual“ gewesen. Wobei es in den vergangenen Jahren schon den Running Gag im Rathaus gegeben habe, dass er immer wieder versehentlich mit „Herr Oberbürgermeister“ angesprochen worden sei – weil die Stadträte es eben gewohnt sind, ihre Reden so zu beginnen.

An diesem Tag stutzen zweimal Stadträte kurz bei der Anrede. „Herr... Bürgermeister, sag’ ich jetzt mal“, sagt Beppo Brem (Grüne). Und Fritz Roth (FDP): „Lieber künftiger Oberbürgermeister oder, fürs Protokoll, noch Zweiter Bürgermeister...“

Und wie geht’s jetzt weiter? Er habe die Vorsitzenden der demokratischen Fraktionen vor den Sondierungen zu Vorgesprächen eingeladen, sagt Krause. Das sei für ihn Teil eines „anderen Umgangs“, den er im Rathaus pflegen wolle. Die ersten dieser Gespräche hätten am Dienstag stattgefunden, gleich nach der Vollversammlung sollten die nächsten folgen.

Am Freitag solle es dann erste Sondierungsgespräche mit der SPD und der CSU geben, mit Volt am Donnerstag oder Freitag. Vermutlich erst nach den Osterferien gebe es dann mehr zu verkünden. Bis dahin bräuchten nach dem Wahlkampf alle „ein bisschen Erholung“. Er selbst freue sich auf ein paar Tage Wandern in Südtirol.

Dass die sozialen Medien für ihn weiterhin eine große Rolle spielen werden, zeigte Krause am Mittwoch mit einem Video auf Instagram, in dem er sich bei den Münchnern bedankte und über seine angestrebte Führungskultur sowie seine Pläne sprach. Seit dem ersten Wahlgang hat sich seine Followerschaft verdreifacht, auf 194 000.

Der künftige Münchner Oberbürgermeister heißt dort allerdings noch immer @dominik_krause11. Eine tiefere Bedeutung habe die Zahl elf nicht, wie ein Sprecher verrät. Sie sei schlicht darauf zurückzuführen, dass der Name Dominik Krause so häufig sei, „dass nichts anderes möglich war“.

Mehr als zwei Jahrzehnte lang war Christian Ude Oberbürgermeister von München. Er wirft seiner Partei vor, jedes Verständnis für die eigene Wählerschaft verloren zu haben – und rechnet mit seinem Nachfolger Dieter Reiter ab.

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